Werder Bremens Top-Teams Wo die Raute Spitze ist

Nicht nur die Fußballer sind erstklassig: Kein anderer deutscher Klub verfügt im Mannschaftssport über eine Leistungsdichte wie Werder Bremen – doch die kostet.
04.06.2015, 04:00
Lesedauer: 4 Min
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Wo die Raute Spitze ist
Von Thorsten Waterkamp

Hubertus Hess-Grunewald tippt zielsicher. „In den Top Drei“ verortet Werders Präsident den eigenen Klub, wenn er das eigene Leistungssport-Portfolio mit dem der bundesweiten Konkurrenz vergleicht. Nicht schlecht, der Tipp, und durchaus naheliegend angesichts der ganzen Bundesliga-Mannschaften, die sich unter der grün-weißen Raute versammeln – und doch ist er gerade von der Realität überholt worden. Die drei jüngsten Aufstiege seiner diversen Leistungsmannschaften haben den Klub von der Weser die deutsche Spitzenposition beschert: Bundesweit weist kein anderer Sportverein mit Profi-Strukturen eine derartige Leistungsdichte auf wie Werder. „Noch vor den Bayern?“, staunt Hess-Grunewald selbst.

Ja, noch vor den Bayern. Neben den deutschen Fußballmeistern bei Männern und Frauen haben die Münchner auf Erstliga-Niveau noch ihre Basketballer zu bieten sowie eine Schach-Mannschaft, die mehr schlecht als recht alljährlich die Klasse hält. Werder hält auch dank der Aufstiege der Fuß- und Handballerinnen und der U23 locker mit: Bundesliga-Fußball bei Männern und nun auch den Frauen, Bundesliga-Tischtennis, Bundesliga-Schach als aktueller Vizemeister, Zweitliga-Frauenhandball und Drittliga-Fußball. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und es stellt sich eine Frage: Ob das, was sportlich wünschenswert ist, wirtschaftlich auch leistbar ist.

Denn jeder Aufstieg kostet Geld. Dabei geht es oftmals weniger um Geld für die Sportler. Es geht um Geld für die nötigen Auswärtsreisen. Um Geld für strukturelle Notwendigkeiten. Beispiel Frauenhandball: Als Zweitligist ist Werder zwangsläufig Mitglied im Liga-Verband HBF. Kostet knapp 5000 Euro. Die Reisekosten werden in die Höhe schießen: Ging es letzte Saison mal rasch nach Oyten und Oldenburg, müssen die Bremerinnen in der eingleisigen zweiten Liga ständig nach Schwaben und Bayern – da wird der eine Abstecher nach Wuppertal fast schon ein Heimspiel sein. Der Etat der Handballerinnen jedenfalls wird sich deutlich erhöhen: Nötig sind für die zweite Liga, schätzen Insider, mindestens 150.000 Euro. So schön ein Aufstieg also auch ist: „Man muss es alles bezahlen können“, weiß Hess-Grunewald.

Aber kann Werder sich das leisten? Die Millionenverluste der vergangenen drei Geschäftsjahre werden sich weiter fortsetzen, selbst für die Saison 2015/16 hat Werder-Chef Klaus Filbry kürzlich im WESER-KURIER-Interview lediglich darauf hingewiesen, man wolle „in den Bereich der schwarzen Null“ kommen – was weitere rote Zahlen nicht ausschließt. Und: Man müsse „weiter an den Kosten arbeiten“.
Doch allein für den Leistungssport, der mit den Topteams aus Tischtennis, Handball, Schach und Frauenfußball der GmbH & Co. KG angegliedert ist, gibt Werder alljährlich Summen in siebenstelliger Größenordnung aus. Zwar erwirtschaften die Mannschaften auch eigene Sponsoringerlöse, doch das allein reicht nicht aus. Den Etat für die Tischtennis-Bundesliga beispielsweise, der im hohen sechsstelligen Bereich liegt, finanziert zu 80 bis 90 Prozent die KG – trotz eines Ausrüstervertrages und diverser regionaler Sponsoren.

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Für Hess-Grunewald ist es allerdings keine Option, den sportlichen Erfolg „auf dem Altar der Sparsamkeit zu opfern“. Sportlicher Erfolg wie ein Aufstieg, so das grün-weiße Credo, wird honoriert – oder konkreter: finanziert. Bedingung: Die Unterstützung gibt es in Maßen, vorrangig seien immer Nachhaltigkeit und Jugendarbeit. Und so verspricht der Präsident auch den Fußballfrauen nach ihrem Erstliga-Aufstieg keinen Einkaufsbummel auf dem Spielerinnenmarkt: „Wir werden die Mannschaft jetzt nicht mit sechs, sieben Nationalspielerinnen verstärken.“ Auch wenn es dann nur gegen den Abstieg gehen sollte.

Mehreinnahmen für Fußballfrauen

Immerhin steht es um die Finanzierbarkeit des Abenteuers Bundesliga recht gut. Denn die Mehrkosten, die die erste Liga mit sich bringt, „können wir bei uns durch Mehreinnahmen fast komplett kompensieren“, erklärt Hess-Grunewald. Etwa 180.000 Euro TV-Geld gibt es, dazu kommt Geld vom Versicherungskonzern Allianz, der – ein Novum im DFB – als Namenssponsor der Liga auftritt.
Anderswo gehen dagegen bei steigendem Sparzwang schnell mal die Lichter aus. In Bochum zum Beispiel: Der Zweitligist spart am Sport. Die U23, beheimatet in der Regionalliga West, wird zur kommenden Saison gestrichen. Das Sparpotenzial beziffert VfL-Vorstand Wilken Engelbracht auf „circa 1,5 Millionen Euro“. Und auch das Bochumer Frauenteam, immerhin ein Zweitligist, muss dran glauben, weil „das Sponsoreninteresse im Bereich Frauenfußball leider viel zu gering ausfällt, um dauerhaft den Spielbetrieb der Zweitligamannschaft aufrechtzuerhalten“. Dabei geht es – auf branchenübliche Summen umgelegt – um Peanuts: Medienberichten zufolge soll dem mit rund 7,5 Millionen Euro verschuldeten VfL Bochum etwa die Hälfte des rund 100.000 Euro schmalen Etats seiner Fußballerinnen gefehlt haben.

Auch andere Klubs der Fußball-Bundesliga haben ihre U23-Teams längst abgeschafft, wie Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Sie rechneten sich sportlich nicht mehr, hieß es zur Begründung. Werder rechnet anders: „Die U23 ist Kernstück unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung“, sagt Hess-Grunewald über das Nachwuchsteam. Für ihn ist es kein Kostenfaktor, sondern ein renditeträchtiges Investitionsmodell. Paradebeispiel für diese These ist der Acht-Millionen-Euro-Verkauf von Davie Selke. In der kommenden Saison sind die Bremer – neben Mainz 05 und dem VfB Stuttgart – der einzige Fußball-Erstligist, der auch die 3. Liga besetzt.

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