Digitialisierung in Kultureinrichtungen

Auf Zeit- und Weltreise im Museum

Virtuell neue Welten entdecken – das geht heute im Museum. Wie die Digitalisierung die deutschen Kultureinrichtungen verändert hat und wie es in den Museen im Land Bremen in Sachen Digitalisierung aussieht.
07.03.2019, 10:12
Lesedauer: 4 Min
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Von Olga Gala
Auf Zeit- und Weltreise im Museum

In der Sonderausstellung am DSM können die Besucher in einem 360°-Video die "Polarstern" erkunden.

DSM/Playersjourney/AWI

Der Forschungseisbrecher „Polarstern“ bricht im Herbst zu seiner bislang ungewöhnlichsten Expedition auf – ein ganzes Jahr wird das Schiff festgefroren im Packeis der Arktis treiben. In Bremerhaven können Besucher in dieser Zeit das Schiff trotzdem bestaunen. Ab Mai dieses Jahres wird ein digitales Modell im Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) zu sehen sein. „Der Besucher nimmt weiterhin den Raum im Museum wahr und kann mit dem Schiff interagieren“, sagt Niels Hollmeier, Historiker und Digitalkurator am DSM.

Mit einer speziellen Brille ausgerüstet, können die Gäste ihren Blick auf ein bestimmtes Detail des Modells fokussieren und erhalten so Informationen zum Schiff: Wo befindet sich der Maschinenraum? Welche Funktion hat der blaue Salon? Was passiert auf der Brücke? An der nächsten Station können Besucher noch weiter ins Schiff abtauchen: In 360°-Videos können sie die Innenräume der „Polarstern“ erkunden, sich die Kombüse und das Labor anschauen.

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Das DSM arbeitet in der Sonderausstellung das erste Mal mit Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR). Erstere meint erweiterte Realität und bedeutet, dass das Gesehene um eine digitale Komponente ergänzt wird. Meist beschränkt sich diese Erweiterung auf Visuelles, wie etwa zusätzliche Informationen. Virtuelle Realität hingegen meint eine digitale Umgebung, die meist interaktiv ist.

Die Sonderausstellung des DSM zeigt: Digitale Inhalte gehören immer mehr zu Museen. Digitalisierung beschränke sich jedoch nicht nur auf die Ausstellungen. „Sie bedeutet einen echten Strukturwandel“, sagt Präsident des Deutschen Museumsbundes und Direktor des Badischen Landesmuseums Eckart Köhne. Alle Arbeitsbereiche eines Museums ändern sich – von der Verwaltungssoftware, über die Dokumentation der Sammlungen bis eben zu der Vermittlung der Inhalte.

Informationen vermitteln

Museen müssen es schaffen, der Öffentlichkeit komplexe Zusammenhänge näher zu bringen. Wer eine Information mit einer emotionalen Botschaft verknüpft, behält diese besser. „Deshalb versuchen Museen, nicht nur Inhalte zu vermitteln, sondern auch Erlebnisse zu kreieren“, sagt Köhne. In der digitalen Technik sieht er eine Chance. So können Besucher mit Hilfe von VR direkt eintauchen in die Welt aus der das jeweilige Objekt kommt.

Das Landesmuseum Württemberg etwa hat einen ganzen 360°-Film über die Entstehung eines mittelalterlichen Altars gedreht. Seit Februar dieses Jahres können die Besucher eine Zeitreise in das Jahr 1465 machen. Auch das Badische Landesmuseum lässt seine Gäste ab dem Sommer mit einer VR-Brille in historische Welten eintauchen, die ihnen sonst nicht zugänglich gewesen wären. „Der Festsaal des damaligen barocken Schlosses wird als 3D-Panorama rekonstruiert“, sagt Köhne. Im Krieg wurde der Bau zerstört und jetzt eben virtuell wieder aufgebaut.

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Digitale Werkzeuge können vielfältig sein und sich nicht ausschließlich auf das Museum vor Ort beschränken. So hat das DSM gemeinsam mit der Universität Bremen eine Onlineausstellung zum frühen Kolonialismus gemacht. Auf einer Webseite können sich Interessierte über Sklaverei oder Missionare informieren. „Eine Onlineausstellung kann jedoch nie ein Museumserlebnis ersetzen“, sagt Hollmeier.

Im Gegenteil: „Es ist eher umgekehrt, weil die Leute gespannt darauf sind, was es sonst noch gibt.“ Auch Köhne hat beobachtet: Präsentiert eine Einrichtung gute Onlineinhalte, kommen mehr Besucher. Digitalisierung kann zudem eine Möglichkeit sein, Historisches zu bewahren. „Kein Exponat ist für die Ewigkeit“, sagt Hollmeier. Indem etwa Schiffsmodelle millimetergenau vermessen und digitalisiert werden, können sich späteren Generationen anschauen, wie etwa ein mittelalterliches Handelsschiff aussah.

"Wir empfehlen, das zu zeige, was der Besucher sonst nicht sieht"

In der Ausstellung selbst werden mittlerweile häufig Apps genutzt. Seit etwa 15 Jahren konzipieren Jörg Engster von der Bremer Agentur Die Informationsgesellschaft und sein Team multimediale Museumsführer für Kultureinrichtungen. Gerade arbeiten sie mit dem Bremer Überseemuseum zusammen. Die Besucher sollen sich zwischen einer webbasierten App auf ihrem eigenen Smartphone oder einem Leihgerät entscheiden können. „Wir empfehlen, das zu zeigen, was der Besucher sonst nicht sieht“, sagt Engster.

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Das können zusätzliche Informationen zu Gemälden sein oder ein Interview mit dem Restaurator. Zudem gebe es die Möglichkeit, zwischen unterschiedlichen Führungen zu wählen – für Erwachsene, für Kinder mit interaktiven Spielen, oder barrierefreie, etwa in leichter Sprache oder für Gehörlose in Gebärdensprache. Die Museen entscheiden sich, welche Möglichkeiten sie in ihrer Einrichtung nutzen wollen. Die Besucher können mit Hilfe einer App auch selbst Inhalte schaffen. Gemeinsam mit der Kunsthalle Bremen hat die Informationsgesellschaft etwa ein Projekt mit Schulklassen gemacht. Die Kinder haben die Ausstellung besucht, anschließend bekam jeder ein Gemälde zugeteilt. „Sie haben erarbeitet, was das Bild mit dem eigenen Leben zu tun hat“, sagt Engster. Entstanden seien etwa kreative Dialoge und Collagen. Bei einem zweiten Besuch konnten die Schüler begleitet von ihrer eigenen Führung die Werke anschauen.

Interaktive Inhalte

Digitale Inhalte sind jedoch nicht nur etwas für die Jüngeren. Wer seine Lesebrille vergessen hat, ärgert sich vielleicht über die zu kleine Schrift auf den Infotafeln. In einer App lässt sich die Schrift hingegen einfach größer machen, sagt Engster. Ob nun direkt vor Ort im Museum oder zu Hause online – die digitalen Anwendungen seien meist eine Ergänzung zu den bestehenden Exponaten. Es sei wichtig, ein Gleichgewicht zu finden zwischen digitalen und analogen Inhalten, sagt Engster. So könne in der App an einigen Stellen des Rundgangs der Bildschirm unscharf werden und der Besucher wird aktiv aufgefordert, sich etwas genauer anzuschauen. Auch in der neuen Sonderausstellung am DSM wird eine App zusätzliche Informationen bieten – ein Ersatz für analoge Objekte sind die digitalen Werkzeuge jedoch nicht. Hollmeier sagt: „Reale Exponate in der Ausstellung sind auch in Zeiten der Digitalisierung weiterhin gefragt und werden durch virtuelle Inhalte ergänzt.“

„Die zentrale Herausforderung ist das geänderte Nutzerverhalten“, sagt Präsident des Deutschen Museumsbundes Köhne. Da biete die Digitalisierung einen schönen Baukasten. Früher habe der Kurator die Ausstellungsstücke ausgesucht und dem Publikum präsentiert. Heute möchten die Menschen ihren Museumsbesuch aktiv mitgestalten, etwa indem sie sich personalisierte Führungen zusammenstellen, mit Aspekten, die sie interessieren.

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