Gespräch mit Soziologin

„Alle müssen sich weiterqualifizieren“

Auf die Herausforderungen, die mit der Digitalisierung der Arbeitswelt einhergehen, müssen sich alle einstellen. Warum, erklärt die Soziologin Kerstin Jürgens.
10.08.2017, 19:08
Lesedauer: 3 Min
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„Alle müssen sich weiterqualifizieren“
Von Marlo Mintel

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, in der es heißt, dass bis zum Jahr 2025 etwa 1,5 Millionen traditionelle Arbeitsplätze wegfallen, zugleich aber 1,5 Millionen Computerjobs entstehen. In dem Zusammenhang fällt etwa der Begriff „Mismatch“. Was bedeutet dieser?

Kerstin Jürgens: Der technologische Fortschritt eröffnet viele neue Tätigkeitsfelder, und er hat auch das Potenzial, bereits vorhandene Arbeitsplätze anzureichern. Viele Menschen werden hier neue Beschäftigungsmöglichkeiten finden. Zugleich aber werden wir auch erleben, dass bestimmte Aufgaben teilweise oder auch gänzlich von Maschinen, Algorithmen und künstlicher Intelligenz übernommen werden. Auf- und Abbau von Beschäftigung sind also die Folge, treffen aber je unterschiedliche Menschen. Selbst wenn also, was noch ungewiss ist, die Bilanz am Arbeitsmarkt in der Summe eine Null ergeben sollte: dem Einzelnen, der seine Arbeit verliert, nützt dies nichts.

Welche Jobs sind durch die Digitalisierung gefährdet?

In Deutschland sind die meisten Berufe, auch als Folge der dualen Ausbildung, ganzheitlich angelegt. Das ist ein großer Vorteil, weil nicht ganze Arbeitsplätze wegfallen, sondern oft nur einzelne Aufgaben, die im Idealfall durch neue ersetzt werden. Im Bereich der Logistik hat hingegen bereits durch die Digitalisierung ein radikaler Arbeitsplatzabbau stattgefunden, im Banken- und Versicherungsgewerbe gibt es ebenfalls harte Umstrukturierungen. Die Rationalisierung trifft also durchaus auch die „mittleren“ Positionen und qualifizierten Tätigkeiten, die immer als krisensicher galten. Daher gilt die Devise: Alle müssen sich weiterqualifizieren und viele werden sich in neue Felder umorientieren müssen.

Die Digitalisierung ist derzeit ein beherrschendes Thema in der öffentlichen Diskussion über die Arbeitszeit. Grundlegende Fragen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie könnten damit auch in den Hintergrund rücken. Wie kann der Fokus wieder verändert werden?

Es wäre fatal, die Themen gegeneinander auszuspielen. Die Digitalisierung muss gestaltet werden und verlangt nach unserer Aufmerksamkeit, aber damit sind andere Probleme nicht gelöst. Im Gegenteil: In Deutschland besteht noch immer Nachholbedarf in puncto Vereinbarkeit, zum Beispiel bei Angeboten für Kinder unter drei Jahren und Ganztagseinrichtungen. Für viele Beschäftigte kann durch den digitalen Wandel, wenn Arbeitgeber mitgehen, die Vereinbarkeit leichter werden beispielsweise durch mobiles Arbeiten. Zugleich aber darf das nicht bedeuten, dass man immer erreichbar ist und sich der Arbeitstag komplett entgrenzt. Eltern benötigen nicht nur „Mikropausen“ und Zeit „zwischendurch“ mit ihren Kindern, sondern verlässliche Zeiträume für das Zusammenleben und Aufmerksamkeit füreinander. Das tut übrigens allen gut, auch Erwerbstätigen ohne Familie.

Ein Problem ist die weiter stark zunehmende Zahl der pflegebedürftigen Menschen in den kommenden Jahren. Welche Herausforderungen bringt das für die Arbeitszeit mit sich?

Es gibt bereits Regelungen zur Pflegezeit, die aber oft zu unflexibel sind. Schätzungen gehen davon aus, dass wir 2050 mit fünf Millionen Pflegebedürftigen zu rechnen haben, das wären doppelt so viele wie heute. Darauf müssen wir die Infrastruktur dringend vorbereiten. Absehbar ist also, dass Frauen ebenso wie Männer Zeit brauchen werden, um sich um Angehörige zu kümmern. Wir sollten daher Arbeitszeit nicht nur flexibel an Marktbedarfe anpassen, sondern auch an Lebensphasen. Hierfür brauchen wir tarifliche Regelungen für die Branchen, aber auch Gesetze, die für alle Beschäftigten Rechte auf Auszeiten und vorübergehende Arbeitszeitverkürzung sichern. Ob die heutige Regelarbeitszeit noch zu den veränderten Realitäten passt, muss ebenfalls dringend geklärt werden. Die heutige Vollzeit basiert auf dem alten Ernährer-Hausfrauen-Modell.

Kann die Digitalisierung in diesem Punkt helfen?

Es gibt heute ausgefeilte und bequeme Möglichkeiten, die Arbeitszeit zu erfassen. Trotzdem verzichten viele Unternehmen und auch Beschäftigte darauf. Folge ist oft, dass mehr gearbeitet wird als bezahlt wird – und oft auch mehr, als gesund und nachhaltig wäre. Folge können Erschöpfung und Erwerbsunfähigkeit sein, für die immense Kosten für die Gesellschaft anfallen. Warum also nicht die Zeiterfassung wieder selbstverständlicher machen? Die Digitalisierung kann in vielerlei Hinsicht den Alltag erleichtern; sie ist also keineswegs nur Drohkulisse, sondern auch Chance. Aber das eben nur, wenn wir sie entsprechend steuern und noch entscheiden dürfen, was wir noch selbst erledigen und was wir lieber den smart devices oder Robotern überlassen wollen.

Das Gespräch führte Marlo Mintel.

Kerstin Jürgens ist Soziologin. Sie war Mitglied im Beraterkreis „Arbeiten 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und leitet gemeinsam eine Expertenkommission der Hans-Böckler-Stiftung.

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