Unterwegs mit Baumkontrolleuren in der Region

Damit keine Eiche aufs Bahngleis fällt

In den vergangenen Jahren musste die Bahn herbe Kritik hinnehmen für ihr Vegetationsmanagement. Doch nun investiert sie und sucht weitere Baumkontrolleure. Was die entlang der Strecke tun und sehen.
11.08.2020, 19:23
Lesedauer: 4 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Helmut Reuther
Damit keine Eiche aufs Bahngleis fällt

Steffen Kobrig prüft mit einem Resistographen, ob diese Eiche von innen hohl ist. Ist das mit mehr als zwei Drittel der Fall, wird der Baum gesägt, damit er nicht auf das Gleis fällt. Die Deutsche Bahn sucht noch weitere Baumkontrolleure wie Kobrig.

Jonas Kako

Für die einen ist es einfach nur der Grünstreifen neben den Bahngleisen in Verden entlang der Strecke von Bremen nach Niedersachsen. Für Steffen Kobrig ist es aber sein Arbeitsplatz. Als Baumkontrolleur überprüft er dort die Hölzer auf ihre Standfestigkeit. Wer bei einem der vergangenen Herbststürme an irgendeinem Bahnhof festsaß, der fragte sich aber vielleicht, ob es Baumkontrolleure bei der Deutschen Bahn überhaupt gibt. Kobrig ist zusammen mit neun Kollegen zuständig für die Bundesländer Bremen, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Auf 3400 Gleiskilometern im Norden müssen sie die Bäume kontrollieren. Bundesweit sind insgesamt 74 Kontrolleure für die Aufgabe im Einsatz. Kobrigs Vorgesetzter Martin Neumann sagt: „Laut Vorschrift sollte jeder Baum einmal pro Jahr angeschaut werden.“

Laut Neumann schauen die Kollegen sich nicht nur die Bäume an: „Wir erstellen auch ein Baumkataster, in dem jeder Baum verzeichnet ist." Dafür ist Kobrig, der aus Osterode im Harz stammt, täglich mit Messband, roter Farbspraydose und Resistograph unterwegs. Der Resistograph bestimmt per Bohrwiderstandsmessung, ob der Baum innen zu hohl und damit zu instabil ist. Dazu bohrt sich eine dünne Nadel in den Stamm. Der Widerstand beim Bohrvorgang gibt Aufschluss über die Beschaffenheit des Baumes. Die Daten werden grafisch in einem Diagramm angezeigt. Mindestens ein Drittel des Stammes muss gesunde und feste Holzmasse sein. Ansonsten ist das Risiko zu hoch, dass der Baum bei Wind und Wetter umstürzt.

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Dafür hatte die Deutsche Bahn in den vergangenen Jahren massive Kritik einzustecken. Erst 2019 waren es die Allianz pro Schiene, der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring (DNR) sowie der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), die in einem Positionspapier von der Bahn mehr Pflege entlang der Gleise forderten – damit Bäume nur in seltenen Ausnahmefällen aufs Gleis stürzen. Damals verlangten sie, dass Bäume auf Bahngrund und sonstigem Grund, die höher als der Abstand zum Gleis sind, auf Sturmgefährdung untersucht werden. Den Verbänden ging es dabei auch um mehr Transparenz und Aktivität von der Deutschen Bahn.

Inzwischen sei viel passiert, erkennt der Sprecher des Konkurrenten Metronom, Björn Pamperin, an – auch durch den runden Tisch in Niedersachsen: „Viele von uns benannte ‚Hotspots‘ sind so weit zurückgeschnitten, dass bei etwas stärkerem Wind keine unmittelbare Gefahr für den Bahnverkehr mehr entsteht.“ Das müsse nun durch den regelmäßigen Rückschnitt im Herbst und Frühjahr erhalten und verbessert werden. Laut Pamperin gebe es aber noch Stellen, die dringend zu bearbeiten seien: „Diese verbliebenen Hotspots haben wir an DB Netz übersandt und aktualisieren die Liste regelmäßig.“ Er hoffe, dass das dann im Herbst nachgeholt werde.

Ein halber Meter Platz bis zum Fahrradweg

Kobrig ist an solchen Stellen unterwegs. An diesem Mittag sprüht er mit roter Farbe den Buchstaben L auf einen Baum, der auf der anderen Seite des Grünstreifens an der Hauptstraße steht. „Das bedeutet Lichtraum“, erläutert Neumann. So wissen die Kollegen von den Schnitttrupps, dass sie diesen Baum so bearbeiten, dass ein halber Meter Platz bis zum Fahrradweg ist sowie nach oben hin mindesten 2,50 Meter. Im Bereich Nord gibt es allein 165 Waldarbeiter.

An den Strecken stehen viele Birken und Eichen, vereinzelt auch Fichten. Einigen Bäumen sieht man die Trockenheit der vergangenen beiden Jahre an. Vor allem Birken werden vom parasitären Birkenporling befallen, der die Bäume schwächt. Kobrig legt ein paar Meter von den Gleisen entfernt das gelbe Maßband um eine etwa 60 Jahre alte Birke: 1,55 Meter Umfang. Aufgrund ihrer Höhe könnte die Birke bei einem Sturz durchaus auf die Bahnstrecke fallen, erklärt er. „Aber wir dürfen nicht jeden Baum fällen, nur weil er auf die Oberleitung fallen könnte“, sagt der Baumkontrolleur. Nur schwache und kranke Bäume kommen auf die Liste.

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Neben der Birke befindet sich ein Hügel mit roten Waldameisen. Das gefällt Forstingenieur Martin Neumann im Gegensatz zu bewirtschafteten Waldflächen: „Sie finden hier Kreuzottern, Ringelnattern, und auch auf so engen Streifen leben durchaus Rehe und Wildschweine. Da die Züge immer zur gleichen Zeit vorbeifahren, gewöhnen sich die Tiere daran.“ Bei Bauprojekten kümmern die Mitarbeiter sich auch um die Umsiedlung von Tieren. Zu den Tieren gehören im Dickicht aber auch Zecken. Neumann erläutert: „Borreliose ist für uns als Berufskrankheit eingestuft.“

„Da darf nichts wachsen“

Wenn nun ein Baum zurückgeschnitten werden muss, verbleiben die Reste im Wald, wenn es die Fläche erlaubt. Ansonsten landet Holz als Pellets bei Heizkraftwerken. Für die „Rückschnittszone“ sechs Meter links und rechts der Gleise gilt: Der Bereich muss aus Sicherheitsgründen für den Verkehr der Züge, die teils mit Höchstgeschwindigkeit vorbeirauschen, freigehalten werden. „Da darf nichts wachsen“, sagt eine Bahnsprecherin. Die Arbeit der Baumkontrolleure beginnt eigentlich erst in der sich ab sechs Metern anschließenden „Stabilisierungszone“. Entnommen werden vor allem nicht standortgerechte Bäume wie Weichlaubhölzer, Robinien und Lärchen sowie Bäume mit sehr hohem Kronenansatz und unsicherer Verwurzelung. Insgesamt besitzt die Deutsche Bahn nach eigenen Angaben rund 20.000 Hektar Wald.

Kobrig mag seine Arbeit: „Ich bin viel in der Natur, zwischendurch auch mal am Computer.“ In seinem Bereich Nord will die Bahn fünf zusätzliche Baumkontrolleure einstellen und weiter ins Vegetationsmanagement investieren. Eine Sprecherin sagte: „Wir wollen die Bahn sturmsicherer und robuster machen.“ So will die Bahn den hohen Sachschaden der vergangenen Jahre minimieren. Dazu gibt sie jährlich mehr als 100 Millionen Euro für die Rückschnittsarbeiten an den rund 33.000 Streckenkilometern aus. Dennoch: „Eine absolute Sturmsicherheit gibt es aber nicht“, sagt Forstingenieur Martin Neumann.

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