Frankfurt/Main An der Zeitenwende

Frankfurt/Main. So viel Wandel war noch nie in der Autobranche. Und dann das: Die 16 größten Autobauer der Welt haben im vergangenen Jahr die Investitionen in ihre Werke massiv zurückgefahren.
28.03.2017, 00:00
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Von Frank-Thomas Wenzel

Frankfurt/Main. So viel Wandel war noch nie in der Autobranche. Und dann das: Die 16 größten Autobauer der Welt haben im vergangenen Jahr die Investitionen in ihre Werke massiv zurückgefahren. Doch bei genauerem Hinschauen wird klar: Beides passt zusammen. Die Lage ist extrem vertrackt. Zu neuen Technologien wie der E-Mobilität kommen potenzielle Handelshemmnisse – siehe Brexit und US-Präsident Donald Trump. Gleichwohl könnte der Standort Deutschland langfristig profitieren.

Nach den Erhebungen des Beratungsunternehmens Ernst&Young (EY) haben die wichtigen Hersteller im vergangenen Jahr weltweit nur noch 16,3 Milliarden Euro investiert – nach 52,4 Milliarden im Vorjahr. Aufgeschlüsselt nach Regionen ging es am stärksten in Westeuropa zurück. Allein in Deutschland schrumpfte die Investitionssumme um rund elf Milliarden Euro auf noch 1,3 Milliarden. Das alles hängt noch immer mit der schweren Autokrise der Jahre 2009/2010 zusammen. Damals wurden allenthalben Projekte gestoppt. Nach der Erholung folgte ein wahrer Boom. 2012 bis 2015 wurden Investitionen mit einem Gesamtvolumen von 140 Milliarden Euro angestoßen. Das alles müsse nun erst einmal umgesetzt und abgeschlossen werden, so Peter Fuß, EY-Experte für den Automobilsektor. Vor allem in den USA wurden in den vergangenen Jahren teils völlig überalterte Fertigungsanlagen modernisiert. Zugleich entstanden aber komplett auch neue Werke, hier lag jedoch der Schwerpunkt in China.

Unterm Strich wurden die Produktionskapazitäten der Branche spürbar ausgebaut. Doch in Anbetracht des erwarteten schwächeren Absatz-Wachstums dürfte die Branche für die nähere Zukunft „mehr als gerüstet sein“, betont der EY-Experte. Größere Investitionen in Produktionskapazitäten seien vorläufig kaum zu erwarten und wären auch nicht zu rechtfertigen. Viele Branchenkenner gehen sogar davon aus, dass es in Europa mit einer stagnierenden bis rückläufigen Nachfrage sogar zu viele Fabriken gibt – so wird etwa gemutmaßt, dass es im Zuge der Übernahme von Opel durch die französische Peugeot-Mutter PSA hierzulande Jobabbau und Werkschließungen geben könnte – in der Periode 2010 bis 2016 sind laut EY-Berechnungen in Deutschland indes rund 19 000 neue Arbeitsplätze entstanden.

Fest steht: Ein Investitionszyklus in der Autobranche ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen, doch ein neuer hat noch nicht begonnen. Wo es langgehen soll, ist den Managern im Moment offenbar noch nicht ganz klar. Fuß bezeichnet die aktuelle Lage als „unübersichtlich“. Er meint damit einerseits geopolitische Verwerfungen. Noch ist offen, was der Brexit für die Autobranche bedeutet: Fallen für die Einfuhr von Fahrzeugen nach Großbritannien künftig Importzölle an? Gilt das auch für Komponenten, die für dortige Werke deutscher Firmen etwa BMW bestimmt sind? Macht US-Präsident Trump seine Drohungen wahr, bei denen es ebenfalls um Abgaben auf Importe geht? Lassen sich diese umgehen? Etwa indem Autos nicht mehr in Mexiko, sondern in Kanada zusammengebaut werden.

Doch die schwierigste Frage ist: In welche Technologien soll eigentlich investiert werden? Die Automobilindustrie steht an einer Zeitenwende. Schon beinahe sprichwörtlich ist der Slogan von General-Motors-Chefin Mary Barra, wonach sich die Branche in den nächsten fünf Jahren stärker verändern werde als in den 50 Jahren davor.

Es geht um die Elektromobilität. Der Autoforscher Stefan Bratzel etwa erwartet, dass Stromer im Jahr 2025 einen weltweiten Marktanteil bis zu 25 Prozent haben könnten. Das heißt aber auch, dass drei von vier Autos noch immer mit konventionellen Antrieben unterwegs sein werden, dass es noch immer Antriebsstränge mit Verbrennungsmotoren geben wird. Und auch die müssen effizienter werden, wenn die Autobauer die weltweit schärferen Abgasnormen erfüllen wollen. Zugleich muss komplett Neues aufgebaut werden. Bratzel beschreibt das Jahr 2016 als wesentlich für die Durchsetzung der E-Mobilität. Der Abgasskandal, die Umweltziele der Regierungen und die staatliche Förderung der Stromer hätten eine „enorme Eigendynamik“ ausgelöst.

Doch für die Produktion eines Elektroautos benötige man weniger und zum Teil völlig andere Hardware-Komponenten, betont Oliver Schweizer, ein EY-Experte für Gewerbeimmobilien. Die Anforderungen an Fertigungsstätten und Infrastruktur würden sich ändern. Gemeint ist damit, dass insbesondere die Produktion des Antriebsstrangs bei E-Autos erheblich einfacher als bei Verbrennern ist. Der bislang enorm wichtige Faktor Lohnkosten wird deshalb in den Hintergrund treten. Stattdessen gewinnt eine effiziente Logistik an Bedeutung. Davon könnte auch der Standort Deutschland profitieren. Die Herausforderung bestehe darin, so Schweizer, einen möglichst großen Teil der anstehenden Großinvestitionen – etwa in der Batterieproduktion – in Deutschland anzusiedeln.

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