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Werder Bremen
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Sprung nach Europa

Nikolai Fritzsche 19.04.2017 8 Kommentare

Die aktuelle Tabellensituation ist Grund genug, sich mit einer Europa-League-Teilnahme von Werder zu befassen. Was würde es für Werder Bremen bedeuten, wieder international zu spielen?

Champions League - Werder Bremen - Inter Mailand
Der Jubel nach dem bislang letzten Bremer Europacup-Tor: Claudio Pizarro feiert seinen Treffer zum 3:0 gegen Inter Mailand mit Marko Arnautovic. Links im Bild: Inters Goran Pandev. (dpa)

Am Sonnabend gegen 17.20 Uhr könnte es so weit sein. Ein Sieg beim FC Ingolstadt, und Werder hätte den Klassenerhalt sicher. Ob Sportchef Frank Baumann dann den Satz „Jetzt wollen wir nach Europa!“ in die Kameras sagt? Vermutlich eher nicht. Für viele Fans aber ist Werder schon jetzt, nach dem Sieg im Nordderby, ein Kandidat für die Europa League. Die Tabellensituation gibt das definitiv her: Nur zwei Punkte Rückstand auf Rang sechs sind Grund genug, sich damit zu befassen, was eine Europa-League-Teilnahme für Werder bedeuten würde.

Wann qualifiziert Werder sich?

Am klarsten wäre die Lage, wenn Werder der ganz große Sprung gelänge: Tabellenplatz fünf nach 34 Spieltagen. Dann stünde schon am Saisonende fest, dass Werder in der nächsten Saison an der Gruppenphase der Europa League teilnehmen darf. Belegt Werder Rang sechs, müsste der Klub in der dritten Runde der Qualifikation einsteigen. Rang sieben berechtigt zur Teilnahme an der Europa-League-Quali, wenn ein Verein den DFB-Pokal gewinnt, der bereits für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert ist. In diesem Fall wäre der Tabellen-Sechste für die Gruppenphase gesetzt. Von den vier Halbfinalisten ist der FC Bayern sicher und Borussia Dortmund so gut wie sicher bereits qualifiziert. Die anderen beiden, Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach, haben ebenfalls noch Chancen, Rang fünf oder sechs zu belegen.

Nach dem 29. Spieltag und dem 2:1-Derbysieg gegen den HSV hat Werder 39 Punkte. Somit fehlt Werder nur noch ein Punkt, um die magische 40-Punkte-Marke zu knacken.
Auf den Europa-League-Rang sechs fehlen dem Team von Alexander Nouri gerade einmal zwei Zähler. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz 16 beträgt dagegen schon sieben Punkte.
Mit dem 2:0-Sieg in Mainz ging es los: Seither holte Werder 23 der 27 möglichen Punkte und blieb in neun Spielen ohne Niederlage. Im Bild: Thomas Delaney vor seinem Freistoßtreffer zum 2:0-Endstand.
In der Rückrundentabelle steht Werder nun schon auf dem dritten Platz. Hinter den Bayern und Hoffenheim und punkt- und torgleich mit Borussia Dortmund. Einen großen Anteil an dieser Ausbeute hat auch Max Kruse.
Fotostrecke: Wo geht’s hin mit Werder?

Wie viel Geld bringt die Europa League?

In seinen besten Zeiten hatte Werder mal 40 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto, die zu einem guten Teil aus den Einnahmen in den Champions-League-Jahren stammten. In der Europa League gibt es zwar nicht annähernd so viel Geld zu verdienen wie in der Königsklasse, aber finanziell attraktiv ist sie trotzdem. Selbst wenn Werder in der Gruppenphase ausschiede, würde der Verein, einige Siege und Unentschieden vorausgesetzt, etwa vier Millionen Euro an Prämien erhalten. Zudem würde Werder aus der Auslandsvermarktung der Bundesliga zusätzlich mindestens einen sechsstelligen Betrag kassieren. Weitere Einnahmequelle: Mehr Heimspiele bedeuten mehr Geld aus dem Ticketverkauf. Hinzu kommt, auch wenn es schwierig zu beziffern ist: Europapokalspiele würden Werder international attraktiver machen und die Bemühungen des Vereins erleichtern, neue Märkte zum Beispiel in Asien zu erschließen.

Wie würden die Fans reagieren?

Internationalen Fußball hat Bremen zuletzt am 7. Dezember 2010 gesehen, als Werder sich nach einer misslungenen Gruppenphase mit einem 3:0-Sieg gegen Inter Mailand aus der Champions League verabschiedete. Das ist mehr als sechs Jahre her – kurz genug, dass sich die meisten Werder-Fans daran erinnern können, aber auch lang genug, dass Werder bei seinen Fans wohl kaum mit Hochmut rechnen muss. Werder bräuchte wohl keine Angst zu haben, mögliche Qualifikationsspiele vor halb leeren Rängen austragen zu müssen. Auch wenn der Gegner nicht Inter Mailand heißt, sondern Viitorul Constanța (Rumänien) oder FC Birkirkara (Malta), die in diesem Jahr an der Europa-League-Quali teilnahmen. Bei Werders Rückkehr auf die europäische Fußballbühne dabei zu sein, wäre für viele Fans ein Muss, unabhängig vom Gegner. Einer, der in Werders bislang letzter Europacup-Saison dabei war, ist Tim Borowski. Der Mittelfeldmann, der 2004 mit Werder das Double gewann und 23 Mal in der Champions League und sieben Mal in der Europa League für Werder spielte, sagt: „Wochentagsspiele elektrisieren die Menschen. Sie haben auf dem Weg zum Stadion ein Lächeln im Gesicht. Man hat es gerade erst in der Englischen Woche beim Spiel gegen Schalke gemerkt."

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Was müsste im Kader passieren?

Für einen Klub, der vor einigen Wochen noch als heißer Abstiegskandidat galt, hat Werder ausgesprochen viele Spieler im Kader, die über Europapokal-Erfahrung verfügen: Torwart Felix Wiedwald (ein Europapokalspiel), die Verteidiger Lamine Sané (23 Einsätze), Niklas Moisander (39) und Santiago Garcia (3), die Mittelfeldspieler Thomas Delaney (31), Zlatko Junuzovic (15), Florian Kainz (14) und Philipp Bargfrede (12), die Angreifer Max Kruse (16), Aron Johannsson (14) und Serge Gnabry (3). Werder hat also sogar dann genug Erfahrung im Kader, wenn die beiden Erfahrensten – Claudio Pizarro (104 Einsätze) und Clemens Fritz (52) – nächste Saison nicht mehr dabei sein sollten.

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Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere Spieler im Sommer den Verein wechselt, aber zum einen kann die Europa League ein richtig gutes Argument für Spieler sein, andere Angebote auszuschlagen und bei Werder zu bleiben. Tim Borowski weiß, wie Europapokal in Bremen sich für Spieler anfühlt: „Ich fand das toll, abends zum Stadion zu fahren. Du siehst das Flutlicht aus der Ferne – als Leistungssportler sind genau das die Momente, die du erleben willst.“

Und zum anderen sind Sportchef Baumann auch im Sommer wieder gute Transfers zuzutrauen. Die sind ihm seit seinem Amtsantritt in erstaunlicher Zahl gelungen – ohne dass er Gnabry, Kruse oder Delaney die Teilnahme am Europapokal versprechen konnte. Das gilt auch für den Zugang, der für den Sommer bereits feststeht: Linksverteidiger Ludwig Augustinsson, der vom FC Kopenhagen kommt, hat als 22-Jähriger immerhin schon zehn Europapokal-Einsätze hinter sich. Für Borowski ist Baumann die ideale Besetzung bei Werder. „Seit Frank Baumann als Sportdirektor da ist, sieht man eine Stabilität, die es lange nicht gegeben hat, und es ist wieder echte Qualität im Kader."

Welche Risiken birgt der Europapokal?

Vom Abstiegskampf direkt in den Europapokal – das hat so manchen Klub schon ordentlich in Schwierigkeiten gebracht. Der Kader muss aufgerüstet werden; der ganze Verein muss sich an die zusätzliche Belastung durch Spiele während der Woche erst einmal gewöhnen. Der FC Augsburg beispielsweise schaffte es in der vergangenen Saison in die Zwischenrunde der Europa League, kämpfte in der Bundesliga aber bis zum Schluss gegen den Abstieg und steht auch aktuell auf dem Relegationsplatz. „Es stimmt schon, dass es für einige Teams nicht unbedingt von Vorteil war“, sagt Borowski. „Grundsätzlich ist es aber top, international zu spielen.“ Zumal Werder mit der Doppelbelastung durch Bundesliga und Europapokal ja schon Erfahrungen gemacht hat. Werder hat also allen Grund, nach Europa zu streben. Natürlich erst, wenn nach unten wirklich nichts mehr passieren kann.