3G-Kontrollen in Bus und Bahn "Übergriffe gelten noch immer als Kavaliersdelikt"

Ab sofort gilt die 3G-Regel in Bussen und Bahnen. Ralf Damde, der stellvertretende Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates der DB Regio, befürchtet Schwierigkeiten für Zugbegleiter und Busfahrer.
24.11.2021, 19:12
Lesedauer: 2 Min
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Von Wolfgang Mulke

Herr Damde, werden die Beschäftigten im Nahverkehr mit den Kontrollen der 3G-Regel nicht überfordert?

Ralf Damde: So, wie es jetzt ist, werden die Kolleginnen und Kollegen ins Desaster laufen. Das Gesetz ist richtiger Murks und muss praktikabel gestaltet werden. Zugbegleiter und Busfahrer sind nicht für die Durchsetzung von Bundesgesetzen zuständig und dafür auch nicht ausgebildet. Es gibt nicht genug Sicherheitspersonal im Regionalverkehr bei Bus und Bahn. Der Fernverkehr ist viel besser ausgestattet. Das liegt womöglich auch daran, dass im Fernverkehr auch Manager und Politiker unterwegs sind. Wir fordern vom Konzernvorstand der DB AG eine Gleichbehandlung bei der Ausstattung mit Sicherheitspersonal im Nah- und Fernverkehr. Es gibt keine Klassenunterschiede bei Fahrgästen und Mitarbeitern

Wie ist die Situation im Nahverkehr konkret?

Im Bus dürften die Fahrgäste nur vorne ein- und aussteigen. Der Fahrer ist allein und soll bei den Fahrgästen auch noch die 3G-Regeln kontrollieren. Verspätungen sind damit vorprogrammiert. Auch bei den Bahnen sind die Zugbegleiter allein. Wenn sich jemand nicht an die Regeln hält, müsste er die Bundes- oder Landespolizei hinzuziehen. Doch die Polizei ist gar nicht da. In diesem Fall dürfte er nicht einmal die Personalien des Fahrgastes feststellen. Das ist nur bei Schwarzfahrern möglich.

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Wie reagieren die Fahrgäste auf die Kontrollen?

90 Prozent der Fahrgäste halten sich an alle Regeln. Das Problem sind die, die bewusst gegen Impfen oder Maskentragen sind. Die Zahl der Übergriffe ist mit der Einführung der Maskenpflicht schon von 4900 im Jahr 2019 auf 8477 im vergangenen Jahr sprunghaft angestiegen. Das reicht von Beleidigungen über Messerattacken und Gaspistolenangriffen bis hin zur sexuellen Belästigung. Auf diese Situation hat die Deutsche Bahn nicht reagiert. Übergriffe gelten noch immer als Kavaliersdelikt. Daher erwarten wir durch die 3G-Regel einen weiteren Anstieg um 30 Prozent. 

Wie sollte die Bahn darauf reagieren?

Ein Punkt ist die Gleichbehandlung von Nah- und Fernverkehr bei der Ausstattung mit Sicherheitspersonal. Im Nahverkehr gibt es zu wenige Sicherheitskräfte. Mit der Berliner S-Bahn fahren in vier Stunden so viele Menschen wie im Fernverkehr an einem ganzen Tag. Das müsste sich in der Zuweisung von Sicherheitspersonal niederschlagen, tut es aber nicht. In der Region Mitte, also Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland, können wir gerade einmal drei Zugpaare am Tag kontrollieren. Und die Kollegen stehen allein da. Die Beschäftigten galten als Helden der Pandemie. Eine Wertschätzung durch Politik und Arbeitgeber sieht anders aus! Ich rate allen Beschäftigten, zunächst auf Eigensicherung bedacht zu sein. Lasst euch nicht verprügeln! 

Bedeutet das nicht, dass keine Kontrollen durchgeführt werden können?

Wenn es beim derzeitigen Personalschlüssel bleibt, wird es in der Tat schwierig. Dabei wäre auch der Verzicht auf eine Kontrolle wegen der Eigensicherung ein Problem. Denn die Verkehrsunternehmen sind dazu verpflichtet und müssen ein hohes Bußgeld bezahlen, wenn nicht kontrolliert wird. Wir fordern für die Beschäftigten daher eine Haftungsfreistellung durch die Behörden und den Arbeitgeber.

Das Gespräch führte Wolfgang Mulke.

Zur Person

Ralf Damde
ist stellvertretender Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der DB Regio und Mitglied des EVG-Bundesvorstandes.

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