Biokisten expandieren

Obst und Gemüse per Kurier nach Hause

Regionale Anbieter von Obst- und Gemüseboxen profitieren genauso von der Corona-Krise wie große Unternehmen wie Hello Fresh. Auch wenn der erste Ansturm langsam abebbt, haben die Firmen weiter viel zu tun.
03.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lena Mysegades
Obst und Gemüse per Kurier nach Hause

Profiteure der Krise: Walter Franzmeier und Karen Dippe von Das Gemüseabo Dörverden verkaufen mehr Biokisten als vorher.

Björn Hake

Sie gehören zu den wenigen Gewinnern der Corona-Krise: regionale Anbieter von Obst- und Gemüsekisten, aber auch börsennotierte Unternehmen wie Hello Fresh, die ihre Kunden mit Rezepten und den dazugehörigen Zutaten versorgen. Denn die Firmen haben eines gemeinsam: Sie wollen ihren Kunden den Gang zum Supermarkt zumindest teilweise ersparen. Gerade zu Beginn der Pandemie hat das zu einem regelrechten Ansturm auf die Angebote geführt, aber auch jetzt ist die Nachfrage weiterhin hoch.

„Wir mussten neue Autos anschaffen und neue Mitarbeiter einstellen“, sagt etwa Walter Franzmeier. Zusammen mit Karen Dippe betreibt er von Dörverden aus den Lieferdienst Das Gemüseabo. Über eine Website können ihre Kunden Obst, Gemüse, aber beispielsweise auch Getränke oder Drogeriewaren direkt zu sich nach Hause bestellen. „Wir hatten schon vorher gut zu tun“, sagt Franzmeier, der zusammen mit Dippe seit 23 Jahren im Geschäft ist. Im Zuge der Corona-Krise seien sie mit dem Tempo der Neuregistrierungen aber nicht mehr hinterhergekommen: Im März habe daher eine Warteliste eingeführt werden müssen.

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In Zahlen bedeutet das: Üblicherweise hat Das Gemüseabo pro Woche nach Angaben des Firmenchefs 1600 Kisten pro Woche auf den Weg gebracht, innerhalb kürzester Zeit wurden es Mitte März demnach 1900, die 2000er-Marke knackte die Firma Anfang April. Mittlerweile nehme die Zahl der Bestellungen zwar wieder etwas ab, sagt Franzmeier, der studierter Germanist und Quereinsteiger in der Lebensmittelbranche ist. Und auch die Warteliste habe längst wieder abgebaut werden können. Aber: „Wir sind immer noch auf einem hohen Bestellniveau“, sagt er. Auch, weil es nicht nur viele Neuregistrierungen gegeben habe, sondern auch Kunden, die seit Jahren nicht mehr bestellt hätten, zurückgekommen seien.

Hello Fresh gibt es seit gut neun Jahren, das Unternehmen ist einst in Berlin unter Beteiligung von Rocket Internet ins Leben gerufen worden. Vor drei Jahren ging der Konzern, der heute weltweit unterwegs ist, an die Börse, seit dem Frühjahr ist er im MDax gelistet. Die einzige Produktionsstätte in Deutschland hat Hello Fresh in Verden. Von dort aus beliefert das Unternehmen nach eigenen Angaben alle deutschen und österreichischen Besteller.

Zutaten nach Wahl

Die Idee hinter Hello Fresh: Die Kunden können im Vorfeld aus verschiedenen Gerichten auswählen und werden dann mit den entsprechenden Rezepten und passgenauen Zutaten versorgt. Einer der Vorteile soll sein, dass dadurch weniger Lebensmittel verderben und im Müll landen. Die Nachteile sind, dass nach wie vor im Vergleich zum Einkauf im Supermarkt mehr Plastik anfallen kann, etwa weil Fleisch oder Kräuter, die im Geschäft auch lose zu haben sind, einzeln umwickelt sind. Und die Boxen werden – ähnlich wie viele der Obst- und Gemüsekisten – großteils mit dem Auto verteilt.

Den Kunden ist das in Zeiten von Corona offenbar nicht so wichtig: Allein im ersten Quartal wuchs der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 66 Prozent auf fast 700 Millionen Euro. Nach Angaben von Hello-Fresh-Sprecherin Judith Schwarzer sind zwar auch Januar und Februar schon starke Monate gewesen, aber in der zweiten Märzhälfte habe es noch einmal einen weiteren Anstieg gegeben. Insgesamt zählte das Unternehmen im ersten Quartal demnach vier Millionen Kunden. Und auch an der Börse ging es nach oben: Kostete eine Aktie im Januar noch um die 19 Euro, so waren es Mitte Mai mehr als 41 Euro.

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Schwarzer erklärt das so: Schon vor Corona hätten die Deutschen im Schnitt ein oder zwei Mal pro Woche außer Haus gegessen, an den restlichen Tagen werde zu Hause gekocht. Genau da setze Hello Fresh an: Die Zutaten und Rezepte werden bis vor die Haustür geliefert. „Wir glauben, dass sich vor allem unsere Neukunden in kürzester Zeit an die Vorteile von Hello Fresh gewöhnt haben und dass sie uns deshalb auch jetzt noch weiterhin in ihren Alltag integrieren werden“, sagt Schwarzer. Restaurants seien dabei keine direkte Konkurrenz für das Unternehmen.

Auch in Syke gibt es mit der Frischekiste ein Unternehmen, das Lebensmittel, Getränke und weitere Dinge des täglichen Bedarfs an die Kunden ausliefert. „In der Direktvermarktung ist die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln beim Kunden gerade stärker als je zuvor“, sagt Geschäftsführer Heinz-Jürgen Michel. „Und: Die Leute haben mehr Zeit, kochen öfter selber – und werden eindeutig experimentierfreudiger.“ Zudem habe die Firma eindeutig mehr Bestellungen von selteneren Gemüsesorten, die sonst eher weniger gewünscht seien. Michel sieht die Corona-Zeit aber nicht nur positiv: Es seien durch die Schließung von Schulen und Restaurants schließlich auch wichtige Kunden für frische Lebensmittel weggefallen.

Kurzzeitiger Aufnahmestopp an Neukunden

Die vergangenen Wochen seien ein Kraftakt für das Team der Frischekiste gewesen. „Wir haben statt circa 700 Kunden vor der Corona-Krise nun 1000, und wir müssen statt drei nun fünf Touren täglich fahren“, sagt Michel. Einen kurzzeitigen Aufnahmestopp an Neukunden gab es bei der Frischekiste daher auch. Mit zwei zusätzlich geliehenen Autos und neuen Mitarbeitern können jetzt aber wieder alle Kunden versorgt werden.

Auch bei Das Gemüseabo aus Dörverden setzt man mittlerweile auf das „Rezept der Woche“, nach eigenen Angaben immer regional und saisonal ausgewählt. „Wir möchten Vorschläge liefern, damit unsere Kunden eine Ahnung haben, wie sie Gerichte mit ungewöhnlichem Gemüse zubereiten können“, sagt Walter Franzmeier.

Sein Lieferdienst arbeitet dabei nach eigenen Angaben äußerst umweltbewusst: Es wird mit Fotovoltaikanlage gekühlt, bis auf ganz geringe Ausnahmen wird für die Verpackungen kein Plastik verwendet. Kunden können zudem auf sogenannte Flugware verzichten und das Unternehmen arbeitet mit einem Netzwerk an regionalen Partnern. Zudem ist Das Gemüseabo Mitglied im Verein „Ökokiste“, der die gemeinsame Marke von gut 40 zertifizierten Lieferbetrieben in ganz Deutschland ist und 100 Prozent Bio garantiert: von Obst und Gemüse über Fleischwaren und Molkereiprodukte bis zu Brot oder Eiern.

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