Werder Bremen Wiese: Keine Sprüche vor dem Duell mit Neuer

Bremen. Das Spitzenspiel zwischen Schalke 04 und Werder Bremen am Sonnabend ist auch das Duell der WM-Kandidaten Manuel Neuer und Tim Wiese. Der Bremer Keeper hält sich vor dem direkten Vergleich verbal zurück und setzt auf seine gewohnt guten Leistungen.
30.04.2010, 00:28
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Wiese: Keine Sprüche vor dem Duell mit Neuer
Von Marc Hagedorn

Bremen. Es scheint fast so, als wüssten ein paar Menschen in der norditalienischen Region Emilia Romagna mehr als Millionen deutscher Fußballfans. In Modena hat der Großverlag Panini seinen Stammsitz. Unter anderem gibt das Familienunternehmen alle vier Jahre ein Sammelalbum für Klebebildchen zur Fußball-WM heraus. Darin sind Porträts der Nationalspieler aller teilnehmenden Mannschaften enthalten. 17 Köpfe pro Team, für die deutsche Auswahl in der aktuellen Auflage zum Beispiel Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und natürlich Michael Ballack. Auch in der Torwartfrage hat sich Panini festgelegt: Es gibt Abziehbildchen von René Adler - und Tim Wiese.

Eines von Manuel Neuer steckt in keiner der zig Millionen Aufreißtütchen. Das Panini-Duell hat Tim Wiese gegen Manuel Neuer also schon gewonnen. Morgen allerdings kommt es zum direkten Aufeinandertreffen dort, wo es wirklich zählt, auf dem Platz, in der Arena auf Schalke. Werder gegen Schalke ist auch Wiese gegen Neuer. Oder nach allgemeiner Einschätzung Nationaltorwart Nummer drei gegen Nationaltorwart Nummer zwei. Obwohl der Bremer das Thema herunterspielt.

'Mich interessiert nicht, wer beim Gegner im Tor steht', sagt Tim Wiese.

Das könnte man glatt als Spitze gegen den Rivalen interpretieren. Tim Wiese hat das vor gar nicht langer Zeit ganz gern mal gemacht, er hat mit ein paar knackigen Sätzen ein bisschen Pfeffer, ein bisschen Würze ins Spiel gebracht. Jetzt verkneift er sich das. Höchstens noch, wenn ein Torwart-Rentner in spe wie Jens Lehmann ihn mal ärgert, zahlt Wiese auf Bitten der Reporter mit Sprüchen zurück, so wie jüngst nach Lehmanns skurrilem Auftritt im Aktuellen Sportstudio.

Vor dem Schalke-Spiel verzichtet Wiese auf eine Kampfansage. Er erklärt stattdessen: 'Mich interessiert generell nie, wer beim Gegner im Tor spielt.' Werders Torwarttrainer Michael Kraft sagt: 'Tim hat dazugelernt.' Fernsehexperte Stefan Effenberg sagte kürzlich zum Thema Tim Wiese und die Nationalmannschaft beim TV-Sender Sky: 'Tim lehnt sich nicht mehr so weit aus dem Fenster, das ist klug. Er weiß, dass er sein Ding machen muss. Der Rest kommt dann von selbst.' Sein Ding - das sind gute Leistungen.

Bundesliga-Wochenende für Bundesliga-Wochenende gerät keine andere Position derart in den Fokus wie die des Torwarts. Die Reporter, die Fans im Stadion, die Zuschauer am Fernseher, kurz das ganze Fußballland schaut genau hin, wie Adler hält, was Wiese macht, ob Neuer patzt.

Gehalten, gemacht und gepatzt haben alle drei in dieser Saison schon. Im Moment ist René Adler dabei, nach einer Verletzung zurück ins Leverkusener Tor zu kehren. Bei Manuel Neuer wechseln sich souveräne Vorstellungen (Hertha, Stuttgart) und unglückliche Auftritte (Hannover, Gladbach) ab. Tim Wiese spielt konstant gut - nicht überragend, aber ohne Patzer. Bundestrainer Joachim Löw zieht aus dieser Bestandsaufnahme den Schluss, dass er an seiner Einschätzung nichts ändern muss. Adler ist die Nummer eins im DFB-Team und - so die offizielle Sprechart - Neuer und Wiese gleichwertiger Ersatz.

So ganz mag man das nicht glauben. Es gibt vielmehr Indizien dafür, dass Löw und sein Torwarttrainer Andreas Köpke Manuel Neuer leicht im Vorteil sehen. Bei Löw kommt Wieses vorlaute Art nicht so gut an, und bei Köpke hört man den Vorteil für Neuer immer dann heraus, wenn die Rede auf das 'moderne Torwartspiel' kommt.

Adler und noch mehr Neuer gelten als Prototypen des Torwarts der Zukunft. Der Torwart der Zukunft hält nicht nur klasse, er spielt auch noch genauso gut Fußball wie ein Feldspieler. Er ist im Prinzip der elfte Feldspieler, macht das, wofür früher mal der Libero zuständig war. Er stopft Löcher in der Abwehr, läuft lange Bälle ab, der moderne Torwart ist immer häufiger dort unterwegs, wo einst der Libero unterwegs war, sieben, acht Meter vor dem Strafraum. 'René und Manuel sind mit dieser Art des Torwartspiels groß geworden', sagt Michael Kraft, 'vor zehn Jahren sah das in Deutschland noch anders aus.'

Vor zehn Jahren war Tim Wiese gerade den A-Junioren von Bayer Leverkusen entwachsen und zum Regionalligisten Fortuna Köln gewechselt. Anders als Adler und Neuer musste er sein Torwartspiel mit den Jahren umstellen. Erfolgreich, wie Michael Kraft sagt: 'Im Training spielt Tim häufig im Feld, und dann sieht man, was er fußballerisch draufhat.' Ob das inzwischen alle mitbekommen haben?

Neue Torwartschule gegen alte Torwartschule - das Thema hatte Deutschland schon mal vor vier Jahren. Damals entschied sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann für den fußballspielenden Torwart Jens Lehmann und gegen den überragenden Linientorwart Oliver Kahn. Das überraschte dann auch die Macher von Panini. Zur WM 2006 hatten sie Hunderttausende Klebebildchen von Oliver Kahn drucken lassen. Auf Jens-Lehmann-Sticker hatte Panini verzichtet. Erst nach harschem Sammlerprotest ließ man Hunderttausende Lehmänner nachdrucken.

Das möchte man sich diesmal ersparen. Es wäre im Sinne von Tim Wiese.

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