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Berlin und die Folgen

Patrick Hoffmann und Christoph Bähr 12.09.2017 11 Kommentare

Polizeiaufgebot vor dem Fanblock der Bremer Hertha BSC Berlin SV Werder Bremen 1 Bundesliga 2017
Aufmarsch vor dem Gästeblock: Polizisten postieren sich während des Werder-Spiels im Berliner Olympiastadion vor den Bremer Fans. (imago)

Was geschah am Sonntag in Berlin? Diese Frage beschäftigt Fans, Vereine und Polizei auch Tage nach dem Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und dem SV Werder (1:1) noch immer. Fakt ist: Zu Spielbeginn zündeten zehn Mitglieder der Ultragruppe „Wanderers Bremen“ bengalische Feuer im Gästeblock; die Gruppe veröffentlichte am Dienstagvormittag entsprechende Fotos auf ihrer Internetseite. In der Halbzeitpause hinderten dann Mitglieder der „Wanderers“ und andere Werder-Fans die Berliner Stadionordner daran, die durch Kameraaufnahmen mutmaßlich identifizierten Täter aus dem Gästeblock zu holen. Dabei kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Unklar ist hingegen, was genau sich nach der Partie vor dem Stadion abspielte. Die Berliner Polizei berichtet, dass sie die zehn mutmaßlichen Täter festnehmen wollte und dabei von anderen Fans angegriffen wurde. Insgesamt 17 Beamte seien leicht verletzt worden, teilte die Polizei mit, 26 Werder-Fans wurden vorübergehend festgenommen. Werder-Fans wiederum haben sich am Dienstag bei MEIN WERDER gemeldet und von ungewöhnlich hartem Vorgehen der Polizei gesprochen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Vorfällen in Berlin: 

Was sagt die Polizei Berlin? Die Beamten haben nach eigenen Angaben Anzeigen wegen verschiedener Körperverletzungsdelikte, Landfriedensbruchs, Hausfriedenbruchs, Widerständen und versuchten Gefangenenbefreiungen geschrieben. Die 26 vorläufig Festgenommenen seien alle wieder entlassen worden, sagte eine Polizeisprecherin. Gegen sie beginnen nun Ermittlungsverfahren. „Sie werden angeschrieben und können sich zu den Vorwürfen äußern“, erklärte eine Sprecherin am Dienstag. In Bremer Fankreisen wurde derweil der Vorwurf laut, dass die Polizei unverhältnismäßig hart eingeschritten sei und Werder-Ultras nach dem Abpfiff vor dem Olympiastadion attackiert habe. Ein Anhänger, der in Berlin war, berichtete gegenüber MEIN WERDER etwa, dass Polizisten am Boden liegende Menschen getreten hätten. Vorwürfe, nach denen der Einsatz zu hart gewesen sein soll, seien auch der Berliner Polizei bekannt, sagte die Sprecherin. Sie würden derzeit geprüft.

Was sagt das Fanprojekt Bremen zu den Vorfällen in Berlin? 

Das Fanprojekt veröffentlichte am späten Dienstagabend einen umfangreichen Erlebnisbericht, der die Berliner Polizei als mitverantwortlich für die Eskalation des Konflikts darstellt. So sollen die Beamten schon vor dem Spiel angekündigt haben, dass die Auswärtsfans "keinen Kindergarten" zu erwarten hätten. Zudem soll der Berliner Einsatzleiter nach dem Zünden der Pyrotechnik aus dem Bremer Fanblock das weithin übliche Vorgehen, die Verantwortlichen durch Szenekundige identifizieren zu lassen, abgelehnt haben. In der Halbzeit sei es schon im Stadioninnenraum "zu einzelnen Festnahmen vermeintlich identifizierter Personen gekommen". Nach der Partie sei dann gegen zwei verschiedene Fangruppen teils gewaltsam, auch mit Tritten und Kopfnüssen, vorgegangen worden, um Einzelne aus der Gruppe zu entfernen. Dabei soll es seitens einzelner Beamter auch zu obszönen Beleidigungen bis hin zum Ausdruck "Hurensöhne" gekommen sein.

Die Vorfälle in der Fankurve häufen sich. Hintergrund ist der Konflikt zwischen Ultras und dem DFB. Worum geht es? Es geht um Kommerzialisierung, Eventisierung, Fankultur und vieles mehr im deutschen Fußball. Die Ultras protestieren aktuell mit „Scheiß DFB“-Gesängen und Spruchbändern unter anderem gegen die Zerstückelung der Spieltage, gegen die Teilnahme der chinesischen U 20-Nationalmannschaft am Spielbetrieb in der Regionalliga Südwest, gegen Helene-Fischer-Konzerte in Halbzeitpausen und für den Erhalt der sogenannten 50+1-Regel, die die Übernahme eines Profiklubs durch einen Investor verhindern soll. Auch sorgen sich die Ultras um den Erhalt der Fankultur. Die aktive Fanszene fürchtet, zunehmend aus den Stadien verdrängt und durch zahlungskräftigeres Publikum ersetzt zu werden. Der DFB wiederum stört sich am Abbrennen von Pyrotechnik sowie an Schmähplakaten („Bullenschweine“) in den Kurven – und reagiert darauf mit Strafen, die ein verbandseigenes Gericht festlegt. Die Ultras lehnen das DFB-Sportgericht ab, vor allem, weil es in der Vergangenheit Kollektivstrafen ausgesprochen und teilweise ganze Tribünen gesperrt hat. Mitte August hat der DFB die zentrale Forderung der Ultras, Kollektivstrafen abzuschaffen, erfüllt und erklärt, vorerst darauf zu verzichten – in der Hoffnung, wieder in den Dialog mit den Fans zu treten. Das Problem: In Berlin stellte sich das Kollektiv schützend vor die vermeintlichen Täter und versuchte so zu verhindern, dass Einzelne bestraft werden.

Droht der Konflikt zu eskalieren? „Die Situation ist angespannt“, hat Manfred Rutkowski, Diplom-Pädagoge vom Fanprojekt Bremen, kürzlich im Gespräch mit MEIN WERDER gesagt. Auch Werders Klubpräsident Hubertus Hess-Grunewald mahnte im MEIN-WERDER-Interview, man müsse aufpassen, „dass die Sicherheit in den Stadien und auf dem Weg dorthin nicht negativ beeinflusst werden“. Fakt ist, dass sich trotz des Gesprächsangebots des DFB auch in der zweiwöchigen Länderspielpause wenig bis gar nichts an der Situation geändert hat. Viele Ultragruppen, auch die aus Bremen, haben auf das Angebot des DFB noch immer nicht reagiert. Wichtig ist aber auch: Bislang ist der Protest in den meisten Fällen friedlich geblieben.

Wer sind die Ultras? Die Frage lässt sich nur schwer beantworten. Die Ultras sind keine homogene Gruppe, der Begriff ist auch nicht klar definiert. Gemeinsam haben die Ultras, dass sie ihren Verein immer und überall unterstützen wollen. Charakteristisch sind ihre Dauergesänge, die oft ein sogenannter Capo mit Megafon koordiniert. Dazu kommen Choreografien, Fahnen, Banner sowie der Einsatz von verbotener Pyrotechnik, wobei sich diesbezüglich Befürworter und Gegner unter den Ultras finden. Beim Einsatz von Gewalt gibt es ebenfalls große Unterschiede – manche Ultras suchen die Gewalt, andere lehnen sie ab. Im Umfeld von Werder sind mehrere Ultragruppen aktiv, sowohl antirassistische als auch unpolitische. Sie heißen etwa „Infamous Youth“, „Wanderers“, „Ultra Team Bremen“, „Caillera“ oder „HB-Crew". Auch wenn die Ultras durch ihr Auftreten sehr präsent sind, stellen sie bei Weitem nicht die Mehrheit unter den Fußballfans dar. In ganz Deutschland wird ihre Zahl auf 25.000 geschätzt, in Bremen auf 700.

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