Forscher warnen vor Schrumpfen der Infrastruktur im ländlichen Raum

Anleitung zum Rückbau

Der demografische Wandel verschärft die Unterschiede zwischen den Regionen und trifft den ländlichen Raum besonders hart. Wissenschaftler fordern, das Dogma von der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen aufzugeben. Gleichzeitig solle die Infrastruktur rückgebaut werden.
04.09.2013, 00:00
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Anleitung zum Rückbau
Von Norbert Holst

Der demografische Wandel verschärft die Unterschiede zwischen den Regionen und trifft den ländlichen Raum besonders hart. Wissenschaftler fordern, das Dogma von der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen aufzugeben. Gleichzeitig solle die Infrastruktur rückgebaut werden.

Stehen bald Zwergschulen, rollende Apotheken und Senioren-WGs für das Leben auf dem Lande? Unter dem Titel „Anleitung zum Wenigersein“ hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung kürzlich eine Studie vorgelegt, die für den ländlichen Raum Alarm schlägt. Es drohe „ein fataler Kreislauf aus Einwohnerschwund und sich erschwerenden Lebensbedingungen, der auch mit massiver Subvention nicht zu stoppen ist“.

Als eine von vier großen Baustellen bei der Bewältigung des demografischen Wandels nennt die Denkfabrik die ländlichen Regionen: „Wo die Bevölkerung deutlich geschrumpft ist, lässt sich die gewohnte Versorgung schon heute nicht mehr garantieren“, sagt Instituts-Direktor Reiner Klingholz. Die Wissenschaftler schlagen einen Rückbau der Infrastruktur vor. Sie nennen Beispiele: „Als Reaktion auf den Bevölkerungsrückgang reduzieren Verwaltungen und private Anbieter die Versorgung mit Schulen, Bibliotheken, Polizeiwachen, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Schwimmbädern, mit Geschäften, Poststellen oder Geldinstituten.“

Zwischen 2005 und 2010 haben bereits zwei Drittel aller ländlichen Kommunen Einwohner verloren. Besonders heftig waren die Rückgänge im Osten. Aber auch im niedersächsischen Landkreis Holzminden betrug der Schwund rund acht Prozent. Nach Berechnungen des Berlin-Instituts wird der ländliche Raum bis zum Jahr 2030 rund 800000 Menschen verlieren.

Unterschiede in Niedersachsen

Allein für Niedersachsen erwartet eine Studie der N-Bank bis 2030 insgesamt einen Rückgang von vier Prozent, das sind 345000 Menschen. Der Rückgang fällt allerdings regional sehr unterschiedlich aus. Jeweils mehr als zehn Prozent Verlust wird für Südniedersachsen, den Harz, das Wendland, Teile Ostfrieslands und für den westlichen Unterweserraum prognostiziert. Leicht zunehmen wird die Bevölkerung hingegen in den Räumen Hannover, Osnabrück, Braunschweig/Wolfsburg und Oldenburg. Auch im südlichen Umland Bremens könnte es ein kleines Plus geben.

Für die betroffenen Kommunen mit Bevölkerungsschwund bedeutet diese zunehmende Diskrepanz: Sie kämpfen bei sinkenden Einwohnerzahlen mit steigenden Kosten für den Erhalt der Infrastruktur. Statt zu versuchen, mit regionaler Umverteilung gegen diese Entwicklung anzugehen, sollte die Politik besser die Schrumpfung intelligent planen, fordern die Wissenschaftler. So sollten gesetzliche Vorgaben angepasst werden. Es könnten Zwergschulen zugelassen werden, damit Gemeinden ihre Einrichtungen nicht schließen müssten. Mehrgenerationenhäuser, Nachbarschaftshilfe, betreute Senioren-WGs könnten in den Dörfern und Gemeinden manch staatliche Einrichtung ersetzen.

„Die Politik muss sich ehrlicherweise vom Primat gleichwertiger Lebensverhältnisse verabschieden“, fordert Klingholz. Doch davon ist in der 2012 vorgelegten „Demografiestrategie“ der Bundesregierung nicht die Rede. Bei der Vorlage des Berichts betonte Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), auf dem Land bleibe „die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse erhalten“. Ganz ähnlich sieht es ein Katalog von 100 Maßnahmen vor, den der Bundestag mit den Stimmen von Union und FDP Ende 2012 beschlossen hat. In dem Programm „Zukunft für ländliche Räume“ werden unter anderem ein Ausbau von Glasfasernetzen, alternative Verkehrsangebote und eine Förderung des Tourismus gefordert, um die ländlichen Regionen zu stärken. Für das Berlin-Institut ist es nicht das gewünschte „neue strategische Handeln“.

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