Bahn testet Supermarkt fast ohne Personal Das Ende der Ladenkasse

Gibt es in den Supermärkten bald kein Personal mehr, das an den Ladenkassen sitzt? Die Bahn testet einen Markt fast ohne Mitarbeiter, in anderen Ländern ist der Einzelhandel schon deutlich weiter.
24.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Finn Mayer-Kuckuk

In Corona-Zeiten ist der „Selbst-Check-Out“ in Supermärkten und Drogerien besonders gefragt. Doch selbst hier wacht immer noch Kassenpersonal über das Geschehen am Ausgang – und betreut die Kunden, die mit dem Scanner nicht zurechtkommen. Die Deutsche Bahn und Edeka heben den Grundgedanken nun auf eine neue Stufe: Am Bahnhof Renningen bei Sindelfingen testet sie einen Mini-Markt, der fast ganz ohne Personal auskommt.

Die Kunden wählen ihre Waren am Bildschirm aus und erhalten sie in einem Ausgabeschacht – der Laden verhält sich also noch wie ein überdimensionaler Automat. Das ist sicher das richtige Konzept für eine Einrichtung, die an einem Bahnhof rund um die Uhr geöffnet sein soll. Doch „Edeka 24/7“ markiert nur den Anfang dessen, was noch möglich ist. Die Bahn klinkt sich mit ihrem Konzept in einen weltweiten Trend zur radikalen Personaleinsparung im Einzelhandel ein. Was die Bahn am „Zukunftsbahnhof Renningen“ als Neuheit präsentiert, ist in China oder den USA bereits seit einiger Zeit im Praxiseinsatz.

Kunden identifizieren sich per Gesichtserkennung

Bei der Entwicklung von Supermärkten, die fast ohne Mitarbeiter auskommen, mischen Großkonzerne wie Amazon und Alibaba ebenso mit wie Startups, beispielsweise AiFI aus den USA oder Bingo-Box aus China. Am Flughafen Shiphol in Amsterdam steht schon seit 2019 ein Minimarkt-Container ohne Personal und Kassierer, der von der Handelskette Albert Heijn bestückt wird. In Japan testet die Nachbarschaftsladenkette Lawson zusammen mit dem Technikkonzern Fujitsu derzeit ebenfalls Einkaufen ohne Berührungspunkte. Die Identifikation der Kunden erfolgt dabei wahlweise per Gesichtserkennung oder per Auslesung des Musters der Blutgefäße in der Handfläche.

Eines der reifsten Konzepte setzt die Supermarktkette „Hema“ in China um, die zum Handelskonzern Alibaba gehört. Die Kunden scannen die Artikel mit ihrem Handy, wenn sie sie in den Einkaufskorb legen. Vor dem Hinausgehen bezahlen sie die Waren in der Bezahl-App Alipay per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung. Sie können die Sachen auch am Ausgang scannen und dann mit Gesichtserkennung bezahlen. Voraussetzung ist in jeden Fall ein Benutzerkonto bei der Alibaba-Handelsgruppe. Der Konzern kann so Daten über die Käufer sammeln.

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In China gehen derzeit sogar noch weit futuristischere Konzepte in den Praxiseinsatz. In den Selbstbedienungs-Minimärkten „Bingo-Box“ müssen die Kunden ihre Waren am Ausgang nur einem Computerterminal vorzeigen. Bisher müssen sich die Kunden noch am Eingang der „Bingo-Box“ mit einem Barcode anmelden, es ist aber eine vollständige Umstellung auf Gesichtserkennung geplant.

Ladendiebstahl wird in automatisierten Märkten schwieriger

In den USA hat die „Bingo-Box“ ihre genaue Entsprechung im „Nano-Store“ von AiFi. In der Praxis ist in Nordamerika aber bisher Amazon mit eigenen, volldigitalen Läden der Vorreiter. Das Konzept heißt „Amazon Go“ und entwickelt sich ständig weiter. Seit dem vergangenen Jahr eröffnet der Einzelhandels-Weltmarktführer auch richtiggehende Supermärkte mit Frischwaren – ganz ohne Kassen oder Scan-Stationen. Sensoren registrieren, was der Kunde mitnimmt, die Abrechnung erfolgt automatisch. Auf Gesichtserkennung verzichtet Amazon aus Gründen des Datenschutzes. Ladendiebstahl ist schwierig und kommt tatsächlich 90 Prozent seltener vor als in konventionellen Märkten.

Eine ganze Salve neuer Fachbegriffe verbreitet sich angesichts dieser Trends im Einzelhandel: „autonomes Retail”, „friktionsloser Check-Out“, „smarte Regale“ – gemeint ist aber auch immer: radikale Einsparung von Personal. In Deutschland arbeiten rund drei Millionen Beschäftigte im Einzelhandel. Wie viele davon vor allem an der Kasse sitzen, ist nicht bekannt – fest steht aber, dass zahlreiche Jobs wegfallen könnten. Bei dem Versuch, die in China und den USA verbreiteten Techniken einzuführen, dürften sich in Deutschland zudem Datenschutzbedenken auftun. Die Vorbehalte gegen Gesichtserkennung und Verhaltensüberwachung durch Computer sind hierzulande schließlich deutlich größer als in China.

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