Branchentreff: Nahrungsmittelsparte als wichtiger Standortfaktor / Firmen machen vier Milliarden Euro Umsatz Bremens vergessener Industriezweig

Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie ist nicht das bekannteste Aushängeschild Bremens – obwohl die Branche nach dem Automobilsektor der Industriezweig mit den zweitmeisten Arbeitsplätzen ist. Die Standortbedingungen sind, wie nun auf einem Branchentreff hervorgehoben wurde, nach wie vor gut.
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Bremens vergessener Industriezweig
Von Jörn Hüttmann

Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie ist nicht das bekannteste Aushängeschild Bremens – obwohl die Branche nach dem Automobilsektor der Industriezweig mit den zweitmeisten Arbeitsplätzen ist. Die Standortbedingungen sind, wie nun auf einem Branchentreff hervorgehoben wurde, nach wie vor gut.

Die Lebensmittelindustrie ist nicht das erste Stichwort, was fällt, wenn von Bremen die Rede ist – dabei sind die Nahrungs- und Genussmittelproduzenten nach der Autobranche der zweitgrößte Industriearbeitgeber in Bremen. Für den Branchentreff i2b Grund genug, um dem Industriezweig und den Standortbedingungen am Dienstag einen eigenen Veranstaltungsabend zu widmen.

„Ich glaube, dass in Bremen sowohl nach innen als auch nach außen viel zu wenig deutlich wird, dass Bremen wirklich ein Industriestandort ist“, sagte Hasso Nauck. Der ehemalige Inhaber von Hachez ist heute Vorstandsmitglied des Vereins Nahrungs- und Genussmittelindustrie Bremen (Nageb), mit dem er das Image der Lebensmittelindustrie aufbessern will. „Als zweitstärkster Beschäftigungszweig in Bremen wird die Lebensmittelindustrie öffentlich zu wenig wahrgenommen.“

Nach Angaben des Nageb-Netzwerks beschäftigen die Lebensmittelproduzenten im Land Bremen insgesamt 9000 Beschäftigte und erwirtschaften einen Jahresumsatz von rund vier Milliarden Euro. Daraus leite sich die immense Bedeutung für den Bremer Arbeitsmarkt ab, sagte Holger Bruns, Sprecher der Wirtschaftsbehörde auf Nachfrage. „Das ist gute Arbeit bei guten Arbeitgebern.“ Bremen sei in dem Bereich so breit aufgestellt, dass die Marken dafür sorgen könnten, dass sich das Bundesland auch als Lebensmittelstandort profiliere.

Grundlage für den Erfolg seien unter anderem die guten Standortbedingungen, die die Lebensmittelindustrie in Bremen vorfinde, sagte Rainer Frerich-Segurna, Leiter des Bremer Kellogg-Werks in der Überseestadt. Für sein Werk sei vor allem die gute Anbindung Bremens entscheidend. Schon bei der Gründung des Werks in den 60er-Jahren sei die Nähe zum Bremer Hafen ausschlaggebend gewesen. „Die Wasserlage ist weltweit einzigartig. Wir sind die einzige Kellogg-Fabrik mit einem direkten Zugang.“ So können Frerich-Segurna und sein Team 50 Prozent ihrer Rohstoffe über das Wasser beziehen. Dadurch schicken sie im Jahr rund 12 000 Lkw weniger auf die Straße, was die Kosten drückt. Ebenso sei die sehr kurze Anbindung an den City-Airport für den Geschäftsverkehr unverzichtbar.

Darüber hinaus kann das Land Bremen im Bereich der Fachkräfte punkten. Dafür ist neben den Hochschulen in der Stadt Bremen vor allem die in Bremerhaven verantwortlich. Dort sind aktuell etwa 480 Studenten im Fach Lebensmitteltechnik eingeschrieben. „Damit sind wir bundesweit der größte Studiengang in dem Bereich“, sagte Hauke Hilz, der in Bremerhaven Professor für Lebensmittelchemie ist. „Wir sorgen für den akademischen Nachwuchs, gerade für die Lebensmittelwirtschaft hier vor Ort.“

Bei der Frage, ob die Politik den Standort genügend fördere, gingen die Meinungen auseinander. Rainer Frerich-Segurna ist grundsätzlich zufrieden. Schon in den 60er-Jahren sei die Zusammenarbeit mit den Behörden gut gewesen. „Wir können mit der Politik das Fundament legen, damit wir hier weiter existieren können.“ So sei in den vergangenen Jahren viel erreicht worden. „Wir haben zum Beispiel seit September die Erlaubnis, sieben Tage in der Woche 24 Stunden zu arbeiten“, sagte Frerich-Segurna. Auch das Bremer Modell, das die Koexistenz von Industrie und Wohngebieten in der Überseestadt vorsieht, sei bisher ein Erfolg.

Hasso Nauck sieht die Bremer Politik hingegen mehr in der Pflicht. „Wenn die Belange der Industrie hinter denen der Radfahrer zurückstecken, dann ist das einfach nicht gut“, sagte er. Für die Unternehmer wäre es wünschenswert, wenn das anders gehandhabt würde, so Nauck weiter. „Das geht über Standortpolitik, über Rahmenbedingungen, Infrastruktur Verkehrswege, Genehmigungen, Ausweisung von wirtschaftlich nutzbaren Gebieten.“ All das sei der Politik bekannt, allerdings würden sich vor allem die großen politischen Parteien nicht mehr richtig trauen, dazu auch mal klar Position zu beziehen. Stellenstreichungen wie zuletzt in den Verwaltungen von Kellogg oder Mondelez seien dadurch zwar nicht komplett zu verhindern. „Aber die Politik kann Rahmenbedingungen schaffen, die es denen, die diese Entscheidungen fällen, schwerer machen, so einen Standort zu verlassen.“

Holger Bruns hält die Wirtschaftsbehörde diesbezüglich hingegen für solide aufgestellt. „Für gute Standortfaktoren zu sorgen, ist eine Selbstverständlichkeit“, sagte er. Dazu gehöre unter anderem, gute Verbindungen am Flughafen und eine moderne Infrastruktur zu sichern. Darüber hinaus sei es der Behörde wichtig, Unternehmen auch an ihren jetzigen Standorten Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, wie beispielsweise bei Kellogg in der Überseestadt. Allerdings gebe es nicht die eine Maßnahme für alle Betriebe.

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