WESER-KURIER-Interview mit Klaus Allofs (Teil 1) "Wir sind nicht schlechter als letzte Saison"

Bremen. Werder hat viele Verletzte, wenig Punkte und hohe Ansprüche. Im Interview mit Olaf Dorow und Marc Hagedornspricht Werders Sportdirektor über die verrückte Bundesligatabelle, das Jahr eins nach Özil - und die Körpersprache von Tim Wiese.
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Von Olaf Dorow

Bremen. Das Gespräch mit Klaus Allofs ging, fast auf die Sekunde genau, eine Stunde lang. Werder hat viele Verletzte, wenig Punkte und hohe Ansprüche. Für Olaf Dorow und Marc Hagedorn bestand keine Armut an Themen, als sie gestern im Weserstadion den Werder-Chef trafen. Heute lesen Sie den ersten Teil des Interviews.

Werder ist 13. und hat acht Punkte. Trösten Sie sich damit, dass Bayern auch nicht mehr hat und Schalke nur die Hälfte?

Klaus Allofs: Und Stuttgart hat noch weniger... Nein, das ist für uns kein Trost. Das zeigt eben, welche Probleme entstehen können zu Beginn einer Saison nach einer WM. Dass da durchaus einiges durcheinanderpurzeln kann. Wenn dann noch Dinge dazukommen wie bei uns in extremer Weise durch verletzte Spieler, wenn Neuzugänge wie Wesley und Silvestre erst so spät einsteigen, dann kann es passieren, dass man nur bei 70 Prozent ist und nicht automatisch oben steht. Es ist sowieso in der Bundesliga ein harter Kampf. Acht Mannschaften können oben mitspielen, und das müssen wir jetzt erweitern: Mainz hatte man anfangs nicht auf der Rechnung.

Rechnen Sie mit Mainz jetzt bis zum Schluss der Saison?

Bei der Punktzahl, die sie haben, wird das wahrscheinlich so sein.

Ist es nur die Punktzahl oder auch die Art und Weise, wie die Mainzer spielen?

Also bei uns waren sie jetzt nicht völlig überzeugend. Wir waren sehr schwach. Es war von Mainz keine Leistung, von der ich sagen würde, sie wäre etwas ganz Außergewöhnliches, die haben jetzt was Neues für sich entdeckt. Hoffenheim, damals bei unserem 5:4 im September 2008 , das war von der Spielweise her beeindruckend. Aber klar, Mainz hat jetzt ein Riesenselbstvertrauen. Sie haben Spieler, die im letzten Jahr normal gespielt haben, und jetzt funktioniert das alles. Mit 70 Prozent steht man in der Bundesliga nicht oben, das merken auch die Bayern. In anderen Ländern ist das anders. Bei uns kamen aber noch andere Dinge dazu.

Welche meinen Sie?

Wir haben am Anfang diese Belastung mit den beiden Qualifikationsspielen gegen Genua gehabt. Das war wirklich eine Belastung. Dazwischen gab es noch das Hoffenheim-Spiel (1:4; d. Red.), und das hat uns erst mal für die Bundesliga einen Rückschlag gegeben. Es gibt also plausible Erklärungen für mich.

Spiele wie gegen Mainz oder Hannover sind plausibel erklärbar?

Nein, natürlich nicht völlig. Man muss gegen Mainz und Hannover nicht so spielen. Diese Leistungen passen da nicht rein. Auf der anderen Seite: Wir haben einen breiten Kader, aber wenn einige Leute ausfallen, dann ist das ein Qualitätsverlust. Und diese paar Prozent machen es dann aus. Da muss ich noch mal den Verweis auf die Bayern machen. Wenn Robben und Ribéry nicht dabei sind, dann ist das auch ein Qualitätsverlust. Das spüren sie jetzt auch.

Landauf, landab wird der Mainzer Konzeptfußball gelobt. Wie reagieren Sie auf so etwas?

Das machen wir schon zehn Jahre. Heutzutage muss man dem Kind ja immer einen Namen geben. Dortmund ist vielleicht das bessere Beispiel. Die haben richtig gute Spieler dabei. Sie haben eine gute Innenverteidigung und einen guten Torwart. Sie sind hinten auf der linken Seite auf einer Position, die ja eigentlich unspielbar ist, solide besetzt. Sahin hat sich sehr gut entwickelt. Dortmund hat wirklich eine gute Mannschaft beieinander. Eine Mannschaft, die lange Zeit wenig erreicht hat. Aber da läuft jetzt jeder für den anderen, sie haben diesen absoluten Biss. Diese letzten Meter, für den anderen immer wieder da zu sein, dieses „Wir sind lieber zu dritt, als dass wir einen alleine lassen“, das ist das Geheimnis. Das zeichnet Dortmund aus. Das zeichnet auch Mainz aus. Beide haben sehr gute Trainer, aber die machen keine anderen Dinge als van Gaal, als Magath – oder als Thomas Schaaf. Oder auch als Christian Gross, den ich ebenfalls für einen sehr guten Trainer halte.

Also müssen wir uns ganz naiv denken, Mainz kriegt das hin, mit drei Leuten auf den Ball zu gehen – und Werder nicht?

Wir kriegen das auch hin. Über die Saison betrachtet, haben wir das in der Vergangenheit häufiger hinbekommen als Dortmund und Mainz. Die Kunst ist, das über einen langen Zeitraum zu machen. Die Bayern kriegen das im Moment auch nicht hin. Trotzdem werden sie am Ende oben stehen. Es sind ja gerade diese kleinen Dinge, die sich manchmal entwickeln: Da ist die Nummer zwölf oder 13 unzufrieden und reagiert mit Unverständnis, wenn sie mal nicht von Anfang an spielt. Dieser Raum ist momentan weder in Dortmund noch in Mainz da. Die würden jetzt am liebsten auch zusammen in den Urlaub fahren.

In Bremen wohl nicht?

Das muss auch nicht sein. Außerdem ist die Stimmung innerhalb der Mannschaft nicht schlecht. Im Umfeld stellt sich das anders dar: Da haben wir ja eine gefühlte Stimmung, als würden sich alle am liebsten in die Weser stürzen. Fakt ist, trotz Mainz und Hannover: Wir haben gegen den HSV 3:2 gewonnen. Von der Moral her war das eine große Leistung. Mailand war ein besonderes Spiel, wenn man die Umstände bedenkt, und in Leverkusen hat eine Verlegenheitself eine ordentliche Leistung gebracht. Von der Moral her sogar eine sehr gute Leistung. Manchmal kann es etwas länger dauern, um sich als Mannschaft zu finden, insbesondere wenn man immer wieder wechseln muss.

Ist Werders Kader denn in seiner Breite gut genug aufgestellt?

20 Spieler auf einem Niveau gibt es nicht. Selbst die Bayern haben keinen Ersatz für Robben, keinen für Ribéry. Ich glaube, dass unsere Mannschaft auch in der Breite genügend stark besetzt ist. Wenn ich mir das Mittelfeld anschaue, dann ist da nach den Ausfällen trotzdem ein Borowski, ein Jensen. Der Kader ist gerade im Mittelfeld von der Qualität her vorzeigbar und in der Breite ausreichend. Natürlich können wir im Sturm Pizarro nicht eins zu eins ersetzen. Erfahrung, Schlitzohrigkeit, Verlässlichkeit, das fehlt uns. Das können ein Arnautovic und ein Almeida im Moment nicht. Sonst würden sie immer spielen. Auch Sandro Wagner ist noch nicht so weit. Aber das sind Spieler, die sich dahin entwickeln können.

Und wie sieht es in der Abwehr aus?

Naldo findet in dieser Saison bislang nullkommanull statt. Stellen Sie sich mal vor, wir hätten den am Anfang der Saison verkauft und niemanden verpflichtet. Dann hätten alle gesagt, das geht doch nicht. Dann kommt noch dazu, dass Sebastian Boenisch ausfällt, zwischendurch auch noch Per Mertesacker und schließlich Clemens Fritz. Da wäre es gut, wenn wir eine ähnliche Situation hätten wie im Mittelfeld. Grundsätzlich sind wir in der Abwehr gut aufgestellt – aber was ist, wenn mal ein oder zwei Spieler ausfallen? Da müssen wir sehen, dass wir noch besser aufgestellt sind.

Warten Sie sehnsüchtig auf das nächste Transferfenster in der Winterpause?

Ich warte sehnsüchtig auf Naldo. Ich warte sehnsüchtig darauf, dass Sebastian Boenisch zurückkommt. Wenn wir dennoch Bedarf sehen, dann muss man natürlich reagieren.

Sie haben Daniel Jensen und Tim Borowski genannt. Finden Sie, dass sie zu schlecht wegkommen in der öffentlichen Wahrnehmung?

Im Einzelfall kann man das natürlich immer sagen, dass Tim da oder da zu schlecht bewertet wurde. Aber so offen müssen wir sein, dass er noch nicht diese Leistung bringt, die wir uns erhofft haben. Das geht ihm selbst genauso. Wir müssen nur sehen, dass er jetzt nicht zum Buhmann gemacht wird. Wir dürfen nicht dahinkommen, dass er rausgepickt und ausgepfiffen wird. Daniel Jensen hat vor zwei Jahren eine überragende Saison gespielt. Da war er für uns mit der wichtigste Spieler im Mittelfeld. Dann kamen Verletzungen und, und, und. Natürlich sind wir da nicht glücklich, das ist ja keine Frage. Natürlich hätte ich am liebsten den Daniel Jensen, der in dieser Verfassung von damals ist.

Hätten Sie am liebsten auch noch Mesut Özil? Ist es schwerer als gedacht, diese Qualität auf mehrere Schultern zu verteilen?

Das ist ja so ein besonderes Thema. Mit ihrem Weggang werden die Spieler glorifiziert. Wenn ich das immer so höre, hat Mesut für uns nur gute Spiele gemacht. Aber dennoch ist uns bewusst, was für ein guter Spieler Mesut ist. Wir haben nicht umsonst alles unternommen, ihn hier bei uns zu behalten. Weil wir doch wissen, dass es ein außergewöhnlicher Spieler ist, den es so häufig auf der Welt nicht gibt. Sonst wäre er jetzt nicht bei Real Madrid und hätte bei der WM nicht so gut gespielt. Es wäre ja Unsinn, wenn wir denken, so einen Spieler kann man einfach so ersetzen. Das kann man nicht. Aber, das ist meine Überzeugung und auch die des Trainers: Wir können das mit dem, was wir haben, auffangen.

Sie denken vor allem an Aaron Hunt und Marko Marin?

Wenn wir diese Überzeugung haben, bedeutet das, dass die Spieler, die dort spielen, sich weiterentwickeln müssen. So wie sich Mesut weiterentwickelt hat, um dann die Lücke zu füllen, die Diego hinterlassen hat. Ich bin überzeugt, dass Aaron Hunt das kann. Nur: Er muss bestimmender werden in seinem Spiel. Auf eine andere Art und Weise können das auch Marko Marin und Marko Arnautovic.

Und Wesley?

Das ist keiner, der so spielt wie Mesut. Aber das ist jemand, der in der Zusammensetzung das Mittelfeld sehr interessant machen kann. Er hat eine große Wirkung durch seinen großen Aktionsradius. Eine Nummer zehn, wenn wir die verpflichten könnten, was würden wir denn machen? Schalke versucht das. Tottenham holt van der Vaart. Dafür hätten wir mehr Geld ausgeben müssen, als wir für Mesut eingenommen haben. Natürlich kann man das sagen: Wir waren besser mit Mesut. Ich glaube das nicht. Wir waren nicht besser. Wir waren anders.

Tim Wiese soll das gerade öffentlich gesagt haben, dass Werder mit Özil besser war.

Ich bin absolut nicht seiner Meinung. Wenn er sagt, Mesut fehle uns an allen Ecken und Kanten, dann ist das in meinen Augen einfach falsch. Wir sind nicht schlechter als letzte Saison. Natürlich kann man sagen, Mesut hätte in der einen oder anderen Situation den Unterschied gemacht. Aber ansonsten hat sich die Mannschaft kaum verändert. Das ist eine viel zu einfache Erklärung für Leistungen, die zuletzt nicht gebracht worden sind. Tim ist ein guter Torwart, aber er muss die anderen mitnehmen.

Winkt Tim Wiese zu schnell ab, wenn ein Kollege einen Fehler macht – statt ihn anzufeuern und damit ein Signal zu geben?

Wir haben ja eben über diese Haltung gesprochen. Wenn ich jetzt Dortmund sehe oder Mainz: In keiner Sekunde des Spiels gibt es dort jemanden, der abwinkt oder der von der Körpersprache her negative Signale aussendet. Vor der WM haben wir doch hinbekommen, dass Tim in seinen Aussagen über seine Nationalmannschaftskollegen überlegter geworden ist. Wir haben keinen Maulkorb verpasst, darum geht’s auch nicht. Wir wollen nicht nur Ja-Sager. Aber wir müssen gucken: Was hat das für eine Wirkung auf die Mannschaft? Auf den Bundestrainer? Das muss ich immer berücksichtigen. Genauso muss Tim das hier an den Tag legen. Wenn wir nicht gut spielen, dann sind das auch diese Dinge. Jetzt kann man fragen, was war zuerst da: ein schlechteres Spiel oder diese Reaktionen? Da muss man eben auch gefestigter sein. Da nützen solche Aussagen nichts. Da haben wir Nachholbedarf.

Lesen Sie in der Donnerstag-Ausgabe des WESER-KURIER: Klaus Allofs über Teamchemie, den Transfersommer und das unfertige Weserstadion.

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