Bremer Brückenbauer

Tradition schreiben Thobias Koch und Ursula Crusius groß. Ende der 1950er-Jahre hatten die Väter der beiden heutigen Geschäftsführer den Familienbetrieb SIS Seehafen Industrieservice gegründet.
27.04.2017, 00:00
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Von Von Jürgen Hoffmann
Bremer Brückenbauer

Eine Brücke in der Nähe von Acapulco, Mexiko: Aktuell hilft SIS einem Hamburger Unternehmen dabei, seine Produkte auf den Markt des mittelamerikanischen Staates zu bringen.

Pablo Garcia Saldana

Tradition schreiben Thobias Koch und Ursula Crusius groß. Ende der 1950er-Jahre hatten die Väter der beiden heutigen Geschäftsführer den Familienbetrieb SIS Seehafen Industrieservice gegründet. Der vermittelte deutschen Unternehmen Geschäfte im Ausland, öffnete einer Brauerei in West-Afrika die Türen, stellte einem Hersteller von Fleischverarbeitungsanlagen Kontakte in Nigeria her. Was sich nach großer, weiter Welt und spannenden Abenteuern anhört, beschreibt Koch nüchtern: „Wir bieten Unternehmensberatung, Handel und Projektierung.“ Doch hinter diesen Worten verbergen sich spannende Deals und Millionen-Projekte von deutschen Lebensmittelkonzernen, Life-Science-Unternehmen und Maschinenbauern in Europa, Asien und Südamerika. Auch für dieses Jahr haben die Bremer Brückenbauer große Pläne.

„Viele deutsche Firmen haben fantastische Produkte, die sie weltweit verkaufen könnten, wissen aber nicht, wie sie neue Märkte im Ausland erobern können“, sagt Ursula Crusius. Sie hat in den vergangenen 20 Jahren so manchen erfolgreichen Unternehmer kennengelernt, der für seine internationale Expansion ihre Unterstützung brauchte. SIS recherchiert die Absatzchancen der Produkte eines Unternehmens auf einem bestimmten Zielmarkt, etwa Aserbaidschan oder Ukraine, und welche Risiken es gibt. Und die Bremer sorgen auch für Kontaktaufnahmen und vereinbaren Termine vor Ort. „Die meisten Unternehmen beauftragen uns, für sie langfristig stabile Geschäftsbeziehungen in Regionen aufzubauen, die für sie wirtschaftliches Neuland sind.“

Mitarbeiter weltweit

Ein Beispiel: Die Firma Bohlen & Doyen aus dem niedersächsischen Wiesmoor, Hersteller von Gas-Tankstellenanlagen für Autos und Busse, möchte künftig auch den russischen Markt beliefern. SIS erhielt den Auftrag, mit potenziellen Interessenten dort Kontakt aufzunehmen. „Das haben wir gemacht, erste Gespräche mit Firmen geführt und sind Anfang April nach Moskau geflogen“, sagt Crusius. Auch in Kirgisistan haben die Bremer für Bohlen & Doyen geworben und den Boden für künftige Geschäfte geebnet. Gleiches gilt für die Firma PA Propan & Ammoniak Anlagen in Salzgitter. Selbst der Gasprom-Konzern möchte deutsche Produkte kaufen. „Das Label Made in Germany ist noch immer ein Trumpf“, sagt Koch. „Und Bremen ein guter Standort für uns als Botschafter des deutschen Mittelstands. Die Stadt ist als Handelsstadt weltweit bekannt.“

Das jüngste Projekt der privaten Wirtschaftsförderer: Beim Besuch einer mexikanischen Wirtschaftsdelegation in Bremen stellte SIS den Südamerikanern zwei Produkte des jungen Hamburger Life-Science Unternehmens Proceanis vor, die Nahrungsergänzungsmittel „Hyaluronfiller“ und „Arthrofill“, das erste für schönere Haut, das zweite für gesunde Gelenke. Im deutschsprachigen Raum hat der Gewinner des Beauty Award Deutschland 2016 mit seinen Produkten vergangenes Jahr bereits rund 400 000 Euro Umsatz gemacht. „Auch Kontakte nach Italien, den Arabischen Emiraten und China haben wir schon selbst hergestellt“, sagt Firmenchef Heiko Bross. „Aber nicht nach Südamerika, dabei ist dieser Markt sehr interessant für uns.“ Die Präsentation der Produkte aus Hamburg durch SIS in Bremen und viele Gespräche der Berater mit einem Großhändler in Mexiko haben das geändert. Im Juli sollen die ersten Chargen nach Mexiko geliefert werden. „Unser Distributionspartner in Mexiko ist überzeugt, dass die Produkte von Proceanis relativ schnell den dortigen Markt erobern werden“, sagt der SIS-Geschäftsführer. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Und ich habe den Eindruck, dass mit diesen Nahrungsergänzungsmitteln weltweit Erfolge zu erzielen sind.“ Diese Einschätzung des erfahrenen Handelsexperten macht Heiko Bross und seinem Gründungspartner Henning Jüchter Mut. Eine Million Euro wollen die beiden noch in diesem Jahr mit ihren Produkten in Mexiko erwirtschaften. Ab 2019 sind jährlich zwei Millionen Euro angepeilt.

SIS sorgt für neue Geschäfte nicht nur aus Deutschland heraus, sondern auch in die andere Richtung. So haben die Bremer Holzlieferungen aus Sibirien nach Deutschland vermittelt und Kaschmirwolle aus der Mongolei nach Italien. Bezahlt werden ihre Export- und Importdienste bei größeren Projekten, etwa beim Verkauf einer Produktionsanlage, mit einer einmaligen Provision oder wenn es um längerfristige Zusammenarbeit geht, etwa dem Absatz der Produkte von Heiko Bross, auf Honorarbasis. „Wenn die Proceanis-Produkte in Mexiko gut performen, verdienen wir mit“, sagt Koch.

Was ist das Erfolgsrezept der „Wirtschafts-Botschafter“ von der Weser? Thobias Koch und Ursula Crusius arbeiten in Bremen zwar nur mit einem Team von fünf Mitarbeitern, verfügen aber im Ausland über ein engmaschiges Netzwerk von Repräsentanten und Partnerfirmen. SIS arbeitet zudem mit Außenhandelskammern, dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium und dem Osteuropaverein zusammen. „Networking ist in unserem Business das A und O“, sagt Koch. „Wir müssen auf allen wichtigen Märkten gute Leute kennen.“ Beim Smalltalk in Asien wie bei Verhandlungen in Südamerika ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Wer beispielsweise kulturelle Eigenheiten nicht kennt und respektiert, ist in vielen Ländern schnell wieder aus dem Geschäft.“

Im laufenden Jahr wollen Koch und Crusius fünf bis acht Unternehmen beraten und auf ihren Wegen ins Ausland begleiten. „Neue Regionen, die wir ins Auge fassen, sind Pakistan, Libanon, Ungarn und die skandinavischen Länder“, sagt Thobias Koch. Und einer der beiden SIS-Geschäftsführer wird Proceanis-Gründer Bross nach Mexiko begleiten. Der ist über die Begleitung froh: „Ich möchte dort natürlich einen guten Eindruck machen, da hilft es, wenn man durch SIS geschäftlich und gesellschaftlich eingeführt wird.“

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