Tarife 4,1 Prozent Tariferhöhung in der Chemieindustrie

Bad Honnef. Nach der Einmalzahlung im Vorjahr erhalten die 550 000 Beschäftigten der Chemieindustrie nun 4,1 Prozent höhere Entgelte. Der am Donnerstag in Bad Honnef ausgehandelte Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 15 Monaten mit gestaffeltem Einstieg.
31.03.2011, 17:20
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Bad Honnef. Nach der Einmalzahlung im Vorjahr erhalten die 550 000 Beschäftigten der Chemieindustrie nun 4,1 Prozent höhere Entgelte. Der am Donnerstag in Bad Honnef ausgehandelte Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 15 Monaten mit gestaffeltem Einstieg.

Die Erhöhung wird nach einem Leermonat wirksam. Firmen in sehr guter wirtschaftlicher Lage können sie bereits im ersten Monat zahlen. Derweil läuft der Tarifkonflikt am Bau auf eine Schlichtung unter der Regie des früheren Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Clement zu. In der Nacht waren die Verhandlungen für die bundesweit 700 000 Beschäftigten im Bauhauptgewerbe geplatzt.

Bei der Chemie sprechen gewerkschaftliche Tarifexperten vom höchsten Abschluss der laufenden Tarifsaison. "Wir wollten eine Marke setzen, die es in diesem Jahr in der Tariflandschaft noch nicht gegeben hat. Dieses Ziel haben wir erreicht", sagte der Verhandlungsführer der Gewerkschaft, Peter Hausmann. "Im vergangenen Jahr haben wir einen Brückenvertrag von der Krise in den Aufschwung abgeschlossen, sagte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. "Jetzt haben wir, wie angekündigt, einen Aufschwungvertrag unter Dach und Fach gebracht."

Aus Sicht von Commerzbank-Volkswirt Eckart Tuchtfeld ist der Abschluss allerdings "nicht so hoch, wie er auf den ersten Blick wirkt". Wegen der langen Laufzeit und mindestens eines Monats ohne Entgelterhöhung sei "das tatsächliche Volumen des Tarifvertrages eher moderat". Tuchtfeld taxiert den Chemieabschluss auf Jahresbasis gerechnet auf ein Plus zwischen 1,5 und 2,1 Prozent.

Arbeitgeber-Verhandlungsführer Hans-Carsten Hansen sprach von einem äußerst schwierigen Umfeld mit einem differenzierten Branchenbild, in dem nun doch noch ein Kompromiss erzielt worden sei. "Mit der Prozentzahl sind wir an die äußerste Grenze des Verkraftbaren gestoßen."

Es sei ein gerade noch vertretbarer Abschluss für die gesamte Branche sagte der Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie, Eggert Voscherau. Der Abschluss sei Anerkennung und Vertrauensvorschuss zugleich. "Gutes Geld für gute Arbeit, das gilt sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber."

Am Bau will die Gewerkschaft IG BAU 5,9 Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber boten in einer neuen Offerte zwei Stufen von je 2,5 Prozent an - zum 1. April und zum 1. April 2012. Nicht verständigen konnten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft auch auf eine Angleichung der Mindestlöhne in Ost- und Westdeutschland. Derzeit liegt der Mindestlohn im Osten bei 9,50 Euro und im Westen bei 10,90 Euro.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hält den Chemie-Tarifabschluss nur aufgrund der besonders guten Konjunkturlage großer Teile der Chemieindustrie für noch vertretbar. "Es ist aber kein Abschluss, der für andere Branchen einen Maßstab setzt", hieß es in einer Erklärung.

Für das erste Halbjahr stelle der Abschluss die oberste Marke dar, sagt der Tarifexperte der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Reinhard Bispinck. Eine Vier vor dem Komma sei in anderen Branchen bisher nicht erreicht worden. Das gehe in Richtung VW oder einigen Energiesektoren, aber das seien Unternehmens- und keine Branchenabschlüsse gewesen. Im speziellen Fall sei aber sicher auch der hohe Erwartungsdruck der Beschäftigten zum Tragen gekommen. Der Chemieabschluss sei für alle noch folgenden Tarifverhandlungen ein Signal. Bispinck nannte dabei die Druckindustrie, den Einzel- und den Großhandel sowie die Versicherungsbranche.

Die Vertragslaufzeit von 15 Monaten sei nicht wirklich lang, sagte Bispinck. In den vergangenen Jahren seien Laufzeiten von im Schnitt 20 bis 24 Monaten üblich gewesen.

Der neue Tarifvertrag bietet auch eine gewisse Flexibilität je nach Geschäftslage. So werden die Entgelte in Betrieben, die sich in einer sehr guten wirtschaftlichen Lage befinden, unmittelbar mit Beginn der Laufzeit erhöht, und damit einen Monat früher. In Betrieben, die sich noch nicht vollständig von der Krise erholt haben, ist es wiederum möglich, die Anhebung der Entgelte um zwei weitere Monate zu verschieben. Die Ausbildungsvergütungen werden einheitlich um 35 Euro angehoben.

Die Laufzeiten der Chemie-Verträge beginnen regional unterschiedlich: In den Tarifbezirken Nordrhein, Rheinland-Pfalz und Hessen rückwirkend zum 1. März, in Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen/Bremen, Schleswig-Holstein/Hamburg und Berlin zum 1. April und im Saarland und in Nordost zum 1. Mai. (dpa)

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