Baustelle in Brandenburg

Wie Tesla in Grünheide gelandet ist

Es ist Deutschlands imposanteste Baustelle: Teslas Gigafactory für E-Autos im brandenburgischen Grünheide soll in Rekordzeit entstehen. Doch warum baut das Unternehmen die Fabrik eigentlich dort?
24.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Deike Diening
Wie Tesla in Grünheide gelandet ist

Das Milliardenprojekt des US-Elektroautoherstellers Tesla in Brandenburg: Die Baustelle wächst jeden Tag.

TSP

Endlich, sagt Albrecht Köhler, habe mal jemand eine Vision. Verändert etwas, überwindet Widerstände. Man kann von Elon Musk lernen, findet Köhler, von dessen erfrischender Entscheidungsfreude, der Tatsache, dass nicht immer alles durch Bedenkenträger aufgehalten wird. „Das nervt mich schon lange.“ Auf der Südseite des Geländes, das Grünheides Zukunft bedeuten soll, verbindet sich Köhlers Handy piepend mit der Drohne, die seinem Vater gehört. Einem Kinderarzt aus Erkner, mit dem er ein Interesse für Medizin, eines für Fotografie und eines für das Hobbyfliegen teilt. Die Drohne, sagt Köhler, fliege jetzt die einprogrammierte Südroute vor dem Teslagelände.

Seit dem letzten Jahr hält Köhler hier mindestens zwei Mal die Woche den Fortschritt auf Deutschlands imposantester Baustelle fest. Immer, wenn ihm seine Schicht als Krankenpfleger Zeit lässt. Denn er weiß, er dokumentiert ein historisches Ereignis. Die beeindruckenden Totalen von Elon Musks Baustelle füttert der 33-jährige Köhler in seinen Twitter-Account „Giga Berlin/Gigafactory 4“, den viele so überwältigend finden wie das ganze, abgefahrene Unterfangen.

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Die Fläche ist scharf herausrasiert aus der kieferbehaarten Erdoberfläche wie der Backenbart eines Mitte-Hipsters. Die Baustelle, obwohl sie erst ein Drittel ihrer endgültigen Größe hat, zieht Schaulustige an, die ein bisschen verloren an der Autobahnausfahrt herumstehen. Eine Flanke des Grundstücks läuft entlang des Berliner Rings. Lkw donnern im Minutentakt die Ausfahrt hinab, beladen mit Sand und Kies und Trägern für die Hallen, damit die Rekordfabrik in Rekordzeit fertig wird.

Grundstückspreise klettern

Elon Musk ist der Mann, der langfristig auf den Mars will, aber mittelfristig in Grünheide gelandet ist. Ausgerechnet. Denn Grünheide ist alles, was Tesla nicht ist: grün, entschleunigt, freizeitbetont. Musk will erklärtermaßen die Welt verändern. Die Veränderung in Grünheide ist schon jetzt unaufhaltsam. Die Gemeinde, 8645 Einwohner, ist eine Ansammlung von Wassergrundstücken, sechs versprengten Ortsteilen angedockt an die Ufer von fünf Seen. Da sind die feuchten Spreewiesen, das naturgeschützte Löcknitztal. Da ist sprudelnde Forellenteichidylle, wo schmetterlingsumschwirrt die Seerosen blühen. Schon haben sich Investoren im Rathaus gemeldet. Die Grundstückspreise klettern. Infrastruktur wird geplant. Es ist noch nicht entschieden: Ist es eine feindliche Übernahme oder eine freundliche? In jedem Fall wird Grünheide nie mehr so sein wie zuvor.

Genau das jedoch ruft auch die Gegner auf den Plan. Denn Musk baut hier schneller als die Genehmigungen kommen. Er macht das auf eigenes Risiko mit vorläufigen Genehmigungen nach Paragraf 8 a des Imissionsschutzgesetzes und verspricht, alles zurückzubauen, wenn die nicht gewährt werden. Geschwindigkeit ist der gemeinsame Nenner aller Bemühungen von Elon Musk, egal, ob er einen Antrieb in die Welt bringt, eine Rakete baut, zum Mars will oder anbietet, für die Rettung einer Kinder-Fußballmannschaft aus einer Höhle in Thailand ein Gefährt zu konstruieren. Grünheide dagegen will seit Jahren für Entschleunigung stehen.

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Auch in Abwesenheit anderer, geschäftigerer Kernkompetenzen, hat sich die Gemeinde auf die Ruhe selbst spezialisiert: Ruhe zum Leben, Ruhe zum Lernen, Ruhe zum Trainieren, wie im Leistungssportzentrum Kienbaum, wo sich Athleten aller möglichen Disziplinen in frischer Waldluft auf Olympia vorbereiten. Am Wochenende dann lauter Berliner Seelen, die extra zum Entspannen da rausfahren. Entschleunigung als Markenkern. Und nun? Egal, wie man es dreht und wendet: Mit der Ruhe wird es wohl vorbei sein.

Im obersten Stockwerk des Grünheider Rathauses steht Bürgermeister Arne Christiani vor einem mit Dokumenten übersäten Konferenztisch. Tatsächlich betreffe hier alles Tesla, sagt Christiani. „Ich könnte wahrscheinlich selbst dort anfangen“, sagt er, „vielleicht mit einer kleinen Fortbildung.“ Denn Christiani ist ausgebildeter Motorenschlosser. Doch das Leben hatte für ihn keinen Platz in einer Fabrik vorgesehen, sondern den Bürgermeisterstuhl im Rathaus der Gemeinde Grünheide. Dort sitzt er nun im 17. Jahr.

Plötzlich war alles Giga

Im September des vergangenen Jahres kam über die Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg die Information, dass es einen ernsthaften Interessenten gebe für ihr seit Langem ausgewiesenes Gewerbegebiet, das 2001 nicht an BMW gegangen war. Ein Automobilhersteller, namhaft. Christiani unterschrieb eine Verschwiegenheitsklausel. „Als ich wusste, um wen es geht, wusste ich: Lottogewinn!“ Plötzlich war alles Giga.

Bis zum 12. November, an dem Musk bei der Verleihung des „Goldenen Lenkrads“ die Nachricht zündete, war Arne Christiani Oberhaupt einer weitläufigen, grünen Berliner Umlandgemeinde gewesen. Doch der Novembertag hat Christiani an die Spitze katapultiert: Elon Musk, der Wahlkalifornier, mindestens so verrückt wie erfolgreich, würde ausgerechnet in Grünheide seine vierte „Gigafactory“ bauen. Mehr als 12.000 Arbeitsplätze.

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2013, sagt Christiani, bekam Grünheide eine Auszeichnung als sportlichste Gemeinde Brandenburgs, sie haben außerdem die mitgliederstärkste Jugendfeuerwehr des Landes. Aber im vergangenen Herbst „musste ich mich zum ersten Mal nicht dafür entschuldigen, dass es wieder nicht gelungen ist, Arbeitsplätze anzuziehen“. Die Fabrik war die Lösung all seiner Probleme.

Und obwohl sich die Nachricht wie ein Lottogewinn anfühlte, hätten sie ja mehr als 20 Jahre darauf hingearbeitet: „Wir haben viel von BMW gelernt“, sagt er. Für BMW war das Gewerbegebiet 2001 ursprünglich einmal entwickelt worden. Der Autobauer hatte dann aber nicht zugeschlagen. Im Fragenkatalog der Firma an die Gemeinde waren fast nur „weiche Faktoren“ aufgetaucht, die im Kampf um Ansiedlungen ein hartes Argument sind: Kitas, Schulen, Freizeitmöglichkeiten. Daran haben sie dann gearbeitet.

Täglich 1342 Lkw-Ladungen

Das letzte Grundstück mit öffentlichem Seezugang im Ort hat die Gemeinde selbst gekauft, sie verpachtet jetzt das historische Gebäude an einen Biergartenbetreiber. Nebenan entstand ein kleiner Bürgerpark. Durch den Zugang wurde wieder eine Schiffsanlegestelle für die Reederei Kutzker attraktiv, die seit Kurzem von hier aus bis in das Berliner Regierungsviertel fährt. Sie haben auch einen Schulcampus eingeweiht mit einem privaten Gymnasium. Bedürftige Familien bekommen dafür Stipendien.

„Wer A sagt, muss auch T wie Tesla sagen“, das sei jetzt das Motto des Rathauses. In 17 Jahren habe er nicht erlebt, dass vom Minister auf Landesebene bis in die Kommunen alle derart an einem Strang ziehen. Alle wollen, dass es klappt. Eine Task Force kümmert sich um Nadelöhre der Infrastruktur, wenn 12.000 Arbeiter, als Pendler zur Fabrik streben werden, gebündelt in vier Acht-Stunden-Schichten. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl Grünheides ist das, als pendelten täglich vier Millionen Leute nach Berlin. Außerdem erwartet Tesla für den Betrieb täglich Güter in einer Menge von 1342 Lkw-Ladungen. Ein Teil davon soll per Schiene transportiert werden. Und wenn am 31. Oktober tatsächlich der BER zum Leben erwacht, so schreibt es der Landkreis im Bericht seiner Steuerungsgruppe, „werden weitere, sich in diesem Zusammenhang entwickelnde Verkehrsströme mit den Verkehren des Teslastandorts Grünheide kumulieren“.

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Christiani, durch diese Aufgabe eher belebt als besorgt, glaubt, dass es für die meisten Probleme Lösungen geben wird. „Es müssen nur alle wollen.“ Die paar Leute, die aus Prinzip dagegen seien, „ändern nichts an der positiven Grundstimmung der Bevölkerung“, sagt Christiani. Denn Tesla komme genau zum richtigen Zeitpunkt: Jeder Dritte im Landkreis sei in Kurzarbeit, jetzt bei Corona. Wer wisse schon, was aus den Jobs langfristig werde. „Die Leute werden sich irgendwann nach Arbeitsplätzen umgucken müssen.“

Im Juli 2021 sollen die ersten Autos produziert werden – Corona hin, Wasserknappheit her. 100.000 in der ersten Ausbaustufe, am Ende bis zu 500.000 im Jahr.

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