Rätsel um Werder Bremens Heimschwäche Werder wackelt im Weserstadion

Bremen. 40.000 Fans sollten das Team von Werder Bremen eigentlich beflügeln, doch will es in der laufenden Bundesliga-Saison mit den Siegen im Weserstadion nicht so richtig klappen. Die Gründe dafür sind taktischer und psychologischer Natur.
09.03.2010, 10:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Werder wackelt im Weserstadion
Von Marc Hagedorn

Bremen. Es klang ganz logisch, was Claudio Pizarro vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart sagte. Warum Werder gewinnen werde, lautete die Frage. 'Na, weil wir zu Hause spielen', hatte Werders Top-Stürmer gesagt. Klar, ein Heimspiel, das heißt: Fast 40000 Fans im Rücken haben. Auflaufen in vertrauter Umgebung. Der Herr im grün-weißen Hause sein. Kurz: den Heimvorteil genießen. Das ist die Theorie. In der Praxis sieht das anders aus. Werder hat nur vier von zwölf Bundesligaspielen im Weserstadion gewonnen, lediglich jedes dritte Heimspiel also.

17 von 36 möglichen Punkten holten die Bremer in Bremen. Weniger waren es zuletzt vor elf Jahren. In der Spielzeit 1998/99 Punkte lag die Ausbeute nach zwölf Heimspielen bei elf Zählern, in den Jahren danach immer zwischen 21 und 30. Bis zu dieser Saison. Werder schwächelt im eigenen Stadion und liegt mit dieser Entwicklung genau im Trend. Ein bisschen Statistik: In der Bundesliga-Hinrunde gewannen die Heimmannschaften 58 Spiele, die Gästeteams siegten 47 Mal. 48 Spiele endeten unentschieden.

Mit Tempo Nadelstiche setzen

Diese Zahlen beschreiben den Höhepunkt einer Entwicklung, die seit einigen Jahren nachweisbar ist. Eva Heinrichs von der Universität Dortmund hat in ihrer Diplomarbeit über 71000 Spiele ausgewertet. Titel der Analyse: 'Mythos Heimvorteil'. Der Heimvorteil, so das Ergebnis, ist längst keiner mehr. Die Gründe dafür sind taktischer und psychologischer Natur.

Zur Taktik: Fußball ist in den vergangenen Jahren zu einem Konterspiel geworden. Die Abwehrspieler stehen dichter, die Mittelfeldreihen immer kompakter. Viererkette und Doppelsechs, mit der übrigens die ersten acht Teams der aktuellen Bundesligatabelle agieren, machen die Räume eng. Oft spielt sich das Geschehen 20 Meter rechts und links der Mittellinie ab. Das in Wirklichkeit immer noch über 100 Meter lange Spielfeld ist auf diese Weise oft nur noch 40 Meter lang.

'Wir können durch unsere solide Grundordnung bei Balleroberung mit schnellen Aktionen Nadelstiche setzen', sagt Felix Magath, dessen Schalker mit dieser Ausrichtung zur stärksten Auswärtsmannschaft geworden sind. Nur Bayern und Werder (sechs Siege, 22 Punkte) sind auswärts genauso erfolgreich. Die Tempofußballer Mesut Özil, Aaron Hunt und Marko Marin sind wie geschaffen für das Konterspiel. Während der Gegner seine Abwehrreihen noch sortiert, sind die Stürmer schon am Strafraum angekommen.

Voraussetzung dafür ist die Balleroberung und das schnelle Umschalten auf Angriff, nur dann haben die Stürmer den nötigen Raum. Den hat Werder im Weserstadion nur selten. 'Die Gegner stellen sich häufig hinten rein', sagt Mannschaftskapitän Torsten Frings. Zwar liest sich die Statistik nach jedem Heimspiel gut: Werder hat fast immer deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner, und wenn man selbst den Ball hat, kann der Gegner kein Tor schießen, heißt es ja auch. In Ballbesitz zu sein, bedeutet aber auch, das Spiel gestalten zu müssen. Und da, sagt Bundestrainer Joachim Löw, 'ist es einfacher, ein Spiel nicht zu gestalten'. Der Fußball, so Löw weiter, 'hat sich besonders in der Kunst der Verteidigung enorm entwickelt'.

Pausenlose Kritik ist nicht leistungsfördernd

In Heimspielen, und hier kommt die Psychologie ins Spiel, kippt das vermeintliche Plus, die Fans im Rücken zu haben, leicht ins Minus, wenn die Zuschauer bei Querpässen und längerem Ballgeschiebe anfangen zu pfeifen. Überhaupt ist das mit den Pfiffen gegen die eigene Mannschaft so eine Sache. Es gibt sie auch im Weserstadion. Zu Saisonbeginn war Aaron Hunt oft Opfer von Unmutsäußerungen, später Tim Borowski, am Wochenende hatten sich einige Zuschauer Mesut Özil, Sebastian Prödl und Aymen Abdennour ausgeguckt. Die Sportpsychologie warnt davor.

'Pfiffe in einem Spiel stellen noch kein Problem dar', sagt Prof. Dr. Bernd Strauß von der Universität Münster, 'problematisch wird es jedoch bei pausenloser Kritik, sie ist nicht leistungsfördernd.' Der Sportpsychologe hat sich mit der Studie 'Wenn Fans ihre Mannschaft zur Niederlage klatschen' habilitiert. Strauß sagt: 'Die ,normalen? Gesänge, also die Anfeuerungen, die standardisierten Abläufe wie etwa beim Einlaufen ins Stadion nimmt ein Profi viel weniger wahr als ungewöhnliche Dinge.' Zum Ungewöhnlichen gehören bengalische Feuer, Leuchtraketen, Wurfgeschosse. Und eben Pfeifkonzerte gegen die eigene Mannschaft. Torsten Frings sagt zwar: 'Kommentare, die von der Seite kommen, ignoriere ich. Unsere Fans stehen zu uns.' Routinier Frings mag das einordnen können. Aber jüngere Profis? Fußball ist nicht nur Fuß-, sondern auch Kopfsache.

Dass Werder im DFB-Pokal und in der Europa League einen Heimsieg nach dem nächsten feiert, ist für Prof. Strauß übrigens kein Widerspruch. Im DFB-Pokal waren zweimal Zweitligisten zu Gast, in der Europa League unter anderem der FK Aktobe, Nacional Funchal, Austria Wien. Mannschaften, sagt der Wissenschaftler, die schlicht und einfach eine geringere Leistungsstärke haben als die meisten Mannschaften in der Fußball-Bundesliga.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+