CTS Eventim aus Bremen

Betreiber der Pkw-Maut fordern 560 Millionen Euro

Die geplatzte Pkw-Maut und die Kündigung von Verträgen durch den Verkehrsminister könnte teuer werden für den Steuerzahler. Nun liegt die Forderung der Firmen auf dem Tisch.
19.12.2019, 15:47
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas Hoenig und Sascha Meyer
Betreiber der Pkw-Maut fordern 560 Millionen Euro

Die gekündigten Betreiberfirmen der Pkw-Maut fordern vom Bund 560 Millionen Euro.

Julian Stratenschulte/dpa

Wegen der geplatzten Einführung einer Pkw-Maut droht dem Bund ein Rechtsstreit um mehr als eine halbe Milliarde Euro. Sechs Monate nach dem Stopp des CSU-Prestigeprojekts vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) bezifferten die gekündigten Maut-Betreiber am Donnerstag ihre Forderungen an den Bund auf 560 Millionen Euro. Die Ansprüche sollten in mehreren Schritten geltend gemacht werden, teilten das Un­ternehmen Kapsch sowie der Ticketvermarkter CTS Eventim mit Verwaltungssitz in Bremen mit. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) wies die Forderungen erneut entschieden zurück. Damit wird ein Schiedsverfahren wahrscheinlich, das mehrere Jahre dauern könnte.

Wie Kapsch mitteilte, sind beide Firmen überzeugt, dass ihre für die Maut gegründete Gemeinschaftsfirma Autoticket für den vorliegenden Fall der Vertragsbeendigung Anspruch auf entgangenen Gewinn über die Vertragslaufzeit habe – vorgesehen waren zwölf Jahre. Weiterhin sehe der Betreibervertrag einen Ausgleich von „Beendigungskosten“ vor, zu denen auch Schadenersatzansprüche von Unterauftragnehmern gehörten.

"Die Zahlen sind falsch und entbehren jeglicher Grundlage"

Scheuer sagte, die Forderungen der Betreiber würden „mit aller Entschiedenheit“ zurückgewiesen. „Die Zahlen sind falsch und entbehren jeglicher Grundlage.“ Er bekräftigte: „Die Betreiber haben keinen Anspruch auf Entschädigung.“ Sie hätten vertragliche Leistungen nicht erfüllt und nach der Kündigung die Verträge vorsätzlich und treuwidrig verletzt. Diese seien daher aus mehreren triftigen Gründen gekündigt worden. In diesem Fall sei die Vertragslage „zugunsten des Bundes“. Er habe bereits den Prozess für ein Schiedsverfahren gestartet und die Firmen zu Gesprächen Mitte Januar aufgefordert.

Von der Opposition kam massive Kritik. Der FDP-Verkehrspolitiker Oliver Luksic bezeichnete die Forderungen als „K.-o.-Schlag“ für Scheuer. Er müsse sich den Forderungen jetzt stellen, die Zeit der „Ablenkungsmanöver“ sei vorbei. Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer sagte, der Betrag sei auf Grundlage der Verträge zu erwarten gewesen. „Die Rechnung geht auf Minister Scheuer, weil er bewusst und fahrlässig diese schlechten Vertragskonditionen zulasten des Steuerzahlers eingegangen ist.“

Der Linke-Abgeordnete Victor Perli sagte: „Die Forderungen bestätigen die schlimmsten Befürchtungen.“ Dieser „Wahnsinn“ sei nur möglich, weil die Betreiber sich auf Gewinngarantien in den Verträgen berufen und auf ein intransparentes, privates Schiedsgericht setzen könnten. Der Maut-Skandal werde nun auch zu einem großen Problem für Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie hatte erst am Mittwoch im Bundestag gesagt: „Ich finde, dass Andy Scheuer eine sehr gute Arbeit macht.“ Vorwürfe würden nun alle „sauber abgearbeitet im Untersuchungsausschuss“. Das Gremium hatte vor einer Woche die Arbeit aufgenommen. Befragungen sollen im neuen Jahr starten.

Scheuer steht unter Druck, weil der Bund die Verträge zur Erhebung und Kontrolle der Maut mit Kapsch und CTS Eventim 2018 geschlossen hatte – bevor endgültige Rechtssicherheit bestand. Die Opposition wirft ihm vor, Verträge voreilig abgeschlossen, Haushalts- und Vergaberecht gebrochen und Regelungen zum Schadenersatz zulasten des Steuerzahlers vereinbart zu haben. Der Minister wies die Vorwürfe zurück und sagte: „Die Betreiber nutzen das Spekulations- und Zahlenwirrwarr, das gerade auch in den letzten Wochen durch die Oppositionsfraktionen ausgelöst und entstanden ist.“

Verhandlungsverfahren angekündigt

Zum weiteren Vorgehen erklärten Kapsch und Eventim, zunächst solle nun ein unabhängiger „Stichtagsprüfer“ die Ermittlung des entgangenen Gewinns überprüfen. Zur Klärung der Ansprüche sei dann ein Verhandlungsverfahren mit dem Bund vorgesehen. Sollte es scheitern, sei für eine endgültige ­Entscheidung ein Schiedsverfahren vorgesehen.

Scheuer hatte auch mit der Einstufung von Akten für den U-Ausschuss als vertrauliche Verschlusssachen Zorn der Opposition auf sich gezogen. Wie aus einer Mail des Ausschuss-Sekretariats hervorgeht, soll diese Einstufung der Beeinträchtigung eines „etwaigen schiedsgerichtlichen Verfahrens vorbeugen und Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse“ wahren. Dies gleiche einem „nachträglichen Maulkorb“ für die Abgeordneten, die eine lückenlose Aufklärung des Maut-Desasters herbeiführen wollten, sagte der FDP-Obmann im Untersuchungsausschuss, Christian Jung.

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Der Verkehrspolitiker Luksic erklärte: „Das Geheimschutzrecht hat hohe Hürden, die der wissenschaftliche Dienst bestätigt, deshalb ist das Vorgehen unangemessen.“ Es sei fraglich, ob eine nachträgliche Hochstufung der Dokumente so einfach möglich sei. „Wir werden dies rechtlich prüfen.“

Aktenänderung um sensible Daten zu schützen

Scheuer hatte Vorwürfe zurückgewiesen, er wolle die Arbeit des Gremiums behindern. Alle Akten, die bereits dem Verkehrsausschuss vorlagen, seien nun dem Untersuchungsausschuss zur Verfügung gestellt worden, so das Ministerium. „Die Unterlagen waren auch bisher schon ausschließlich parlamentsöffentlich.“ Da im Untersuchungsausschuss die Beweisaufnahme aber öffentlich sei, sei bei einem Teil der Akten eine Änderung der Einstufung vorgenommen worden – um sensible Daten zu schützen. „Das heißt: Vorher wie nachher sind die Akten parlamentsöffentlich.“

Luksic kritisierte: „Das Timing spricht Bände, denn die Einstufung zentraler Akten als vertrauliche Verschlusssachen erfolgte, kurz bevor der Untersuchungsausschuss seine Arbeit aufnimmt. Scheuers Verhalten ist nicht nur dreist, sondern steht auch im krassen Widerspruch zu seinen Ankündigungen, die Aufklärung zur gescheiterten Pkw-Maut im Rahmen des Untersuchungsausschusses versachlichen zu wollen.“ Mit dieser „Geheimniskrämerei“ erschwere er die notwendige Aufklärung.

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