Nach der Diesel-Affäre

Abwrackprämie auf Konzernkosten

Deutschlands Autohersteller haben sich mit Dieselaffäre und Kartellverfahren in die schwierigste Situation seit Jahrzehnten manövriert. Nun müssen sie Kunden mit Rabatten locken.
08.08.2017, 19:09
Lesedauer: 3 Min
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Von Carsten Hoefer und Marco Engemann

Die deutsche Autoindustrie liefert sich angesichts drohender Fahrverbote und sinkender Zulassungszahlen neuer Dieselautos eine Rabattschlacht. Der VW-Konzern übertraf seine Konkurrenten am Dienstag mit der Ankündigung, Besitzern alter Dieselautos Preisnachlässe von bis zu 10 000 Euro gewähren.

Das Angebot richtet sich an alle Fahrer eines beliebigen Diesel-Fahrzeugs der Abgasnormen Euro 1 bis Euro 4, die einen Euro-6-Neuwagen von VW oder der Ingolstädter Tochter Audi kaufen. Das teilten VW und Audi nun mit.

Ähnliche, aber niedrigere Rabatte und Zuschüsse hatten zuvor bereits die Hersteller Ford, BMW und Toyota angekündigt. Daimler präzisierte derweil die Umtauschprämie, die nach Angaben vom Dienstag insgesamt 2000 Euro betragen soll.

Niedrigen Verkaufswert verhindern

Hinter den Preisnachlässen verbirgt sich eine Abwrackprämie auf Konzernkosten: Entscheidet sich ein Kunde für den Rabatt, lässt VW den alten Wagen verschrotten. Damit will Volkswagen nicht nur die Luft säubern – sondern auch verhindern, dass der Verkaufswert gebrauchter Diesel in den Keller rauscht.

„Damit entlasten wir den Markt“, sagte Deutschland-Vertriebs- und Marketingchef Thomas Zahn nun in einer Telefonkonferenz. Mit der Prämie nehme man Fahrzeuge aus dem Gebrauchtwagenmarkt, das hebe tendenziell die Preise, sagte er weiter. Das ist nach den Worten des VW-Managers eines der Ziele der Aktion.

Daimler bietet den Besitzern alter Dieselfahrzeuge eine Umtauschprämie von 2000 Euro, wenn sie ein neues Mercedes-Benz-Fahrzeug kaufen. Für einen Smart Electric Drive gibt es noch 1000 Euro, wie ein Sprecher nun mitteilte. Die Prämie bekommen Besitzer von Diesel-Autos aller Marken mit den Abgasnormen Euro-1 bis Euro-4, wenn sie bis Ende des Jahres einen neuen Mercedes-Diesel mit Euro-6, Plug-in-Hybride oder einen elektrischen Smart kaufen. Die alten Autos müssen mindestens sechs Monate auf die aktuellen Besitzer zugelassen sein.

Nicht nur für Dieselfahrer, auch für die Bilanzen der Autobauer ist die Entwicklung der Restwerte wichtig. Denn wegen vieler Leasingverträge entsteht den Unternehmen ein Risiko, wenn der Verkaufswert von Gebrauchtwagen sinkt – sie sind de facto Eigentümer der geleasten Autos. Für den Erwerb von Autos mit alternativen Antriebsarten wie Erdgas- oder Elektromotor stellt VW zudem je bis zu 2380 Euro in Aussicht. Die beiden Rabatte gelten bis Ende 2017.

Der Wolfsburger Konzern hatte vergangene Woche nach dem Berliner Dieselgipfel sogenannte Umstiegsprämien für sämtliche VW-Marken angekündigt. Die Anzahl der für die Umstiegsprämie in Frage kommenden Fahrzeuge beläuft sich nach Angaben des Kraftfahrtbundesamts auf 6,4 Millionen Autos in Deutschland mit den Abgasnormen Euro-1 bis Euro-4, wie Zahn sagte.

Mit welchen Gesamtkosten VW für die Aktion rechnet, wollte Marken-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann unterdessen nicht konkret sagen. Es handele sich aber um einen „bedeutenden“ Millionen-Euro-Betrag, teilte er mit.

Kritik von den Grünen

Fachleute gehen davon aus, dass die Rabattaktionen neben der Säuberung der Luft auch einem anderen Hauptzweck dienen: In den vergangenen Monaten sind die Zulassungszahlen neuer Diesel zurückgegangen, während Benziner, Hybride und Elektroautos zugelegt haben. So ging allein in Bayern die Zahl neu angemeldeter Diesel im ersten Halbjahr um über sechs Prozent zurück, obwohl die Autoverkäufe insgesamt zulegten.

Beim Dieselgipfel in Berlin hatten Volkswagen, Daimler, BMW und Opel außerdem „umfassende und zügige“ Updates an der Steuersoftware von etwa 5,3 Millionen Pkw der Schadstoffnormen Euro 5 und 6 zugesagt. Dabei sind etwa 2,5 Millionen Autos eingerechnet, die Volkswagen ohnehin zurückrufen muss.

Der Umweltexperte der Grünen kritisierte den Kurs: „Die Abwrackprämie von VW dient wohl eher der Dieselabsatzförderung als dem Umweltschutz“, sagte er laut Mitteilung. „Wenn VW wirklich etwas für saubere Luft in Städten tun will, sollte der Autobauer eine kostenlose Hardware-Nachrüstung für Euro 5 und 6 anbieten.“

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