Vorhersage von Verbrechen Algorithmus, übernehmen Sie!

Die Verbrechen der Zukunft vorhersagen: Was nach Sciene-Fiction klingt, ist in den USA Alltag. In Deutschland testet die Polizei eine Software, die Einbrüche vorhersehen will. Was ist davon zu halten?
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Algorithmus, übernehmen Sie!
Von Nico Schnurr

Ein Randbezirk in Chicago, Anfang 2013. Es hämmert an Robert McDaniels maroder Haustür. Eine Polizistin und ein Sozialarbeiter stehen da. Sie teilen McDaniel mit, er würde demnächst wohl in eine Schießerei verwickelt sein.

Robert McDaniel, jung, vielleicht Mitte 20, Afroamerikaner, hat nie ein wirkliches Verbrechen begangen. Er hat getan, was junge Erwachsene in seiner Gegend eben machen, rauchte Gras, spielte Karten und würfelte. Und jetzt steht er auf der heißen Liste: Robert McDaniel gehört zu den 400 gefährlichsten Menschen der Stadt. Sein Schicksal: Dauerbeobachtung. Warum er? Weil eine Software das so errechnet hat.

In Chicago sollen Maschinen die Verbrechen der Zukunft vorhersehen. Robert McDaniel hat Pech, er steht auf der falschen Seite des Algorithmus. Weil man ihn beim Kiffen und Glücksspiel erwischte. Und weil er mit jemandem befreundet war, der Opfers eines Mordes wurde. Das genügt für 215 von 500 Punkten im Ranking. Statistisches Gütesiegel: verdammt gefährlich. Robert McDaniel kann sich gegen diese Prognose nicht wehren. Er weiß ja nicht einmal, wie sie zustande gekommen ist. McDaniel steht auf der heißen Liste. Sein Name wird so schnell nicht wieder von ihr verschwinden.

Was nach Science-Fiction und Steven Spielbergs „Minority Report“ klingt, ist Alltag in Chicago. „Hollywood ist Wahrheit geworden“, sagt Matthias Heeder. Gemeinsam mit Monika Hielscher hat der Hamburger Regisseur eine Dokumentation gedreht über Robert McDaniel und die Algorithmen, die über sein Schicksal entschieden. „Pre-Crime“, seit einer Woche in den Kinos, erzählt von Datenanalyse-Software bei der Polizei. Die Dokumentation spielt in Chicago, London, München. Dort, wo „Predictive Policing“, die vorausschauende Polizeiarbeit, schon Methode ist.

Was in Chicago passiert, wo der Algorithmus etwa mit persönlichen Daten aus sozialen Netzwerken gefüttert wird, ist in Deutschland noch fern und rechtlich streng verboten. Und trotzdem: Auch die deutsche Polizei testet inzwischen immer häufiger Big Data für ihre Zwecke. In den USA ermittelt man die Gewalttäter von morgen per statischer Software, in Deutschland suchen seit einer Weile mehrere Landeskriminalämter in verschiedenen Städten die Einbrecher der Zukunft. Viele von ihnen testen Precobs, eine Software, die berechnet, wann und wo der nächste Einbruch verübt wird.

Maschinen verstehen keine Mörder. Sie handeln allzu oft impulsiv und irrational. Ihr Verhalten lässt sich kaum vorhersagen. Bei Einbrechern ist das anders. Fahnder wissen, dass Täter vor dem Einbruch eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Bestimmte Muster prägen ihr Vorgehen. Das soll die Software verwenden und eine Choreografie des Verbrechens codieren. So soll der Traum jedes Polizisten wahr werden: Schon vor dem Verbrechen wissen, wann und wo es geschehen wird.

„Predictive Policing sagt nicht jede Tat genau voraus und der Polizist kann den Täter nicht einfach am Tatort in Empfang nehmen. So funktioniert das System nicht“, sagt Dominik Gerstner. Der Kriminologe am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht hat den Einsatz der Software Precobs in den Polizeibehörden Karlsruhe und Stuttgart untersucht. Er sagt: „Precobs konzentriert sich auf mögliche Folgedelikte, die auf einem initialen Einbruch passieren könnten.“ Gerstner hält die Software für unbedenklich, Datenschutzprobleme sieht er bei dem Programm nicht. Dem System gehe es um Muster in Massenphänomenen, nicht um in Individuen. Personenbezogene Daten benötige die Software deshalb nicht, sagt er.

Früher liefen die Beamten mit Stecknadeln durchs Büro. Die Nadeln hefteten sie an eine Karte an der Wand. So versuchten sie, Muster hinter Einbruchsserien zu erkennen. Das übernimmt jetzt ein Algorithmus, den die Beamten füttern. Dafür bedienen sie sich am Archiv der Polizei. Zu jedem Einbruch der vergangenen fünf Jahre sind dort der genaue Ort und andere Daten gespeichert. Mit ihnen macht die Software aus einer Stadt einen bunten Flickenteppich. Das Programm zerlegt sie in verschiedenfarbige Quadrate: rot, gelb, grün, blau. Die Farben sagen, wie wahrscheinlich Einbrüche in dem Gebiet am jeweiligen Tag sind. Leuchtet ein Kästchen rot auf, bedeutet das: Alarm, höchste Einbruchswahrscheinlichkeit. Ausrücken, Kontrolle.

Bevor die Polizisten in die Gegend fahren, prüfen sie die Prognose. Wenn jemand etwa seinen Verlobungsring vom Ex-Partner zurückhole, sei der Einbruch eher als Beziehungstat zu werten, sagt Dominik Gerstner. „Das kann der Computer nicht erkennen, die Beamten aber schon. Sie nehmen den Alarm dann zurück.“

Precobs soll ein Versprechen sein – für sicherere Wohngegenden und weniger Einbrüche. Auf eine effektivere Polizeiarbeit. Auf eine Polizei, Freund und Hellseher, immer da, wo man sie wirklich braucht. Wie viel davon hält das Programm? „Precobs ist keine Wunderwaffe gegen Einbrüche“, sagt Kriminologe Dominik Gerstner. Die Software tauge wohl als Ergänzung, genauer will er sich nicht festlegen.

Wie misst man etwas, das nicht stattfindet? Dominik Gerstner hat sich diese Frage zuletzt oft gestellt, als er den Erfolg der Einbruchsvorhersage untersuchte. „Je intensiver die Maßnahmen waren, die auf die Alarme folgten, desto weniger Folgedelikte gab es“, sagt er. „Aber der Effekt war nur sehr gering.“ Zufall, Wetter, andere Präventivmaßnahmen der Polizei, sorgsam verriegelte Türen, geschlossene Fenster – nicht auszuschließen, dass irgendetwas davon oder gleich alles zusammen Grund für die geringere Zahl an Folgedelikten war.

Bald enden die Testphasen in einigen Landeskriminalämtern. Dann werden sie sich in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen fragen müssen, ob sie das wollen: eine teure Software kaufen, deren Nutzen bislang kaum nachgewiesen wurde.

Der Internet-Aktivist Matthias Monroy, der unter anderem für die Seite Netzpolitik.org schreibt, warnt davor, Precobs zu nutzen. „Die Einführung vorhersagender Polizeiarbeit ist ein Schritt in eine neue Epoche der Gefahrenabwehr, dessen Bedeutung wir nur schwer abschätzen können“, sagt Monroy. Er befürchtet: „Predictive Policing ist ein Türöffner zum Bevölkerungsscanner. Datenanalysen in der Polizeiarbeit könnten zum Instrument sozialer Kontrolle werden.“

Matthias Monroy fordert deshalb: „Eine Software, die von der Polizei eingesetzt wird, muss öffentlich sein.“ Es müsse nachvollziehbar sein, wie eine Prognose von Straftaten zustande gekommen sei. Andernfalls könnte eine Software wie Precobs Vorurteile verfestigen, sagt Monroy. „Die Software sagt ja nicht, wie der Straftäter aussehen könnte. Die üblichen Verdächtigen geraten deshalb noch mehr in den Fokus.“ Womöglich stelle man gar alle Menschen, die sich zum Zeitpunkt eines Alarms im jeweiligen Gebiet bewegten, unter einen Generalverdacht. Jedenfalls, sagt Monroy, bestehe die Gefahr, dass auch Unbeteiligte vermehrt ins Kontrollraster fielen.

„Eine Software berechnet Wahrscheinlichkeiten, keine absoluten Wahrheiten“, sagt Dominik Gerstner. In Nordrhein-Westfalen wollen sie sich deshalb absichern. Das dortige Landeskriminalamt nutzt nicht nur die Daten aus dem eigenen Archiv. Es hat sich auch Datensätze gekauft, die Auskunft über verschiedene Quartiere geben.

„In einer Neubausiedlung, mit direkter Autobahnanbindung und viel Verkehr, wo kaum einer den anderen kennt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs höher. Auch die Familienstruktur eines Haushalts hat Einfluss auf die Einbruchsprognose“, sagt Felix Bode, der das Projekt wissenschaftlich leitet. Die Software „Skala“ soll diese Faktoren berücksichtigen, wenn sie berechnet, wie wahrscheinlich Einbrüche in einer Gegend in NRW sind.

In den USA kaufen die Behörden nicht nur Daten über Quartiere ein. Sie sammeln und kaufen alles, was ihnen helfen könnte, um die Verbrecher der Zukunft vorherzusagen. Auch Nummernschilder, Grundbucheinträge, Social-Media-Postings.

„Wenn persönliche Daten und undurchschaubare Algorithmen zusammenkommen, wird es gefährlich“, sagt Kriminologe Dominik Gerstner. Er glaubt: „Gibt man sich mit der jetzigen Software in Deutschland zufrieden, bleibt die Tür zu einer bedenklichen Richtung zu.“ Nur: Wer garantiert das? Auch deswegen fordert Netz-Aktivist Matthias Monroy: „Die Gesellschaft darf nicht allein der Polizei die Entscheidung überlassen, ob sie diese Software einführt.“

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