Aus Bremen in die Welt

Zurück zu den Wurzeln: 125 Jahre Kühne + Nagel, das sollte dort gefeiert werden, wo die Firmengeschichte einst begann – auf dem Bremer Marktplatz. Auch wenn es bis zuletzt nicht feststand, nahm auch der Ehrenvorsitzende Klaus-Michael Kühne an der gestrigen Jubiläumsveranstaltung teil und war voll des Lobes für die Hansestadt. Allein den Bau des neuen Firmengebäudes konnte er noch nicht verkünden.
29.01.2015, 00:00
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Aus Bremen in die Welt
Von Maren Beneke

Zurück zu den Wurzeln: 125 Jahre Kühne + Nagel, das sollte dort gefeiert werden, wo die Firmengeschichte einst begann – auf dem Bremer Marktplatz. Auch wenn es bis zuletzt nicht feststand, nahm auch der Ehrenvorsitzende Klaus-Michael Kühne an der gestrigen Jubiläumsveranstaltung teil und war voll des Lobes für die Hansestadt. Allein den Bau des neuen Firmengebäudes konnte er noch nicht verkünden.

Doppelt so groß wie eine Briefmarke war die Anzeige, die am 1. Juli 1890 in den Bremer Nachrichten erschienen ist: „Bekanntmachung. Wir errichten heute hier und in Bremerhaven unter der Firma Kühne & Nagel ein Speditions- und Commissions-Geschäft.“ Seit jenem Tag vor fast 125 Jahren ist viel passiert. Stammsitz in Bremen an der Wilhelm-Kaisen-Brücke, deutsche Hauptniederlassung in Hamburg, Firmenzentrale in Schindellegi, einem 3000-Seelen-Dörfchen am Zürichsee mitten in der Schweiz – und das ist nur ein kleiner Teil des heutigen Firmengeflechts von Kühne + Nagel.

Tatsächlich sind die nackten Kennzahlen beeindruckend: Kühne + Nagel hat etwa 63 000 Angestellte an mehr als 1000 Standorten in über 100 Ländern. Doch bei aller Internationalität: Gestern wurde der Blick einmal mehr nach Bremen gerichtet. 125 Jahre Konzerngeschichte, das sollte dort gefeiert werden, wo die Firmenhistorie einst ihren Lauf genommen hatte. Und Gäste wie Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD), Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne), Handelskammer Präses Christoph Weiss, der chilenische Botschafter in Berlin, Mariano Fernández Amunátegui, und Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer waren neben zahlreichen weiteren Besuchern aus Politik und Wirtschaft persönlich auf den Marktplatz gekommen, um zum Firmengeburtstag zu gratulieren.

Von hier aus wurde gestern auch einer der beiden Jubiläums-Container auf Weltreise geschickt, höchstpersönlich verplombt vom Ehrenvorsitzenden Klaus-Michael Kühne, der in den kommenden Monaten an 14 Kühne + Nagel-Standorten in aller Welt präsentiert wird und pünktlich zum eigentlichen Jubiläumstag, dem 1. Juli, wieder zurück in Hamburg sein soll.

Doch eigentlich stand für die gestrige Veranstaltung noch eine ganz andere Ankündigung auf dem Plan – die dann allerdings etwas zurückhaltender ausfiel, als es viele im Vorfeld gedacht hätten. Wie der WESER-KURIER in der vergangenen Woche exklusiv berichtet hat, möchte der Konzern sich am Standort Bremen vergrößern: Das zehnstöckige Stammhaus an der Martinistraße soll einem Neubau mit einer größeren Grundfläche weichen. Es würden Gespräche mit dem Bauressort geführt, sagte Kühne gestern. Demnach ist ein Investitionsvolumen zwischen 20 und 25 Millionen Euro vorgesehen und ein Großteil der 1000 Bremer Kühne + Nagel-Angestellten soll künftig in dem neuen Gebäude Platz finden. Auch Bausenator Lohse habe die Pläne bereits durchgewinkt. Weitere Informationen könnten noch nicht gegeben werden, so Kühne weiter. Fest steht laut dem Ehrenvorsitzenden aber: „Mit den Plänen unterstreichen wir die weltweite Bedeutung von Bremen für Kühne + Nagel.“ Bürgermeister Böhrnsen sagte dem Konzern in seiner Ansprache die volle Unterstützung für das Vorhaben zu: „Das kriegen wir in Einklang. Sie gehören nach Bremen.“

Neben Klaus-Michael Kühne waren auch Karl Gernandt, Präsident des Verwaltungsrates, und Geschäftsführer Detlef Trefzger in die Hansestadt gereist. Beide gaben einen kurzen Einblick in die aktuelle Entwicklung des Konzerns. Es herrscht laut Trefzger eine „Can do“-Mentalität, Kundenwünsche würden individuell gelöst. „Wir sind heute weit mehr als der klassische Spediteur“, sagte daher Gernandt.

Ausflug in die Vergangenheit: August Kühne und Friedrich Nagel gründeten das gleichnamige Unternehmen zunächst als Seehafenspedition mit Schwerpunkt auf Baumwolle, Getreide, Holz, Futtermittel und Zucker. An dieser Ausrichtung sollte sich auch in den ersten Jahrzehnten nichts ändern. Was sich allerdings änderte, waren die Besitzverhältnisse: 1907 starb Nagel, Partner Kühne übernahm dessen Anteile. Seitdem ist die Firma in Familienbesitz.

Doch erst Kühnes Sohn Alfred – übrigens ein gebürtiger Bremen – verhalf Kühne + Nagel zu neuer Größe. Anfang der 1950er-Jahre leitete er den Internationalisierungsprozess ein, es wurden Stützpunkte in Kanada, den Beneluxstaaten sowie im Nahen und im Mittleren Osten aufgebaut.

Auch der Schritt in die Schweiz fiel in diese Zeit: Dort wurde 1959 die Kühne + Nagel AG, Schweiz, gegründet. Nachdem in Deutschland eine sozialliberale Koalition ans Ruder gekommen war, verlegte der Firmenchef schließlich den gesamten Konzernsitz in die Schweiz. Es heißt, Alfred Kühne habe aufgrund der neuen politischen Verhältnisse um sein Lebenswerk gefürchtet. „Wenn wir damals nicht in die Schweiz gegangen wären, hätte das Unternehmen niemals den Erfolg haben können, den wir schließlich gehabt haben“, sagte später Firmenerbe Klaus-Michael Kühne, der das Unternehmen 1966 in dritter Generation als Vorsitzender der Geschäftsleitung übernahm.

Apropos Klaus-Michael Kühne. Kaum jemand hat Kühne + Nagel so geprägt, wie er. Er war es, der den Internationalisierungsprozess des Vaters weiter vorantrieb und aus der mittelständischen norddeutschen Spedition einen weltweit agierenden Logistikkonzern geformt hat. „Mittelmaß gefällt mir nicht. Ich strebe nach Perfektion“, sagte er einmal.

Doch die Geschichte von Klaus-Michael Kühne ist längst nicht nur von Erfolgen gepflastert. Als gebürtiger Hamburger wagte er Anfang der 1970er-Jahre den Schritt ins Reedereigeschäft. Insgesamt schipperten sechs Schiffe über die Weltmeere – allerdings nur für kurze Zeit. Denn infolge der ersten Ölkrise brachen die Frachtpreise zusammen, Kühnes Schiffe fuhren ständig Verluste ein. In der Konsequenz musste Klaus-Michael Kühne 1981 – kurz nach dem Tod von Vater Alfred – 50 Prozent der Firmenanteile an das britische Konglomerat Lonrho abtreten. Elf Jahre später kaufte er die Anteile zurück – und er ist seitdem mit rund 53 Prozent Mehrheitseigner.

Seit 1994 ist die Kühne + Nagel International AG eine an der Schweizer Börse notierte Publikumsgesellschaft und hält heute Beteiligungen an mehr als 200 Unternehmen – ein Großteil davon sind Kühne + Nagel-Landesgesellschaften. Heute gehören sämtliche in der Logistik üblichen Dienstleistungen zum Portfolio von Kühne + Nagel: von der Kontraktlogistik über Schienen- und Straßentransporte bis hin zur Luftfracht. In der Seefracht ist Kühne + Nagel nach eigenen Angaben weltweit die Nummer eins, in der Kontraktlogistik und der Luftfracht die Nummer zwei.

2013 machte die Gruppe einen Umsatz von knapp 21 Milliarden Schweizer Franken, vor Steuern blieb noch ein Gewinn von rund 767 Millionen Franken. Zum Vergleich: Ende der 1970er-Jahre lag der Jahresumsatz bei etwa 400 Millionen – allerdings nicht Schweizer Franken, sondern D-Mark. „Wir stehen als Unternehmen extrem solide da“, sagte Verwaltungsrats-Chef Karl Gernandt gestern. Allerdings macht die Aufwertung des Franken dem Unternehmen derzeit zu schaffen, wie Klaus-Michael Kühne bestätigte. Natürlich, bei einem Unternehmen, das einen Großteil seiner Erträge in Euro oder US-Dollar erwirtschaftet, aber in Schweizer Franken bilanziert, kommt auf dem Papier derzeit weniger Geld an. Das sei aber nur ein optisches Problem, so Kühne.

Die Bremer Wurzeln hat man bei aller Internationalität trotzdem nicht vergessen, zumal das Bremer Haus als gute Station auf dem Weg nach ganz oben im Konzern gilt. So schafften es Klaus Herms und Reinhard Lange von der Weser bis in den Vorstand. „Bremen ist für uns immer das Flaggschiff gewesen“, so Klaus-Michael Kühne einst. Gestern bekräftigte er dies noch einmal: „Unserer Bremer Wurzeln sind wir uns wohl bewusst.“ Hier seien stets die tüchtigsten Seefrachtexperten tätig gewesen und Bremen sei der Mittelpunkt der Kontraktlogistikaktivitäten in Deutschland. „Die Impulse gehen weit über die deutschen Grenzen hinaus.“

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