Kommentar über die EZB-Führung Abschied von Mario Draghi

Der Euro ist stabiler, als es die D-Mark je war. Selbst Draghis Kritiker honorieren, dass der scheidende EZB-Chef die EU-Währung in der Krise stabilisierte und womöglich rettete, schreibt Philipp Jaklin.
28.10.2019, 18:30
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Abschied von Mario Draghi
Von Philipp Jaklin

Zu Mario Draghis Stärken gehörte es nie, Kritik an seinem Agieren als EZB-Chef öffentlichkeitswirksam zu entkräften. Am Ende seiner achtjährigen Amtszeit hatte der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank aber offenbar doch das Bedürfnis, sein Erbe zu verteidigen. „Wir sind weit entfernt von einer Normalisierung der Geldpolitik„, sagte der Italiener nach einer seiner letzten Sitzungen des Notenbankrates, “weil die Welt weit entfernt von einer Normalisierung ist“.

Diese Äußerung bringt vieles auf den Punkt, das die Ära Draghi geprägt hat. Wegen einer beharrlichen Politik des ultrabilligen Geldes ist er von Sparern angefeindet worden. Allerdings gibt es viele Anzeichen dafür, dass der Dauerniedrigstzins tiefere Gründe hat – und die großen Notenbanken mit ihrem Instrumentarium nur noch begrenzt Einfluss nehmen können. Klar war immer: Für eine auskömmliche Verzinsung privater Vermögen zu sorgen, gehört nicht zum Mandat der EZB.

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Deren Aufgabe ist es stattdessen, gemäß Bundesbank-Tradition die Inflation niedrig zu halten. Das hat Draghi getan, der Euro ist stabiler als es die D-Mark je war. Selbst Kritiker honorieren, dass er die EU-Währung in der Krise stabilisierte und womöglich rettete. Dass er mit billionenschweren Anleihekäufen den Spielraum der EZB extrem weit ausschöpfte, lässt die anglo-amerikanische Lehre eines international geprägten Notenbankers erkennen.

Das Dilemma seiner Nachfolgerin Christine Lagarde: Ihre Möglichkeiten als EZB-Chefin sind nun umso schmaler. Ausgerechnet die frühere Politikerin könnte, zwangsläufig, das Amt deutlich weniger politisch ausüben als der Ökonom aus Rom.

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