Werder Bremen Werder rutscht ins Mittelmaß

Frankfurt. Werders Spielweise im September und Oktober ließ die Fans hoffen. Die Meisterschaft, ein Titel in der Europa League oder im DFB-Pokal, alles schien möglich. Doch nach der dritten Niederlage in Folge wird ganz deutlich: Werder ist längst keine Spitzenmannschaft mehr.
17.01.2010, 17:12
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Werder rutscht ins Mittelmaß
Von Marc Hagedorn

Frankfurt. Nach jedem Bundesligaspiel wird im Medienbereich des Stadions ein Zettel verteilt. Auf dem Papier, das so groß ist wie die Seite eines Zeichenblocks, stehen die Details zum aktuellen Spieltag; die Ergebnisse und die Tabelle, aber auch eine detaillierte Auflistung zum Spiel vor Ort: Ballkontakte, Torschüsse, Fouls, Zweikämpfe. Klaus Allofs stand im Bauch der Commerzbank-Arena vor einer Gruppe von Journalisten und hielt ein solches Papier in der Hand. Er las darin, dann schaute er auf, studierte die Daten noch einmal und blickte erneut in die Runde.

Doch wie der Werder-Boss das Blatt auch drehte und wendete - keine 15 Minuten nach dem 0:1 von Frankfurt hatten es alle schwarz auf weiß: Werder ist im Moment keine Spitzenmannschaft mehr. Man sagt, dass die Fußball-Bundesliga ein knallhartes Geschäft ist, rücksichtslos, undankbar, Erfolge sind schnell vergessen.

Werder bekommt das seit ein paar Spieltagen mit ungeahnter Wucht zu spüren. Die Ironie an der Sache ist, dass Werder mit seinen teilweise berauschenden Leistungen in der Hinrunde selbst dazu beigetragen hat, dass sich die aktuelle Schwächephase mit nur zwei Punkten aus fünf Spielen wie ein dramatischer Crash anfühlt.

Werder im September, Oktober und auch noch im November beflügelte die Phantasie. Werder im goldenen Herbst, das war Mesut Özil, das war Tempo- und Direktfußball. Am 21. November, nach dem 6:0 in Freiburg und inmitten einer Serie von am Ende 23 Spielen ohne Niederlage, war Werder für eine Nacht nach über zweijähriger Pause sogar wieder Bundesliga-Tabellenführer gewesen. Werder ließ Ball und Gegner laufen, kombinierte in einem Wahnsinnstempo nach Lust und Laune.

Und jetzt? Werder will immer noch so spielen, aber Gegner wie Schalke, der HSV oder jetzt Frankfurt machen da einfach nicht mit. Ziehen zwei Viererketten auf, beordern eine von zwei Spitzen zurück ins Mittelfeld, wollen nicht glänzen, sondern grätschen und kämpfen.

So kommt es dann, dass Werder, wie Thomas Schaaf beschreibt, "den Ball hinten rausspielen will, anstatt klar zu klären", und Frankfurt damit das Tor des Tages ermöglicht. Auf sehr ähnliche Weise gingen damit drei Spiele am Stück verloren: gegen Schalke 0:2, beim HSV 1:2 und in Frankfurt 0:1 - der goldene Herbst ist längst Geschichte.

Möglicherweise haben sich alle ein wenig blenden lassen: die Medien, die Fans, die Spieler. Die Hinrunde, das war neben Freiburg, Mainz (3:0), Hoffenheim (2:0) und Bochum (4:1) auch Frankfurt (2:3), Hannover (0:0), Nürnberg (2:2) und Köln (0:0) - vielleicht war der Herbst gar nicht nur golden.

Man habe das Potenzial für Platz eins bis acht, hatte Klaus Allofs vor ein paar Wochen mal gesagt. Nach dem Frankfurt-Spiel sagte er: "Im Moment sieht´s eher nach Platz acht aus." Mannschaftskapitän Torsten Frings sagte: "Wir haben das Zeug, uns für den Europapokal zu qualifizieren." Er meinte damit nicht die Champions League. Er meinte damit Platz fünf, die Europa League. Wie kommt das?

Wie kann das so schnell gehen, dass Bayern-Manager Christian Nerlinger am Sonntag im "DSF-Doppelpass" sagen durfte: "Erst hatte ich Werder nicht auf dem Zettel, dann hatte ich sie ganz dick auf dem Zettel, jetzt habe ich sie wieder gestrichen."

Auch das hängt wohl irgendwie mit den Wochen im September, Oktober und November zusammen: Parallel zu Werders Höhenflug stießen vor allem die "jungen Wilden" Özil, Hunt und Marin in neue Sphären vor. Am meisten Özil, den ausgewiesene Fußballexperten wie Günter Netzer und sogar Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack zur Zukunft des deutschen Fußballs stilisierten.

Danach griffen die bekannten Mechanismen des Geschäfts, es hieß sehr bald: Der FC Arsenal will Özil. Manchester United will Özil. Juventus will Özil. Als Werder den Vertrag mit Özil vorzeitig verlängern wollte, wollte Özil nicht. Auch Aaron Hunt hat seinen im Sommer auslaufenden Vertrag noch nicht verlängert.

Die offizielle Sprachregelung bis zum Wochenende lautete, dass die besagten Vertragsangelegenheiten keine Rolle spielen, keine Belastung für die Mannschaft und die Spieler darstellten. Jetzt, wo die gewünschten Ergebnisse und manchmal auch die Leistungen ausbleiben, dürfte es kein Zufall gewesen sein, dass Klaus Allofs in Frankfurt gleich zweimal sagte: "Wir müssen nicht von magischen Dreiecken reden oder darüber sprechen, welcher große Klub welchen Spieler verpflichten will."

Niemand bei Werder macht Özil und Hunt für die zuletzt schlechten Ergebnisse verantwortlich. Sie sind Teil des großen Ganzen. "Gegen Frankfurt, das war zu wenig", sagte Thomas Schaaf am Sonntag, "aber das gilt für die gesamte Mannschaft."

Dazu gehört dann auch der Sturm, der ohne Claudio Pizarro kein Sturm ist. Markus Rosenberg enttäuschte, Hugo Almeida spielte nur eine Viertelstunde lang, Marcelo Moreno war gar nicht erst mitgereist. Unstrittig ist überdies, dass die gesamte Mannschaft zum Ende der Hinrunde nicht mehr so frisch wirkte wie mittendrin.

Werder steht schon nach dem 18. Spieltag am Scheideweg: Ist diese Bundesliga-Saison - ähnlich wie die vergangene - Ende Februar, Anfang März im Prinzip schon wieder gelaufen? Bleiben allein wieder die Pokalwettbewerbe die Tür nach Europa?

Thomas Schaaf sagt Nein. Klaus Allofs sagt Nein. Die Spieler sagen Nein. "Wir müssen dafür aber die Dinge wiedererkennen, die uns ausgezeichnet haben", erklärt Schaaf. Spielen und kämpfen ist damit gemeint. Eigentlich ganz einfach. "Das", sagt Schaaf, "das ist ganz einfach."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+