Fuhrleute aus der Hansestadt förderten die Auswanderung nach Amerika und verhalfen so Kaufleuten und Reedern zu Gewinnen

Bremer mischten beim Überseegeschäft mit

Bremen. Die ersten deutschen Auswanderer nach Amerika waren zwangsrekrutierte Soldaten. Einige deutsche Fürsten, wie etwa der Landgraf von Hessen-Kassel sowie die Fürsten von Waldeck, Hanau und Ansbach, verkauften insgesamt etwa 30 000 ihrer Untertanen nach Amerika, um ihre zerrütteten Staatsfinanzen aufzubessern.
08.10.2017, 00:00
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Von FR
Bremer mischten beim Überseegeschäft mit

Die Auswanderer vor der Einschiffung.

Bremen. Die ersten deutschen Auswanderer nach Amerika waren zwangsrekrutierte Soldaten. Einige deutsche Fürsten, wie etwa der Landgraf von Hessen-Kassel sowie die Fürsten von Waldeck, Hanau und Ansbach, verkauften insgesamt etwa 30 000 ihrer Untertanen nach Amerika, um ihre zerrütteten Staatsfinanzen aufzubessern. Nach sieben Jahren kehrten etwa 17 000 in ihre Heimat zurück. Wenn auch vielen in den Schlachten zwischen den Südstaaten und dem freiheitlichen Norden ihre Leben ließen, blieben doch immerhin einige als Farmer im Lande. Ihre begeisterten Briefe von der Fruchtbarkeit des Landes und der Freiheit zog Angehörige und Freunde nach. Und zwar so erfolgreich, dass Bremen die deutschen Fürsten warnte, die Auswanderung nicht zu fördern. Kein Gedanke daran, dass Bremen selbst einmal so enorm von den Auswanderern profitieren würde.

Nach der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1776 begann ein neuer Abschnitt im Bremer Seehandel. Bis dahin waren bremische Schiffe von Überseegeschäft ausgeschlossen. Alle infrage kommenden Gebiete waren von europäischen Kolonialmächten besetzt. Den Warenverkehr besorgten die jeweiligen Staaten mit eigener Flotte. Bremer Kaufleute und Reeder erkannten die Chance des Freihandels. Der riesige amerikanische Kontinent war lebhaft am Warenverkehr interessiert.

Ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel zwischen Kaufleuten und Schiffbauern liefert die Firma D. H. Wätjen. Mehr und größere Schiffe wurden gebraucht. Und zwar in kurzer Zeit. Schiffbauer Lange lieferte. So stand Wätjen bald mit immer größeren Schiffen an der Spitze bremischer Reeder. 1883 verfügte die Firma mit 43 Seeseglern und vier Dampfschiffen über die größte europäische Flotte. Einen nicht geringen Anteil daran hatte das Geschäft mit den Auswanderern. Aber gehen wir in der Zeit zurück.

Bremer Schifffahrt und Handel waren schon früher ein Thema. Bremer Segler besorgten den Transport der Kolonialwaren, die England oder Holland von Übersee an Stapelplätzen in Amsterdam oder an der britischen Ostküste lagerten. Für die Lieferung ins Hinterland, also zum Verbraucher, waren die Bremer Fuhrleute zuständig. Vier- und sechsspännig beförderten sie ihre Waren nach Berlin und Leipzig, nach Köln und Frankfurt bis in die südlichen Provinzen.

Mit dem Anwachsen nordamerikanischer Stapelware wuchs auch der Transportbedarf. Die Rückfracht war meist dürftig. In den Gaststätten und Herbergen kamen die Fuhrleute schnell mit denen ins Gespräch, die in Le Havre oder Rotterdam ein Schiffsbillett nach Amerika erwerben wollten. Für ein geringes Entgelt boten ihnen die Fuhrleute einen Platz in ihren Wagen an. Sie versicherten, dass sie auch von Bremen aus über den Ozean kämen.

So wurden die Fuhrleute zu den ersten Werbern für die Hansestadt. Übermüdet und kräftig durchgeschüttelt langten die Auswanderer in Bremen an. Hier waren sie höchst willkommen. Denn die Wirtsleute hatten aus den ehemaligen Fuhrmannsherbergen schlichte Gaststätten gemacht. Sie gaben den Unterkünften Namen wie „Die Stadt Baltimore“ am Neuen Markt, „Stadt Newyork“ an der Großen Johannisstraße oder „Zum Admiral Nelson“ an der Langenstraße – Namen, die schon hier die Sehnsucht nach der großen Freiheit drüben neu entfachten.

Zu den bedeutendsten Wirten zählte Friedrich Mißler mit seinen umfangreichen Auswandererhallen in der Hemmstraße. Er besorgte alles Notwendige, von den Fahrkarten über Gepäcktransport und Versicherungen bis zur genauen Abfahrtszeit der jeweiligen Schiffe – meistens die des Norddeutschen Lloyds.

Auch die Bremer Reeder kalkulierten mit der neuen Kundschaft. Ihnen lag an einer nützlichen Fracht für die Hinfahrt nach Amerika. Wo sie sonst zur Sicherheit der Segler Ballast übernehmen mussten, sorgten nun Auswanderer nicht nur für das nötige Ballastgewicht, sondern auch für finanziellen Gewinn. Einige Zahlen verdeutlichen Umfang und Wachstum der Auswanderung über Bremen: Im März 1851 registrierte das Nachweisungsbüro 3311 Personen. 1861 zählte das Büro bereits über 30 000 Auswanderer, die über Bremen ausreisten. Letztlich nahmen über vier Millionen Menschen den Weg nach Amerika über bremische Häfen.

Nachdem eine Reihe von Prellereien und schlechter Versorgung zulasten der Auswanderer bekannt geworden waren, schritt der Senat ein. Er verlangte von den Wirten in einem Erlass von 1832, „dass alles, was zum Wohle derer nötig scheint, welche Bremen zu ihrem Auswanderungsplatz gewählt haben, soviel wie möglich Berücksichtigung finde“. Schließlich kam es zu einem Vertrag zwischen Senat und den Wirten, dessen Nichteinhaltung empfindliche Strafen nach sich zog.

Daran allerdings hatten die Fuhrleute schon keinen Anteil mehr. Ihr Gewerbe erledigte sich mit der Gründung mehrerer Eisenbahnstrecken. Als einer der Letzten ließ F. W. Neukirch noch 1830 mit 100 Zugpferden und 300 Mitarbeitern Umfang und Bedeutung des Fuhrwesens ahnen. Die Eisenbahnlinie Hamburg-Köln bedeutete letztlich das Aus für den Frachtverkehr mit Pferd und Wagen.

Für die Ausgabe DIE WOCHE – MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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