Werder Bremen Wiese wird vom Pech begleitet

Bremen. Werder-Torwart Tim Wiese hat in der laufenden Saison schon einige unglückliche Phasen erlebt. Zunächst bleibt der 29-Jährige ohne WM-Einsatz, dann kassiert er in der Bundesliga jede Menge Gegentore. Mit dem Foul an Thomas Müller hat sich Wiese jetzt selbst geschwächt.
01.02.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wiese wird vom Pech begleitet
Von Olaf Dorow

Bremen. Das Ambiente wird sehr festlich sein am Freitag. Es wird der Festsaal sein, im Harenberg City Center am Dortmunder Königswall. Im 18. Stockwerk befindet sich dieser Festsaal, und Bundestrainer Joachim Löw wird in ihm verkünden, wer dabei ist und wer nicht, wenn am Mittwochabend der kommenden Woche der dreifache Weltmeister Deutschland gegen den vierfachen Weltmeister Italien spielt.

Viele Bremer Namen werden wohl nicht aufgerufen werden über den Dächern von Dortmund. Womöglich wird Per Mertesacker sogar der einzige Werder-Profi sein, den Löw in den Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beruft. Tim Wiese, der zuletzt immer dabei war, wenn vielleicht auch nicht mittendrin, wird nach Lage der Dinge fehlen.

Nach Lage der Dinge reichen für die drei Tage, die der DFB-Zirkel zweimal mit einem Training und dann also einmal mit einem Freundschaftsspiel gegen Italien ausfüllen wird, zwei Torhüter. Einen für den Kasten, einen für die Ersatzbank. Jedenfalls wurde es zuletzt immer so gehandhabt, wenn die DFB-Gruppe sich für nur drei Tage traf; fürs Italien-Spiel erwartet man nun sowieso den Schalker Manuel Neuer sowie auch eher den Leverkusener René Adler.

"Ich denke schon, dass ich eingeladen werde", sagte in Bremen gestern Tim Wiese, als er am Mittag nach der ersten Trainingseinheit aus der Kabine kam. Das Training hatte, wie so oft schon an einem Montag in dieser Saison, aus der Videoanalyse eines verloren gegangenen Spiels bestanden. Es war nicht alles schlecht beim 1:3 gegen Bayern, das nicht, aber es gab wieder genug Fehler, die zur Niederlage führten. Und am Ende hatte auch noch Torwart Wiese einen Fehler begangen, als er um den Bruchteil einer Sekunde zu spät aus seinem Tor herausgeeilt war, aus dem er dann besser nicht herausgeeilt wäre, wie sich später herausstellte.

Das alte Problem blitzt auf

Die Zeitlupe von seinem Foul gegen Thomas Müller sah dann unschön aus. Wiese sah Rot, wegen rohen Spiels. Gestern sperrte ihn das Sportgericht des DFB deswegen für drei Spiele. Werder verzichtete auf einen Einspruch, das Urteil ist rechtskräftig. Die Zeitlupe legte nahe, dass Wiese den Bayern-Stürmer zwar unglücklich traf, aber nicht mit Absicht. Darauf legte der Torhüter gestern einigen Wert, als er mit den Reportern über die Szene sprach. Sein Ruf ist ja hinter den Landesgrenzen von Bremen nicht der beste, spätestens seit jener Kung-Fu-Einlage gegen den damaligen Hamburger Ivica Olic, was rund zweieinhalb Jahre her ist.

Das Unglück ist nun in der Saison, in der er endlich seine Grit geheiratet hat, sein sportlicher Begleiter geworden. Tim Wiese ist einer der wenigen Werderaner, vielleicht sollte man sagen: der einzige Werderaner, der seit dem Sommer die von ihm erwartete Leistung zeigt. Und trotzdem hat er wenig zu lachen. Im grandiosen Südafrika-Auftritt der deutschen Nationalmannschaft sollte er im Spiel um Bronze gegen Uruguay auflaufen. Zwei Tage vor dem Anpfiff zog er sich einen Infekt zu, Hans-Jörg Butt spielte. Zurück aus dem Urlaub stürzte er sich voller Tatendrang in die neue Saison, um dann in den bislang 25 Pflichtspielen, in denen er im Tor stand, 52 Treffer zu kassieren. Zwei Dinger waren es also pro Spiel. Ein miserabler Wert ist das, und er kann kaum etwas dafür.

Frust sei es gewesen, dieses Foul an Müller, sagte Wieses Chef Klaus Allofs am Wochenende. Allofs sagte es eher mitleidend, weniger rügend. "War kein Frust gewesen", widersprach gestern Wiese. Er sagte das weder augenzwinkernd noch verschwörerisch noch verschämt. Man kann das ruhig glauben, auch wenn man in einem ersten Reflex eher glauben möchte: So wie der Wiese da den Müller gelegt hat, lag der ganze Frust einer total verhunzten Werder-Saison drin.

Auf den zweiten Blick stimmt das nicht mehr so richtig, es stimmt höchstens noch, dass Wieses altes Problem mal wieder aufblitzte. Er ist jetzt 29 und seit Längerem schon Deutschlands Bester auf der Linie. Aber im Mitspielen, in dem, was der Fußballtheoretiker die Antizipation nennt, das Vorausahnen einer Situation, war er noch nie Deutschlands Bester. Er hat sich da enorm verbessert in den letzten Jahren, das haben auch der Bundestrainer Löw und dessen Torwarttrainer Andreas Köpke öffentlich so gesagt. Aber Neuer antizipiert trotzdem noch etwas besser als der Bremer Konkurrent. Als im WM-Sommer René Adler, die Nummer eins, ausfiel fürs große Turnier am Kap, entschieden sich Löw und Köpke für Neuer statt für Wiese.

Wieses Frust lässt sich mit diesem groben Foul an Thomas Müller gar nicht beweisen, dann schon eher mit jenem Kölner Wutausbruchin Trapattoni-Manier. "Was wir hier machen ist für'n Arsch", hatte Tim Wiese nach dem unterirdischen 0:3 gegen den FC gepoltert, und dann hat er noch so oft "Scheiße" gesagt, dass es selbst unter Berücksichtigung des ganzen Adrenalins in seinem Körper beängstigend viel Scheiße war.

Früh in der Saison, als die ersten Pleitespiele gespielt waren, hatte Allofs die Körpersprache des ehrgeizigen Keepers gerügt. Ein abwertendes Signal gegenüber den Kollegen aus dem eigenen Team sei das gewesen. Auch auf diesem Feld wirkt Wiese verbessert, dem ja zudem auch noch nachgesagt wird, in der Werder-Kabine von Zeit zu Zeit als Maulwurf der Boulevardpresse aktiv zu werden.

Die Körpersprache also wirkt nicht mehr so negativ, das Unglück blieb ihm und Werder trotzdem treu: Tabellenplatz 15 kennt Tim Wiese nur noch aus grauen Vorzeiten, als er noch in Kaiserslautern und nicht bei Werder, in der Champions League und der Nationalmannschaft spielte. Das ist ungefähr sechs Jahre her.

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