Zeitarbeitsunternehmerin Bettina Schiller im Streitgespräch mit IG-Metall-Chef Volker Stahmann Betriebe scheuen das Einstellungsrisiko

Frau Schiller, warum sollte sich eine qualifizierte Fachkraft bei einer Zeitarbeitsfirma bewerben statt direkt im Unternehmen? Bettina Schiller: Weil wir die Bewerbung bei uns viel breiter platzieren können. Schließlich haben wir Kundenanfragen aus ganz vielen verschiedenen Branchen, die permanent und jeden Tag neu reinkommen.
10.08.2015, 00:00
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Frau Schiller, warum sollte sich eine qualifizierte Fachkraft bei einer Zeitarbeitsfirma bewerben statt direkt im Unternehmen?

Bettina Schiller:

Weil wir die Bewerbung bei uns viel breiter platzieren können. Schließlich haben wir Kundenanfragen aus ganz vielen verschiedenen Branchen, die permanent und jeden Tag neu reinkommen. Und da gibt es auch Stellenangebote für gut qualifizierte Fachkräfte und das in steigender Zahl.

Aber welche Perspektive können Sie denn bieten, wenn jemand immer nur auf Zeit in den Betrieb geholt wird? Wie soll da Kar-

riereplanung funktionieren?

Schiller:

Es gibt durchaus langfristige Beschäftigung in den Firmen. Für viele Bewerber ist es aber auch erst mal eine Chance in den Berufseinstieg. Unternehmen haben einfach eine geringere Hemmschwelle, unerfahrene Mitarbeiter über uns zu nehmen, weil sie ja wissen, es ist relativ ohne Risiko. Sollte es wirklich aus irgendeinem Grund nicht passen, könnte man auch noch einen Austausch vornehmen. Wir haben sehr viele, die frisch vom Studium kommen mit Bachelor- oder Masterabschluss und eben keine Berufserfahrung haben. Und für die ist es allemal deutlich interessanter, bei uns in der Zeitarbeit anzufangen, als sich von einem schlecht bezahlten Praktikum zum nächsten zu hangeln.

Sehen Sie das auch so Herr Stahmann?

Volker Stahmann:

Nein, sicher nicht. Richtig ist, dass gerade für Berufsanfänger die Zeitarbeitsbranche oft die einzige Möglichkeit ist, das ist aber keine großartige Chance, sondern das ist notwendiges Übel.

Wie meinen Sie das?

Stahmann:

Na, in dem Sinne, wie Frau Schiller das eben schon angedeutet hat: Die Betriebe sind gar nicht bereit, sich irgendeinem Risiko auszusetzen. Das heißt, seit die Zeitarbeitsbranche in den letzten zehn Jahren so expandiert hat, hat sich eine Kultur eingeschlichen, wo die Betriebe gar nicht mehr die Verantwortung übernehmen, sondern die Verantwortung für die Einstellung junger Leute der Zeitarbeitsbranche überlassen.

Und was ist daran so verkehrt, über den Weg der Leiharbeit erst mal zu zeigen, was man kann, mit der Chance, später fest übernommen zu werden?

Stahmann:

Weil alle seriösen Studien dazu besagen, dass es einen solchen Klebeeffekt in nennenswerter Größe nicht gibt. Das ist nur in Einzelfällen und unter besonderen Bedingungen der Fall. Dazu gehören zum Beispiel die Festanstellungen von Leiharbeitern bei Daimler, die auch nur deshalb geschehen, weil es in diesem Unternehmen eine Konzernvereinbarung gibt, die die Beschäftigung von Leiharbeitern begrenzt.

Frau Schiller, wie häufig kommt es in Ihrer Firma vor, dass die Entleihfirma Ihre Leiharbeitskraft übernimmt?

Schiller:

In mindestens 30 Prozent der Fälle. Was auch damit zu tun hat, dass wir am Arbeitsmarkt wirklich knappe Ressourcen an Fachkräften haben.

Stahmann:

Dann ist Ihr Unternehmen aber wirklich die Ausnahme. Sie sollten aber auch erwähnen, dass es in Ihrer Branche üblich ist, eine Ablöse zu kassieren, wenn einer Ihrer Beschäftigten von der Entleihfirma übernommen wird. Das erhöht unnötig die Schwelle der Übernahme, wenn Sie sich das noch mal extra bezahlen lassen. Was ist das für ein Menschenhandel?

Schiller:

Gegen solche diskriminierenden Bezeichnungen verwahre ich mich. Nach ihrer Definition wäre damit jeder Personalvermittler ein Menschenhändler, denn er nimmt Geld dafür, dass er Menschen in Arbeit vermittelt. Wir bieten eine Dienstleistung an. Vor allem für Mittelständler ist das Akquirieren und Einstellen von Leuten am Markt sehr aufwendig und teuer: Da müssen Anzeigen geschaltet werden, Bewerbergespräche geführt werden. Diese Arbeit nehmen wir den Betrieben ab.

Welche Ablöse wird denn in der Regel verlangt?

Schiller:

Das ist ganz unterschiedlich. Das kann zwischen ein und drei Monatsgehältern liegen. Es gibt aber auch Arbeitgeber, die verlangen gar keine Ablöse. Das ist jedem Unternehmen selbst überlassen.

Stahmann:

Wir kennen Fälle, wo die Ablöse von den Beschäftigten selbst bezahlt werden musste.

Schiller:

Das ist illegal. Damit habe ich nichts zu tun.

Studien belegen, dass tatsächlich nur ein kleiner Teil der Beschäftigten vom Entleihbetrieb übernommen wird – und Fakt ist auch, dass Leiharbeiter im Unterschied zur Stammbelegschaft immer noch deutlich weniger verdienen.

Schiller:

Ja, und deswegen haben wir schon vor längerer Zeit für mittlerweile elf Branchen – darunter auch der Metall- und Elektrobereich, für den Herr Stahmann als IG-Metall-Vertreter zuständig ist – Branchenzuschläge vereinbart, um die Lohnlücke zwischen Leiharbeit und Stammbeschäftigung zu verringern. Das bedeutet, der Lohn steigt ständig an. Nach neun Monaten gibt es dann einen Zuschlag von 50 Prozent.

Stahmann: Das ist ein schlechter Tarifvertrag.

Schiller:

Den haben Sie als IG Metall mit uns verhandelt.

Stahmann:

Ja, aber das macht ihn nicht besser. Der niedrigste Lohn in der Metall- und Elektroindustrie liegt derzeit bei 13 bis 14 Euro pro Stunde. Der niedrigste Tarif in der Zeitarbeitsbranche im Westen bei gerade mal 8,80 Euro. Das ist knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn. Und genau das ist das Problem: Die Leiharbeitsbranche macht sich billig – mit dem Ergebnis, dass 57 Prozent der Betriebe in der Metall- und Elektrobranche über Leiharbeitsfirmen einstellen, statt selbst die Verantwortung für ihre Beschäftigten zu übernehmen.

Schiller:

Billigheimer sind wir schon lange nicht mehr. Untersuchungen zeigen, dass der primäre Grund für Unternehmen, mit unserer Branche zu arbeiten, längst nicht mehr irgendwas mit billig zu tun hat. Das hat vor allem was mit Flexibilität zu tun, mit der Sicherheit bei der Personalbeschaffung.

Und was ist mit der Sicherheit für die Beschäftigten? Untersuchungen zeigen, dass Arbeitnehmern in Deutschland ein sicherer und unbefristeter Job am wichtigsten ist. Erst danach folgten in der Prioritätenliste nette Kollegen und ein attraktives Gehalt.

Schiller:

Diesen Wunsch nach Sicherheit und Planbarkeit kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber wo ist die Sicherheit heute in der Wirtschaft denn überhaupt noch gegeben? Selbst in Unternehmen wie Airbus oder in Branchen wie dem Finanzsektor – Bereiche, die früher als bombensicher galten – werden Stellen abgebaut und Personalkosten gespart. Bei uns hat der Arbeitnehmer eine doppelte Absicherung. Sollte ihn der Auftragnehmer aus irgendeinem Grund nicht mehr brauchen und ihn abmelden, versuchen wir, für ihn einen neuen Einsatz zu finden, was sehr häufig auch gelingt.

Stahmann:

Das, was Sie erzählen, widerspricht komplett der Vertragspraxis, die ich erlebe. Es ist auch in Ihrem Verband ganz häufig vorgekommen, dass Mitarbeiter vom Entleihbetrieb abgemeldet wurden und postwendend die Kündigung von der Zeitarbeitsfirma bekommen haben. Das ist die Mehrheit der Fälle.

Schiller:

Das bestreite ich. Wir verdienen mit unseren Leuten ja Geld, und wir verdienen nichts mit ihnen, wenn wir sie entlassen.

Im Land Bremen endet nach Zahlen der Arbeitnehmerkammer jedes zweite Leiharbeitsverhältnis schon nach weniger als einem Monat, teilweise sogar nach wenigen Tagen. Nur jeder vierte Leiharbeiter ist demnach länger als neun Monate im selben Entleihbetrieb beschäftigt.

Stahmann:

Das ist auch in der Mehrzahl der Unternehmen der Fall, deren Belegschaften ich vertrete. Das bedeutet, weit bevor die Beschäftigten die Chance auf eine spürbare Lohnaufstockung bekommen, werden sie vom Entleihbetrieb abgemeldet und stattdessen von der gleichen Zeitarbeitsfirma neue Kräfte reingeholt. Das hat System. Auf diese Weise können sich die Unternehmen die höheren Lohnkosten sparen.

Schiller:

Das kann ich nicht bestätigen. Es mag solche Firmen geben, ich arbeite nicht so.

In welchen Bremer Betrieben werden Zeitarbeiter derzeit besonders häufig eingesetzt?

Stahmann:

Den größten Anteil haben wir bei den Zuliefererfirmen, vor allem in der Automobilbranche. Da haben wir das Verhältnis 60 Prozent Stammbeschäftigte und 40 Prozent Leiharbeiter. Ähnlich sieht es bei den Zulieferern im Stahlbereich aus.

In Frankreich werden Zeitarbeiter sogar besser bezahlt als Stammarbeitnehmer. Sie bekommen einen Aufschlag dafür, dass sie so flexibel sind und sich immer wieder in neue Jobs einarbeiten müssen. Warum gibt es das nicht in Deutschland?

Schiller:

Das stimmt, in Frankreich gibt es einen Risikoaufschlag, Aber das war es dann auch schon. Bei uns gibt es Kündigungsfristen, bei uns gibt es Renten-, Sozialversicherung und Lohnfortzahlung. Das gibt es in Frankreich nicht. Ähnliches gilt für die Niederlande, die auch immer gerne als besseres Beispiel genannt werden. Aber wenn man schon die Systeme vergleicht, dann bitte das gesamte Paket.

Stahmann:

Aber warum funktioniert Ihr Geschäftssystem nach Ihrer Meinung nur mit 30 Cent über dem Mindestlohn? Warum kann man da nicht sofort elf Euro bezahlen?

Schiller:

Diese Frage können Sie sich doch eigentlich selber beantworten. Wir leben hier in einer freien Marktwirtschaft. Wir brauchen Kunden, die uns bestimmte Preise bezahlen. Das ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Kräften. Ich halte die Vereinbarung von Branchentarifverträgen für eine gute Lösung. Wo das bisher nicht passiert ist, liegt das nicht in der Verantwortung der Zeitarbeitsverbände. Wir würden das mit jeder Branche machen wollen, aber nicht jede ist dazu bereit.

Stahmann:

Aber wenn das so vernünftig ist mit den Branchenzuschlägen, warum erhöhen Sie dann nicht gleich den Stundenlohn für alle. Warum verkaufen Sie Ihre Dienstleistung nicht von vorneherein teurer?

Schiller:

Auch wir stehen im Wettbewerb – nicht zuletzt mit Verleihbetrieben im Ausland. Abgesehen davon gibt es in Deutschland insgesamt 7,5 Millionen prekär Beschäftigte, wie die Gewerkschaften das immer nennen. Da zählen dann Teilzeitbeschäftigte dazu, befristete Arbeitsverträge, Praktikanten, Scheinselbstständige und so weiter. In der Zeitarbeit haben wir derzeit mal gerade 800 000 Beschäftigte. Wir sind also doch wirklich nicht das Problem.

Nicht nur von den Gewerkschaften gibt es Kritik an der Leiharbeit, sondern auch von der Bremer Regierung.

Schiller:

Ich weiß nicht, was die Politik an unserer Branche auszusetzen hat. Vielleicht müsste sich die Regierung überhaupt mal damit befassen, was hier in Bremen genau passiert.

Sind Sie denn im Gespräch mit der Politik?

Bisher ist noch niemand auf mich zugekommen. Aber es wäre ja mal schön. Ich stehe als Bremer Verbandsvorsitzende jederzeit zur Verfügung.

Das Gespräch führte Petra Sigge

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