Spenden für Rumänische Krankenhäuser

Auf Achse für den guten Zweck

Seit dem Jahr 2003 organisiert der Verein Biker-Brummi-Hilfe (BBH) mit Sitz in Bassum jährlich einen ehrenamtlichen Spendenkonvoi mit medizinischen Hilfsgütern für soziale Brennpunkte in Osteuropa.
02.07.2017, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von York schaefer
Auf Achse für den guten Zweck

Der Konvoi schiebt sich Richtung Brasov in Zentralrumänien, umgeben von den Karpaten. Eine der wichtigsten Kolonnenregeln: Am Vordermann dranbleiben.

York Schaefer

Nach 20 Minuten auf einer verstopften Ausfallstraße nahe der westrumänischen Industriestadt Arad ist Holger Bade mit seiner Geduld am Ende. Mit einer Mischung aus Coolness, Chuzpe und Selbstbewusstsein – gestählt von fast 25 Jahren Erfahrung als Trucker im internationalen Katastrophenschutz – wirft Bade das Blaulicht seines 40-Tonners an, schert aus auf die Gegenfahrbahn und zieht mit ordentlich Tempo in Richtung einer T-Kreuzung wenige hundert Meter vor ihm.Er blockiert die Zufahrt von rechts mit seinem Hängerzug, steigt aus und winkt die nachfolgenden Lkw des Hilfskonvois der Biker-Brummi-Hilfe (BBH) vorbei.

Bade, 52 Jahre alt, Rettungssanitäter aus Barsinghausen bei Hannover, ist seit Anfang der 1990er-Jahre immer wieder in Rumänien unterwegs. Ein großer, stämmiger Mann, der als eine Art operativer Logistikchef auf der 15. Spendentour der BBH fungiert.

Logistik der Straße: Fahrer Holger Bade dirigiert die Trucks in die richtige Reihenfolge.

Logistik der Straße: Fahrer Holger Bade dirigiert die Trucks in die richtige Reihenfolge.

Foto: York Schaefer

Gut 140 Tonnen medizinische Hilfsgüter liefert der in Bassum sitzende und bundesweit Material sammelnde Verein dieses Jahr an fünf rumänische Krankenhäuser und Betreuungseinrichtungen. 24 Lastwagen sind unterwegs, beladen mit schweren, sperrigen Klinikbetten, mit Rollatoren und Rollstühlen, Wehenschreibern und OP-Tischen, mit Wäsche und Medikamenten. Von den Kliniken steuerlich abgeschriebenes Material, Nutzwert etwa 2, 2 Millionen Euro.

Zusammen mit den vier Begleitfahrzeugen ist der Konvoi gute drei Kilometer lang. Eine logistische Herausforderung, die morgens bei der Planung beginnt und tagsüber auf der Straße weitergeht. Die zeitaufwendige Tanklogistik muss geklärt werden, welche Strecke man fährt, wie die Gruppen eingeteilt sind – 14 Tage lang, über 4700 Kilometer.

Über weite Teile sind die Brummis zwar in vier Gruppen á sechs Fahrzeugen unterwegs, aber auch hier gelten Kolonnenregeln, die Holger Bade als Lkw-Fahrer bei der Bundeswehr gelernt hat. Zu den wichtigsten gehören: sich gegenseitig absichern, am Vordermann dranbleiben. „Und wenn die Polizei absichert, darf man auch bei roter Ampel weiterfahren“, erklärt der Trucker.

Sicherheit geht vor, ehrenamtlich sind zwar alle Fahrer bei der Tour unterwegs, aber nur die wenigsten sind Profis. Die Reihenfolge der Lkw ist wichtig, da an den Zielorten immer nur bestimmte Trucks entladen werden. „Man sollte schon wissen, wer wo fährt“, sagt Bade, der wie einige Fahrer seinen Urlaub für die Tour investiert.

Europa der zwei Geschwindigkeiten

Die Etappe von Viseu de Sus im Norden Rumäniens nahe der ukrainischen Grenze in Richtung Brasov im Landesinneren ist satte 380 Kilometer lang – der längste Teilabschnitt nach einer Woche auf Achse. Holger Bade fährt an der Spitze der letzten Gruppe, der erste Teil der Strecke durch die Westkarpaten ist eine Ochsentour über enge und kurvige Bergstraßen. „Achtung, Trecker im Gegenverkehr!“ Sein Funkgerät läuft im Dauereinsatz: „Achtung, Pferdewagen von rechts!“

Dem Europa der zwei Geschwindigkeiten begegnet man hier täglich. Überall an den großen Straßen stehen Schilder über den EU-finanzierten Ausbau mit der frohen Kunde „Mobilität für Rumänien, Verbindung nach Europa“. In der rumänisch-ungarischen Grenzregion um Arad passiert der Konvoi die glitzernden Glashäuser großer Automobilhersteller, riesige Discounter und Baumärkte.

Wie als Kontrast zur bunten, westlichen Warenwelt sieht man vor allem in der Nähe der Städte verfallene Industrieruinen, die Gerippe unverputzter Rohbauten und große, unfertige Autobahnstücke, die wie steinerne Tiere in der Landschaft stehen. Und immer wieder auch erschreckend junge Prostituierte, die verloren am Straßenrand auf Kundschaft warten.

Nicht umsonst haben sich die Planer der BBH um ihren ersten Vorsitzenden Hermann Munzel für Rumänien als diesjähriges Zielland ihres Transports entschieden. Das rumänische Gesundheitssystem geht sprichwörtlich am Stock. Es gibt eine chronische Unterversorgung mit Medikamenten, vor allem an den staatlichen Krankenhäusern auf dem Land herrscht Sanierungsstau.

Nach jahrelangen Streiks, Protesten und Gesundheitsskandalen bekommen die unterbezahlten und überlasteten Ärzte seit Herbst 2016 zwar mehr Geld, die Auswanderung vieler Mediziner, Krankenschwestern und Pfleger in den Westen dürfte nach Ansicht rumänischer Ärztegewerkschaften trotzdem nur langsam zurückgehen. Mehr als 14 000 Ärzte sollen seit dem EU-Beitritt 2007 das Land verlassen haben.

Über allem schwebt das Problem der Korruption. Häufig müssen Patienten für eine angemessene Behandlung wie zeitnahe OP-Termine oder ­Medikamente selber bezahlen. Oft fließt das Geld auch „freiwillig“, wie in vielen ehemaligen Ostblockländern gehörte auch in Rumänien der Bakschisch zum Alltag. Auf der anderen Seite gibt es auch Ärzte, die sich ihre Stellen erkaufen müssen. Die Korruption ist ein sich selbst erhaltendes System.

„Auf unserer Vorbereitungstour im Oktober 2016 haben wir Krankenhäuser gesehen, die nahezu baufällig sind. Die Gerätschaften – sofern überhaupt vorhanden – sind museumsreif, manche Instrumente nicht mehr zu gebrauchen. Auch die Hygiene ist zum Teil katastrophal“, beklagt Tourchef Munzel, Nervenarzt aus Syke. Trotzdem gab es im Vorfeld Begegnungen mit den Direktoren von zwei Kliniken, die auf Hilfsangebote nicht reagiert haben.

„Und das obwohl in einer Klinik zwei von drei OP-Sälen nicht funktionstüchtig waren und uns hinterher Ärzte unter der Hand gesagt haben, dass sie uns eine Liste schicken“, erzählt Munzel. Eine ungute Mischung aus zum Teil verständlichem Stolz eines EU-Landes und einer unverständlichen Ignoranz gegenüber den Realitäten.

Gespräch mit Radu Dorin, Anfang 30, Notfallmediziner am Kreiskrankenhaus in Viseu de Sus. 215 Betten gibt es dort, 18 Ärzte sind zuständig für 70 000 Menschen in der Umgebung. Die wichtigste medizinische Technik ist vorhanden, vieles an der Ausstattung wie das Mobiliar allerdings sichtbar in die Jahre gekommen; Kardiologie und Neurologie gibt es momentan nicht. Fast mit Stolz zeigt Arzt Dorin den Thorax-Intubator, das Blutanalysegerät und den Ultraschall im Notfallzimmer.

Lagebesprechung: Tourchef Hermann Munzel (r.) im Gespräch mit der Polizei.

Lagebesprechung: Tourchef Hermann Munzel (r.) im Gespräch mit der Polizei.

Foto: York Schaefer

Einmal im Monat schiebt er hier vergleichsweise lukrative Zusatzschichten, sein Hauptjob ist in der Klinik der Kreishauptstadt Baia Mare, gut zwei Autostunden entfernt. Auf die Frage nach seiner Bezahlung reagiert der Familienvater ausweichend. Er würde gerne in Rumänien bleiben, aber nur, wenn sich die Verhältnisse verbessern. Immerhin soll die Klinik in Viseu de Sus in den nächsten zwei Jahren saniert und ausgebaut werden.

Zurück auf der Straße: Der Konvoi fährt nach Cristian, eine Kleinstadt westlich von Brasov, Kronstadt auf Deutsch, in der historischen Region Siebenbürgen gelegen. Bis zur rumänischen Revolution von 1989 gab es dort eine große Gemeinde deutschsprachiger Siebenbürger Sachsen, heute sind es im ganzen Land keine 15 000 Menschen mehr. Die übrig gebliebene, oft schon betagtere Siebenbürger Landbevölkerung versucht, das kulturelle Erbe der Gemeinschaft am Leben zu halten, oft im kirchlichen Rahmen.

In Holger Bades Lkw klingelt mehrfach das Handy. Hermann Munzel gibt von der Spitze des Konvois telefonisch Infos durch, da der Funk soweit nicht reicht. Am frühen Abend meldet sich Dana Trost, rumänischstämmige Ärztin aus Hannover, die den Transport in ihre Heimatstadt Cristian organisiert hat. Es ist alles vorbereitet, die Honoratioren erwarten den Konvoi.

Etwa 50 Kilometer vor Brasov an einem Ausflugslokal mit ausreichend Platz für 24 40-Tonner sind Bürgermeister, Pfarrer, Polizei und die Mitglieder des örtlichen Motorradclubs versammelt. „Kronstadt Biker“ steht auf ihren Kutten, Männer zwischen 30 und 40 Jahren. Die Biker-Brummi-Hilfe arbeitet als Vereinigung von Truckern, Spediteuren und Motorradfahrern traditionell mit den örtlichen Biker-Clubs zusammen, die in vielen Ländern Osteuropas Zulauf haben und in ihren Städten und Gemeinden gut, vielleicht manchmal etwas zu gut vernetzt sind.

Örtliche Biker-Clubs helfen

Einige der Motorradclubs dürften sich zwischen Gesetzlosigkeit und Illegalität auf der einen sowie Bürgerlichkeit und sozialem Engagement auf der anderen Seite bewegen. Polizei und Biker eskortieren den Konvoi in die Kleinstadt Cristian. Die Begleitung durch die Polizei war auch für andere Strecken während der Tour geplant, aber deutsche Organisation und Planung darf man auf dem Balkan nur bedingt erwarten.

Die „Kronstadt Biker“ packen am nächsten Tag bei der Entladung von sechs Lastwagen an einem alten, leer stehenden Kino tatkräftig mit an. Ein Gabelstapler ist organisiert, auch die Hilfskräfte einer örtlichen Putzkolonne sowie viele Fahrer und Begleiter aus der insgesamt knapp 60-köpfigen BBH-Entourage schleppen mit. Ein schweißtreibender Job.

Hightech-Medizin wie Beatmungs- und Narkosegerät, bestimmt für einen neurologisch-psychiatrischen Klinikverbund, werden in den Saal bugsiert, dazu säckeweise Wäsche, Betten und Kartons mit PC-Bildschirmen. Letztere waren schlecht verpackt, einige sind beim Transport kaputt gegangen. Bei anderem Material, wie Schränken von der Bundeswehr, sieht man, dass Verpackungsprofis am Werk waren.

Chefarzt Alexander Grigorio freut sich über die Lieferung. „Gerade für unsere chronisch kranken Patienten, die oft sehr lange in der Klinik bleiben, brauchen wir Sachen wie Tische, Stühle und Betten. Wir können sie aus finanziellen Gründen nicht regelmäßig ersetzen“.

Am Abend nach dem Abladen reichen Mädchen in traditionell bunten siebenbürgischen Röcken und schwarz-weiß bestickten Blusen Brot und Salz. Im rustikalen Veranstaltungssaal der Stadt hängen Gemälde mit naiv-ländlichen Folkloremotiven, der Kinderchor singt sehnsüchtige Melodien. Zum deftigen kalten Teller wird scharfer Palinka gereicht, ein aus Ungarn stammender Obstbrand.

Lungenärztin Dana Trost, die seit 33 Jahren in Deutschland lebt, wird im August wieder nach Cristian fahren und kontrollieren, dass alle Spendengüter hingekommen sind, wo sie hinsollten. Ein Stück Kontrolle und Nachhaltigkeit durch persönlichen Kontakt, ein wichtiger Punkt für die Biker-Brummi-Hilfe, die das im großen Stil nicht leisten kann.

Der Bassumer Verein Seit dem Jahr 2003 organisiert der Verein Biker-Brummi-Hilfe (BBH) mit Sitz in Bassum jährlich einen ehrenamtlichen Spendenkonvoi mit medizinischen Hilfsgütern für soziale Brennpunkte in Osteuropa. „Irgendwann wollten wir nicht mehr nur Kaffeefahrten machen, sondern unsere politischen Ziele mit Wohltätigkeitszwecken verbinden“, erklärt der Vorsitzende Hermann Munzel, der 2016 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement ausgezeichnet wurde. Einem Motorradtrip nach Sankt Petersburg mit Impfstoffen folgten Touren per Lkw nach Bosnien und Kroatien, nach Rumänien, Albanien und in den Kosovo. Traditionell werden die Brummikonvois von Motorradfahrern hauptsächlich aus Deutschland und der Schweiz begleitet. In den Balkanländern arbeitet der BBH eng mit den dortigen Motorrad-Clubs zusammen. Die Touren sind heute der größte privat organisierte Hilfstransport in Deutschland.
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