Bremen BERUF UND FAMILIE: WIE VEREINBAR SIND DIE HERAUSFORDERUNGEN AM ARBEITSPLATZ UND ZU HAUSE?

Das Modell zur Familienarbeitszeit von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig ist gerade einkassiert worden. Doch das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt im Fokus: Vizekanzler Sigmar Gabriel hat mit seiner Ankündigung, auch künftig einen Nachmittag pro Woche für die kleine Tochter frei zu halten, dazu beigetragen. Und auch in Bremen wird darüber diskutiert.
12.01.2014, 00:00
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BERUF UND FAMILIE: WIE VEREINBAR SIND DIE HERAUSFORDERUNGEN AM ARBEITSPLATZ UND ZU HAUSE?
Von Frauke Fischer

Familienfreundlichkeit als Unternehmenskultur

Das Modell zur Familienarbeitszeit von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig ist gerade einkassiert worden. Doch das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt im Fokus: Vizekanzler Sigmar Gabriel hat mit seiner Ankündigung, auch künftig einen Nachmittag pro Woche für die kleine Tochter frei zu halten, dazu beigetragen. Und auch in Bremen wird darüber diskutiert.

Ein Nachmittag pro Woche für das eigene Kind? Diese Ankündigung von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) hat in den Tagen danach zu unterschiedlichen Reaktionen geführt, die von Anerkennung bis zu Empörung und Häme für den Teilzeitvater reichten. Wie viel Kinderbetreuung können sich Führungskräfte, männliche und weibliche, überhaupt leisten? Wie familienfreundlich sollten Arbeitszeiten sein? Wie vereinbar sind die Anforderungen aus Job und Familie? Und: Gelten für Frauen und Männer dabei die gleichen Bedingungen?

„Die Frauen in Vollzeit machen den Spagat, die Männer eher seltener“, stellt Kerstin Purnhagen fest. Sie arbeitet für den gemeinnützigen Verein Impulsgeber Zukunft. Der berät Wirtschaft, Politik und Verwaltung rund um Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Region Bremen-Oldenburg. Vorbilder aus Betrieben, die sich schon lange mit dem Thema beschäftigen, werden publik gemacht, Ideen und Erfahrungen weiter getragen. Auch in einer Partnerschaft, in der beide voll berufstätig sind, bleibt zumindest die Betreuungsorganisation meistens Aufgabe der Frau, weiß Purnhagen aus vielen Kontakten. „Die tradierten Rollen sind noch vorhanden“, sagt sie. Aber sie stellt auch deren Aufweichung fest, „vor allem in den Köpfen der 30- bis 40-Jährigen“.

Dass Frauen den beruflichen Herausforderungen ihre Sorge für die Kinder oft voranstellen, zeigt sich in einer Beobachtung von Sparkassenchef Tim Nesemann. „Frauen nehmen anspruchsvolle Aufgaben oft nicht an, weil sie Angst vor Notfallsituationen haben. Diesen Knoten müssen wir durchschlagen“, sagt der Vorstandsvorsitzende, der Vater von drei Kindern ist. Er orientiere sich auf der Suche nach weiteren familienfreundlichen Veränderungen im Unternehmen an der Frage: Was brauchen wir hier, wenn keiner zu Hause ist? Eine Antwort in der Sparkasse ist das Familienzimmer mit Arbeitsplätzen, in das Mitarbeiter Kinder mitnehmen können, wenn der andere Elternteil, Krippe, Kita oder Schule zur Betreuung plötzlich ausfallen.

Für Unternehmen bieten solche und andere familienfreundliche Strukturen Möglichkeiten, sich im Wettbewerb um Fachkräfte zu positionieren. Zudem tragen sie zum guten Betriebsklima bei. „Die Kultur wird sehr wertgeschätzt“, bestätigt Nesemann. Und er prognostiziert wie viele andere Unternehmenschefs vor ihm: „Wir werden einen solchen Engpass an qualifizierten Kräften bekommen, dass es notwendig ist, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter voranzubringen.“ Das betreffe nicht nur die Kinderbetreuung, sondern auch die Pflege von Angehörigen.

Mit familienfreundlichen Arbeitszeiten hat sich Maike Schaefer, Bürgerschaftsabgeordnete der Grünen, gerade in diesen Tagen intensiv beschäftigt. Die Mutter eines dreijährigen Sohnes managt die Betreuung mit ihrem Mann, der in einem familienfreundlichen Unternehmen arbeitet und die Stundenzahl reduziert hat. Um lange Nachmittagssitzungen von Fraktionen, Ausschüssen oder Deputationen, Abend- und Wochenendtermine der Politikerin abzudecken, reicht das Betreuungskonstrukt oftmals nicht aus.

Die Umweltpolitikerin hat deshalb eine Befragung der Bürgerschaftsabgeordneten angeregt. „Die Arbeitszeiten sind nämlich nicht familienfreundlich“, sagt sie. Das hängt mit dem Status der Bremischen Bürgerschaft als Halbtagsparlament zusammen. Demnach werden Sitzungstermine in dieser Legislaturperiode grundsätzlich auf Nachmittage gelegt, um berufliche (Teilzeit-)tätigkeiten zu gewährleisten. „Das kollidiert aber mit Abholzeiten in Betreuungseinrichtungen“, stellen Schaefer und ihre CDU-Kollegin Sandra Ahrens fest. Davon seien nicht nur Abgeordnete mit Kindern betroffen, sondern auch die vielen Verwaltungsangestellten, die an Sitzungen teilnehmen müssen.

„Das Halbtagsparlament ist eigentlich keines“, sagt auch Mustafa Güngör, der wie seine Frau Sanem der SPD-Bürgerschaftsfraktion angehört. Seit knapp sieben Monaten sind der Unternehmer und die Rechtsanwältin Eltern einer Tochter und wechseln sich mit der Betreuung ab. Viele Termine könnte sich Güngör auch als Videokonferenzen vorstellen. Dass sich Männer in Spitzenfunktionen wie Sigmar Gabriel als Väter zu erkennen geben, hat nach Güngörs Ansicht „Vorbildfunktion“.

Auch sein grüner Parlamentskollege Carsten Werner hat sich über Veränderungen der Bürgerschaft Gedanken gemacht. Er plädiert für eine Mischung aus Vor- und Nachmittagsterminen sowie für Kinderbetreuungsmöglichkeiten im Parlament, wenigstens für Notfälle.

In Bremer Unternehmen gibt es viele Beispiele für Arbeitszeitgestaltung. Neben der klassischen Teilzeit, die den Nachteil hat, dass die Renten einst entsprechend niedriger ausfallen und gerade Frauen deshalb vielfach von Altersarmut bedroht sind, werden auch Führung in Teilzeit, Job-Sharing Vertrauensarbeit oder Lebensarbeitszeit-Modelle geprobt, Arbeitszeitkonten geführt. Es gibt die Möglichkeiten zum dezentralen Arbeiten und für sogenannte Home-Office-Tage. Mitarbeiter, gerade Führungskräfte, können sich oft von zu Hause ins jeweilige Unternehmenssystem einloggen, Material daheim bearbeiten.

Torsten Köhne, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers SWB, ist dabei wichtig, „dass es keine Lösungen von der Stange gibt, sondern dass die vorhandenen Angebote auf die individuellen Belange zugeschnitten werden“. Damit sich das Thema weiter festsetzt, werde es in der Personalstrategie, im Führungsleitbild, in der Personalentwicklung und im Mitarbeitergespräch

verankert, sagt Köhne. „Wir wollen, dass die Mitarbeiter gerne bei uns arbeiten.“

Beruf und Familie als Gütesiegel

n 41 Unternehmen, Behörden und Institutionen in Bremen sind nach Angaben von Kerstin Purnhagen vom Verein Impulsgeber Zukunft derzeit durch die gemeinnützige Gesellschaft Beruf und Familie der Hertie-Stiftung mit dem „audit berufundfamilie“ ausgezeichnet. Das heißt: Sie erfüllen die Voraussetzungen, die das Qualitätssiegel vorsieht. Dafür werden Ziele und Maßnahmen – etwa betriebsnahe Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten, Job-Sharing, Führung in Teilzeit, Home-Office-Tage, aber auch Gesundheitsförderung – formuliert, wie das Unternehmen Familienfreundlichkeit für beschäftigte Eltern und Mitarbeiter, die Angehörige pflegen möchten, umsetzen kann. Drei Jahre später wird die Umsetzung überprüft. Erst dann gibt es das Gütesiegel „Beruf und Familie“, das fortan alle drei Jahre auf der Basis weiterer Verabredungen kontrolliert wird. Unter den derart ausgezeichneten Unternehmen sind die Bremer Straßenbahn AG, die Sparkasse, SWB, Interhomes, Gewoba, Caritasverband, Eurogate, außerdem Behörden, Kliniken, Kanzleien, Hochschulen und die Polizei Bremen. Der Verein Impulsgeber Zukunft versteht sich als Servicestelle für Wirtschaft, Politik und Verwaltung zu dem Thema. Weitere Informationen gibt es unter www.impulsgeber-zukunft. de und www.berufundfamilie.de.

So viel Zeit für die Kinder muss sein

Wie viel Vater und Mutter können Männer und Frauen in wichtigen Positionen überhaupt mit ihren beruflichen Herausforderungen vereinbaren? Wir haben Beispiele gesucht.

Tim Nesemann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bremen, ist Vater von zwei Töchtern (9,11) und einem Sohn (6). Zwei Abende die Woche hält er sich möglichst so früh frei, dass er mit den Kindern noch zusammen sein kann. „Das weiß auch mein Sekretariat“, erzählt der Vorstandschef. Schulaufführungen oder Konzerte seien dort im Kalender vermerkt. Auch wenn es für ihn selten ein Betreuungsproblem gebe, sei es wichtig, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu zeigen, dass er Vater ist. „Es geht um die Vorbildwirkung. Ich kann eine Unternehmenskultur nur ändern, wenn ich sie auch lebe“, ist Nesemann überzeugt. Dazu gehört für ihn auch, dass er das eigens für Notfälle eingerichtete Familienzimmer im Hauptsitz der Sparkasse selbst schon genutzt hat.

Matthias Güldner, Vorsitzender der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, ist Vater von drei Kindern (1996, 2004 und 2011 geboren). „Als Eltern sind wir Logistik-Profis mit Terminkalender“, sagt Güldner. Wenn die Frau des Politikers Nachtschicht hat, macht er morgens die Tochter für die Schule fertig und bringt den Kleinen zur Tagesmutter. „Wir müssen ganz massiv Hand in Hand arbeiten“, betont der dreifache Vater. Und er sagt: „Das ist kein Muss. Ich hatte immer den Wunsch nach gemeinsamer Alltagszeit mit den Kindern.“ Wenn Krankheiten der Kleinen es nötig machten, habe er auch wichtige Termine schon verschoben oder ausfallen lassen. „Wir erleben einen gesellschaftlichen Wandel gerade im Vergleich mit unserer Elterngeneration“, ist der 53-Jährige sicher. Dass auch Väter ihren Part in der Kinderbetreuung leisteten, erfahre größere Akzeptanz als früher. „Das hoffe ich zumindest.“ Flexiblere Arbeitszeiten, Lebensarbeitszeitkonten oder Möglichkeiten, von zu Hause zu arbeiten, müssten weiter gefördert werden, so Güldner.

Anja Krüger, Bereichsleiterin bei der SWB Erzeugung GmbH, hat eine Tochter (11). „Mir ist der Morgen sehr wichtig“, sagt die Führungskraft. „Deshalb gibt es keine Termine vor neun Uhr.“ Sie frühstückt in Ruhe mit ihrer Tochter, bevor diese zur Schule geht. Auch Anja Krügers Mann ist voll berufstätig. Er beginnt morgens sehr früh und ist dann entsprechend früher zu Hause als seine Frau, die sich dafür einen festen Nachmittag frei hält, meistens für schulische Belange. „Meine Tochter weiß: Das ist mein Dienstag.“ Die Koordinierung von beruflichen Aufgaben, Dienstreisen, nicht schiebbaren Terminen und Kinderbetreuung „ist oft ein Riesenspagat“, gesteht Anja Krüger, die abends und am Wochenende oft nacharbeitet. Zeit für Sport oder ein Buch bleibe auf der Strecke. „Man kämpft oft mit einem schlechten Gewissen in beide Richtungen“, sagt sie und ist dankbar für die flexible Unterstützung durch ihre Eltern und Schwiegereltern.

Frank Vierkötter, Vorstandsvorsitzender der Interhomes AG, ist Vater von drei Kindern (15, 16 und 24). „Wegen der Kinder hat bei mir auch schon die eine oder andere Besprechung ausfallen müssen“, sagt er. Möglichst alle Elternsprechtage habe er wahrgenommen, bis vor Kurzem jeden Freitagmittag mit dem Sohn zu Mittag gegessen. „Auch und gerade in Führungspositionen darf man Familie und Kinder nicht vernachlässigen und muss es leben“, betont der Wirtschaftswissenschaftler. Ob es immer möglich sei, einen festen Tag pro Woche für die Kinder zu reservieren, hält er für fraglich. „Aber die Präsenz von Mutter und Vater sind wichtig für sie.“ So sei Kinderbetreuung auch schon lange „kein Frauenthema mehr, sondern ein Elternthema“. Auch ist Vierkötter überzeugt: „Ein gutes Berufsleben funktioniert nur mit einem guten Ausgleich im Privaten.“ In seinem Unternehmen, das für seine Bemühungen um die Vereinbarkeit mehrfach ausgezeichnet worden ist, hat er festgestellt, dass „es viel mit Vertrauen von Arbeitgeberseite zu tun hat“. Flexible Arbeitszeiten, Home-Office-Tage und Führung in Teilzeit sind bei Interhomes möglich.

Sandra Ahrens, Finanzbeamtin (beurlaubt) und CDU-Bürgerschaftsabgeordnete, hat zwei Kinder (4, 1). „Beim ersten Kind habe ich Vollzeit gearbeitet und mein Mann in Teilzeit. Er hat seinen Arbeitstag nach meinem gerichtet.“ Seit das zweite Kind auf der Welt ist, „wuppe ich das allein“. Sohn und Tochter werden im Kindergarten betreut, Ahrens versucht, sämtliche Termine in diese Zeit zu legen: „Für mich haben Kinder Vorrang. Ich stricke mein Leben nach ihnen.“ Ein Problem ist für die Politikerin die Umstellung des Parlamentsbetriebes in dieser Legislaturperiode (siehe Bericht auf dieser Seite). „Die Zeiten sind familienunfreundlich“, sagt Ahrens, gibt aber zu: „Andere Arbeitnehmer haben oft größere Schwierigkeiten, im Notfall für ihre Kinder da zu sein, als Abgeordnete.“

Torsten Köhne, Vorstandsvorsitzender der swb AG, hat eine neunjährige Tochter. Für ihn spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch im Unternehmen eine wichtige Rolle. „Wir arbeiten seit Jahren gezielt daran, dass unsere Mitarbeiter Beruf und Familie beziehungsweise Privatleben gut miteinander vereinbaren können“, betont er. „Zeit mit meiner Familie zu verbringen, ist mir auch selbst sehr wichtig. Zweimal pro Woche versuche ich, mir den Abend freizuhalten, um mit meiner Tochter etwas zu unternehmen.“ Dazu kommen die Wochenenden, die möglichst der Familie gehören sollen. Ein Termin ist geradezu heilig: „Sonnabendvormittag begleite ich meine Tochter zur Reitstunde. Wir bereiten gemeinsam das Pony vor, und ich bleibe da und gucke beim Unterricht zu“, erzählt der Vorstandschef. „Generell versuche ich auch, mir Zeit für Aufführungen, Schulfeste oder andere Aktivitäten von Eltern im Schulbereich freizuschaufeln. Ganz wichtig sind die gemeinsamen Urlaube mit der Familie regelmäßig in den Schulferien.“

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