Nutzer können Wünsche abgeben Bremer Online-Supermarkt lässt Kunden mitentscheiden

Zwei Bremer wollen Lebensmittel über das Internet verkaufen. Intensive Marktforschung soll dafür sorgen, dass sie genau den Geschmack der Kunden treffen. Doch dafür brauchen sie noch Hilfe.
03.10.2017, 22:24
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Online-Supermarkt lässt Kunden mitentscheiden
Von Stefan Lakeband

Die Auswahl fängt schon bei den Visitenkarten an. Gelb, rot, grün, magenta – Thorsten Bausch und Norbert Hegmann halten einen kleinen Fächer an bunten Pappkärtchen und wollen so ihre Geschäftsidee vermitteln. Die lautet: Nimm das, was dir am besten gefällt. Nur geht es in ihrem Unternehmen nicht um Visitenkarten; „wir wollen den besten Supermarkt der Welt schaffen“, sagt Hegmann.

Unter dem Namen My Enso sind die beiden seit einem Jahr aktiv, jetzt wollen sie das Wachstum ihres Unternehmens beschleunigen. Dabei hoffen sie auf die Hilfe der Bremer. Denn die Hansestadt soll das erste Testfeld für den Online-Supermarkt werden. „Wir sind auf der Suche nach Pionieren, die sich auf unserer Website anmelden“, sagt Bausch. So nennen die Gründer Kunden, die nicht nur bei My Enso einkaufen, sondern auch dabei helfen wollen, die Plattform weiterzuentwickeln. „Die Kundenzentrierung ist sehr wichtig für uns“, sagt Bausch. So können die Nutzer beispielsweise Wünsche abgeben, welche Produkte in den Shop aufgenommen werden sollen.

400.000 Bons gesammelt

Wie wichtig die Stimme der Konsumenten ist, weiß Hegmann auch aus seinem anderen Job. Er ist Geschäftsführer von Bonsai, einem Marktforschungsinstitut, das neue Produkte unter realen Bedingungen testet. Bonsai wiederum gehört zu Kantar TNS, dem zweitgrößten Marktforschungsunternehmen der Welt. Bausch dagegen war zuletzt Unternehmensberater und hat sich auf Marktstrategien spezialisiert. Für ihr gemeinsames Projekt haben sie ihre Erfahrungen genutzt, aber auch viel eigene Forschung angestellt. So haben die beiden Bremer gezielt Kunden angesprochen, die etwa online bei Amazon oder Rewe Lebensmittel gekauft haben und sie nach den Kaufbelegen gefragt. Daraus ist eine Sammlung mit etwa 400.000 Bons geworden. „Damit können wir ablesen, wann welche Produkte wo gekauft wurden“, sagt Hegmann. Außerdem haben sie zahlreiche potenzielle Kunden nach ihren Anforderungen an den Lebensmittelkauf online gefragt. Herausgekommen ist ein wahrer Datenschatz, den auch die Hersteller zu schätzen wissen.

Und für die soll My Enso noch einen weiteren großen Vorteil bieten: Die Produzenten sollen direktes Feedback bekommen, wie ihre Waren bei den Nutzer ankommen. „Wir bringen Kunden und Hersteller erstmals direkt zusammen und sind nur die handelsneutrale Plattform, die die Bedürfnisse beider Seiten managt“, sagt Hegmann. Knallharte Listungsgespräche zwischen dem Handel und den Herstellern, wie sie im Lebensmitteleinzelhandel üblich sind, soll es daher nicht geben. Die Lebensmittel sollen aber trotzdem nicht teurer als bei den stationären Händler wie Rewe oder Edeka sein.

Lager in der Überseestadt geplant

Ein direkter Konkurrent zu deren Online-Shops will My Enso nicht werden. Auch den Internetkonzern Amazon, der ebenfalls Lebensmittellieferungen anbietet, wollen die Bremer nicht angreifen. Die Gründer versuchen aber, eine Nische genau dazwischen zu besetzen. Dass die groß genug zum Überleben sein kann, davon sind Bausch und Hegmann überzeugt. Der Markt für Lebensmittel, die online gekauft werden, sei riesig und werde noch weiter wachsen. Das wollen die Unternehmer aber nicht allein angehen, sie haben sich Hilfe geholt. Neben TNS Kantar arbeitet My Enso etwa auch mit den Bremer Unternehmen BLG und Team Neusta zusammen. Die einen kümmern sich um die Logistik, die anderen sorgen für die Plattform im Internet. Der Großteil des Sortiments kommt von der Firma Bünting aus Leer, die mit Combi und Famila eigene Einkaufsmärkte hat.

Außerdem planen die Gründer, mit der Firma Vollers ein Lager auf 100.000 Quadratmetern in der Überseestadt zu eröffnen. Dieses Zentrallager soll aber kein herkömmliches sein, sondern mit Hilfe der BLG mit Robotern ausgerüstet werden. Die sollen dann die Regale zu dem Menschen bringen, der die Lieferungen zusammenstellt – und nicht andersherum.

Von diesem Zentrallager aus soll als erstes Bremen beliefert werden, perspektivisch wollen die Gründer mit My Enso in die 15 größten deutschen Städte und dort mit eigenen Lieferfahrzeugen unterwegs sein. Ein erstes gibt es jetzt schon. Das ist allerdings kein reiner Transporter, sondern gleichzeitig ein mobiler Kiosk mit Ladentheke. Hier sollen Kunden dann auch spontan noch Sachen kaufen können, die sie bei ihrer Bestellung vergessen haben.

Schon jetzt ist das Fahrzeug regelmäßig im Einsatz, denn Hegmann und Bausch haben bereits ein erstes Geschäftsfeld erschlossen: My Enso beliefert regelmäßig mehr als 40 Senioreneinrichtungen in der Hansestadt. Hier habe sich das Mobil schon zu einem Treffpunkt entwickelt. „Das ist Teil unserer Idee“, sagt Bausch, „ein Unternehmen aus dem Internet bringt Menschen in der echten Welt zusammen.“ Denn die Gründer denken weiter. Für den Regelbetrieb stellen sie sich auch eine Art Botschafter-Programm vor: Hier könnten etwa Rentner aus der Nachbarschaft die Lebensmittelieferungen für andere annehmen. Die Nutzer sollen außerdem in einem Beirat des Unternehmens zusammenkommen, denn My Enso will sich genossenschaftlich organisieren, sodass theoretisch jeder Teil der Firma werden kann.

Bis dahin wollen Hegmann und Bausch aber zunächst einmal weitere Kunden gewinnen. Neben den Pionieren, die für ihre Meinung zum Onlineshop mit Rabatten belohnt werden sollen, soll auch die Zahl der Lieferanten und Marken wachsen, die über My Enso verkauft werden können. Aber – das ist der Ansatz der Gründer – bei jeder neuen Entwicklung sollen die Kunden zuvor gefragt werden.

Ein umkämpfter Markt

Experten rechnen damit, dass der Markt für Lebensmittel, die im Internet gekauft werden, in den kommenden Jahren stark wachsen wird. Schon jetzt gibt es einige Anbieter, die auch Bremer Haushalte beliefern. Einer der größten ist die Supermarktkette Rewe, die auch einen Onlineshop betreibt. Hier können sich Kunden einen Großteil des Sortiments nach Hause liefern lassen und dabei einen Wunschtermin angeben. Ähnliches bietet der Edeka-Markt Jastrebow in Schwachhausen an. Die Gebühr richtet sich hier nach der Entfernung zwischen Lieferort und Supermarkt. Auch Lestra beliefert ganz Bremen mit Lebensmitteln. Wer bis 10 Uhr morgens bestellt, kann bereits ab 11 Uhr beliefert werden. Auch andere Supermärkte und Discounter bieten einen Onlineshop und Lieferservice. Mit My Time und All you need fresh gibt es reine Online-Plattformen, die Bremer Haushalte mit Lebensmitteln versorgen. Der Internetkonzern Amazon bietet sein Angebot Fresh hingegen bislang nur in Hamburg und Berlin an.

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