50 Jahre Containerterminal in Bremerhaven

Aufregung um die neuen Blechkisten

An diesem Dienstag wird das erste Containerterminal in Bremerhaven 50 Jahre alt. Dabei wollten die Reedereien anfangs noch per Kartell versuchen, diesen "Unfug" mit diesen "Blechkisten" zu unterbinden.
13.09.2021, 18:44
Lesedauer: 3 Min
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Aufregung um die neuen Blechkisten
Von Florian Schwiegershausen
Aufregung um die neuen Blechkisten

Das Foto aus dem Jahr 1971 zeigt die Inbetriebnahme des ersten Liegeplatzes am Containerterminal in Bremerhaven und die Fertigstellung des zweiten Liegeplatzes.

Bremenports (frei)

Diese neuen Blechkisten waren den großen Reedereien zum Ende der 1960er- Jahren nicht ganz geheuer. Die damals noch getrennten Gesellschaften Hapag in Hamburg und der Norddeutsche Lloyd in Bremen luden damals andere Reeder zu Krisensitzungen gegen die Containerisierung ein. So erinnert sich Klaus Platz als Zeitzeuge an den Beginn der Containerschifffahrt. Der ehemalige langjährige Geschäftsführer der Bremischen Hafenvertretung BHV erinnert sich daran: Ein Kartell sollte den „Unfug“ mit den Blechkisten unterbinden.

Aus diesem „Unfug“ sind in Bremerhaven inzwischen drei Containerterminals mit einer 4680 Meter langen Hafenanlage entlang der Stromkaje entstanden. Dort gibt es heute 47 Containerbrücken. Am 14. September 1971, also vor 50 Jahren, wurde in der Seestadt an der Stromkaje das erste Containerterminal eingeweiht. Klaus Platz gibt zu, dass er Ende der 1960er-Jahre wie viele seiner Kollegen ein Containerskeptiker war: „Ich war davon überzeugt: Das wird nichts. In Deutschland war doch alles durchreguliert. Wie konnte sich da solch eine Blechkiste durchsetzen?“

Bremens damaliger Hafensenator Georg Borttscheller (FDP) und der damalige Vorstand der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG), Gerd Beier, erkannten jedoch in den Containern das Potenzial. Im Rückblick berichtet Klaus Platz: „Der Hafensenator war zu diesen Zeiten gleichzeitig Vorsitzender der BHV." Diese Nähe von Politik und Hafenwirtschaft habe sich 1966 als Glücksfall erwiesen: Als die „Fairland“ der Reederei Sea-Land im selben Jahr im Überseehafen festmachte und zum ersten Mal Container auf eine Bremer Kaje stellte, hätten Borttscheller und Beyer richtig reagiert. „Die beiden waren die entscheidenden Figuren. Innerhalb kürzester Zeit standen die Verträge mit Sea-Land. Es wurden umgehend Mitarbeiter in die USA geschickt, um den Umgang mit den Containern zu erlernen“, erinnert sich Platz. Und den im Bau befindlichen Neustädter Hafen konnten sie gerade noch rechtzeitig für das Löschen von Containern anpassen.

Borttscheller erhielt dadurch den Spitznamen "Container-Schorse". Laut Platz war dies seitens der anfangs skeptischen Reedereien eher abfällig gemeint gewesen. Diese Skepsis wich, als dann ab 1970 die aus Hapag und Norddeutschem Lloyd fusionierte Hapag-Lloyd mit ihren eigenen Schiffen erkannte, wie man damit Geld verdienen konnte. Und Borttscheller und Beier sahen, dass diese Containerschiffe einen speziellen Hafen brauchten, um schneller agieren zu können.

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Außer Gras und Boden war hier nichts zur Grundsteinlegung der neuen Stomkaje für das Containerterminal im Jahre 1968.

Foto: Bremenports

Laut Bremenports-Sprecher Holger Bruns wurde damals schnell klar: "Die stadtbremischen Häfen müssen sich nah an der Küste auf die anstehende Revolution im Seeverkehr vorbereiten. Also im stadtbremischen Überseehafen in Bremerhaven." Allerdings waren die bestehenden Anlagen im Kaiserhafen oder an der Columbuskaje nicht für den Containerumschlag geeignet. Deshalb entschied die Hafendeputation 1967, den Schwerpunkt der Investitionen von Bremen nach Bremerhaven zu legen und eine 750 Meter lange Seekaje nördlich der Nordschleuse zu bauen. Damals war dort das Ende der Hafenanlagen.

Am 10. Februar 1968 fuhr Hafensenator Borttscheller nördlich der Nordschleuse mit einem Raupenbagger vor, um so symbolisch den Bau des Containerterminals zu starten. "Ein solches Projekt am offenen Gezeitenstrom war in der Welt ohne Vorbild. Die geplante Kaje musste ganz andere Lasten verkraften können als bislang für Passagierverkehr und Stückgutumschlag gebaute Kajen", stellt Bruns fest. Die Kajenkante entstand auf 40 Meter langen Stelzen mit Wellenkammern zur Wasserseite. Diese sollten vor allem bei Sturm den Wellenschlag auffangen.

Probleme bereitete allerdings der schlickige Boden. Die Pfähle hielten nicht im Untergrund. Bis 1969 waren 13 Millionen Mark buchstäblich im Schlick versackt. Der Senat mobilisierte 208 Millionen Mark – 69 Millionen davon kamen von der BLG. Um die Probleme beim Bau zu lösen, trat der Ingenieur Arnold Agatz mit 80 Jahren nochmals an, der 40 Jahre zuvor die Nordschleuse gebaut hatte. Über die Eröffnung des ersten Containerterminals am 14. September 1971 schrieb damals der WESER-KURIER: "Ein Meilenstein auf dem Weg in die Zukunft". Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) hielt eine der Reden. 21 Schiffslinien liefen damals die Häfen an. Bis Jahresende wurden bereits 300.000 Standardcontainer (TEU)umgeschlagen. Zum Vergleich: 2020 waren es 4,8 Millionen TEU.

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Die Stromkaje mit ihren Containerterminals im Jahre 2021. Es gibt für die Zukunft genug zu tun, da es noch größerer Kräne bedarf für die Containerschiffe der nächsten Generation mit Platz für mehr als 23.000 Standardcontainer.

Foto: Bremenports

Der ehemalige BHV-Geschäftsführer Klaus Platz sagt aus heutiger Sicht: "Es ist bemerkenswert, in welch kurzer Zeit das Terminal gebaut wurde." Und sowohl in Bremen als auch in Bremerhaven gibt es eine Senator-Borttscheller-Straße, die noch heute an „Container-Schorse“ erinnert. In der Hansestadt verläuft sie entlang des Neustädter Hafens östlich vorbei bis hoch zum Lankenauer Höft. In Bremerhaven ist es die Straße direkt beim Containerterminal, über die die Lkw die "Blechkisten" an die Hafenkante bringen oder von dort abholen.

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