Banken fürchten verschiedene Risikofaktoren

Das asiatische Börsenbeben hat Europa erreicht. Nachdem am Montag die Aktienkurse in Schanghai um neun Prozent eingebrochen waren, ging es auch hier zu Lande bergab.
25.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von STEPHAN KAUFMANN

Das asiatische Börsenbeben hat Europa erreicht. Nachdem am Montag die Aktienkurse in Schanghai um neun Prozent eingebrochen waren, ging es auch hier zu Lande bergab. Der Deutsche Aktienindex fiel unter die 10 000-Punkte-Marke, die er im Juni vergangenen Jahres erstmals durchbrochen hatte. Währungen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas gerieten weiter unter Druck, Rohstoffe verbilligten sich, von Öl über Kupfer bis Aluminium. Der US-Index Dow Jones begann den Handel mit einem Minus von über sechs Prozent. Was sind die Gründe für die Talfahrt an den Börsen? Welche Folgen hat sie für die Konjunktur in Deutschland, und wie sind die Bundesbürger betroffen?

Die Ursachen

US-Zinserhöhung: In den USA wird die Zentralbank Fed voraussichtlich bald die Zinsen erhöhen – erstmals seit 2006. In den vergangenen Jahren hatte die Fed das globale Finanzsystem mit Massen von billigem Geld versorgt. Doch die verbesserte Konjunktur Amerikas rechtfertigt nicht länger ein derartiges Doping. Folge des Zinsschritts wären höhere Zinsen in der ganzen Welt, nicht nur in den USA. Die Schweizer Bank UBS schätzt, dass die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen Ende 2016 bei zwei Prozent liegen wird. Derzeit sind es 0,6 Prozent. Höhere Zinsen machen Kredite teurer und belasten die Konjunktur. Anlagen in US-Dollar würden durch den Zinsschritt für Anleger attraktiver, was zu einer Kapitalflucht aus den Schwellenländer führen könnte.

China: In der Volksrepublik kühlt sich der Wirtschaftsboom langsam ab. Die große Frage ist: Wie stark? Die Mehrzahl der Ökonomen ist der Ansicht, dass sich das Wirtschaftswachstum bei Werten knapp unter sieben Prozent stabilisieren wird. Eine so genannte „harte Landung“ jedoch würde jene Länder und Unternehmen hart treffen, die in den vergangenen Jahren besonders vom China-Boom profitiert hatten. Hierzu zählt neben einigen Schwellenländern auch Deutschland.

Die Folgen

Rohstoffe: China ist ein wichtiger Kunde für Rohstoffexporteure, das Land importiert in großem Umfang Öl und Kupfer. Sorgen um Chinas Konjunktur führen zu einem latenten Überangebot bei Energie und Industrie-Metallen. Das lässt die Rohstoffnotierungen taumeln. Der Ölpreis hat sich auf Jahressicht halbiert, Kupfer und Aluminium haben ein Viertel eingebüßt. „Öl-Produzenten, darunter einige der reichsten im Nahen Osten, verbrennen Bargeld in einem alarmierenden Tempo“, kommentiert die Saxo Bank.

Schwellenländer: Aktien und Währungen vieler Schwellenländer verzeichnen heftige Verluste. Die Aussicht auf steigende Zinsen in den USA lässt das Kapital fliehen. Schwächeres Wachstum in China trübt die Konjunkturaussichten ein. Dazu kommen sinkende Erlöse aus dem Rohstoffexport. Folge: Der russische Rubel ist mittlerweile nur noch halb so viel wert wie vor einem Jahr. Der brasilianische Real ist gegenüber dem Dollar um ein Drittel gesunken.

Deutschland: Der deutsche Export ist stärker von China und den Schwellenländern abhängig als der anderer großer Industriestaaten. Der Deutsche Aktienindex ist daher in den vergangenen Wochen tiefer gefallen als andere Börsenindizes. Derzeit liegt er 23 Prozent unter seinem Rekordhoch vom April. Besonders getroffen sind die deutschen Autobauer, für die China der wichtigste Markt geworden ist. Während der Dax in den letzten drei Monaten um 19 Prozent gesunken ist, haben Daimler- und BMW-Aktien mehr ein Viertel verloren, VW sogar über 30 Prozent. Diese Korrektur halten die meisten Ökonomen für übertrieben, da Chinas Wirtschaft sich voraussichtlich nur abkühlt und nicht abstürzt. Das würde die deutsche Konjunktur kaum treffen, da Nachfrage-Ausfälle in China durch eine Erholung in der Euro-Zone oder in den USA ausgeglichen werden könnten. Dennoch „ist China der größte Risikofaktor für die Euro-Zone“, so die Schweizer Bank UBS. Kommt es durch die Kombination von höheren US-Zinsen und schwächerer Konjunktur in China zu einer Krise in den Schwellenländern, könnte sich die deutsche Wirtschaft dem nicht entziehen. „Wir sehen Abwärtsrisiken vor allem für unsere 2016-er Wachstumsprognose“, erklärt die Commerzbank.

Verbraucher und Anleger: Die deutschen Verbraucher dürften von den Turbulenzen einerseits profitieren, da sich Rohstoffe wie Öl weiter verbilligen. Die Kursverluste an den Börsen treffen zwar die Aktionäre – doch von denen gibt es in Deutschland nicht allzu viele. Nach Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts ist die Zahl jener, die direkt oder über Investmentfonds Aktien halten, im vergangenen 2014 auf 8,4 Millionen gesunken. Im Jahr 2001 waren es noch fast 13 Millionen. Aktienfonds und börsennotierte Aktien machen gerade mal 3,5 Prozent des gesamten deutschen Geldvermögens aus. Auch die Lebensversicherer könnten einen dauerhaften Kursrutsch verkraften, ihre Aktienquote liegt laut Branchenverband GDV nur noch bei knapp drei Prozent.

Ob es mit den Kursen allerdings überhaupt auf Dauer abwärts geht, scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) stellt weiterhin massenhaft Geld zur Verfügung, das in die Finanzmärkte fließt und Rendite sucht. Dabei sind Anleihen kaum eine Konkurrenz für Aktien: Zehnjährige Bundesanleihen rentieren derzeit mit etwa 0,6 Prozent. Die Dividendenrendite für Dax-Unternehmen liegt dagegen dank steigender Unternehmensgewinne bei drei Prozent, errechnet die WGZ-Bank.

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