Folgen des Brexit

Im Netz der Bürokratie

Für viele Fischer in Großbritannien ist aus dem Traum der Unabhängigkeit zunächst ein Albtraum geworden. Tonnenweise mussten sie ihren Fang wegkippen. Grund ist der gestiegene Bürokratie-Aufwand.
26.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Im Netz der Bürokratie
Von Katrin Pribyl
Im Netz der Bürokratie

Ein Hafen in Nordirland: Entgegen den Versprechen der Regierung in London von Brexit-Vorteilen berichten britische Fischer über große Schwierigkeiten.

David Keyton/DPA

London. Wenn er die Uhr zurückdrehen könnte, sagt Ian Perkes, dann würde er „natürlich“ nicht mehr für den EU-Austritt stimmen. Der Fisch-Exporteur aus dem Südwesten Englands dachte, mit dem Brexit werde eine bessere Zukunft eingeläutet. „Unabhängig zu werden, unsere Fischgründe zu besitzen und dass Europa auf uns angewiesen ist“, so lauteten die Hoffnungen. Doch die Realität gestaltet sich anders. „Es war bislang ein absoluter Albtraum.“

Fast ein Monat ist vergangen, seitdem die Übergangsfrist endete und das Königreich den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion verließ. Mit jedem Tag, der vergeht, offenbart sich insbesondere den Briten, was der Brexit bedeutet. Unternehmen, die Produkte in die EU exportieren oder auf Importe angewiesen sind, beschweren sich genauso wie Kunden auf beiden Seiten des Ärmelkanals über den Bürokratieaufwand, über Zollgebühren oder verspätete Lieferungen. Dabei herrschte noch an Heiligabend Feierstimmung, als sich London und Brüssel in letzter Minute auf ein Handelsabkommen einigten. Erlebt das Königreich nun den Brexit-Blues? Dies sind die Knackpunkte:

Fischerei: Das Wichtigste sei, „dass wir unseren Fisch zurückhaben und der Fisch jetzt britisch und deswegen glücklicher ist“, sagte kürzlich Kabinettsmitglied Jacob Rees-Mogg im Parlament. Der zynisch anmutende Scherz des Brexit-Hardliners kam bei den britischen Fischern alles andere als gut an. Sie kämpfen ums Überleben. So mussten sie tonnenweise Fisch, Hummer und andere Meeresfrüchte wegkippen oder verfaulen lassen, weil Boote in den Häfen in Schottland oder im Süden Englands festsitzen. Mehr als die Hälfte des britischen Fangs wurde bisher in die EU exportiert. Doch aufgrund des erforderlichen Papierkrams bringen viele Exporteure ihre Ware nicht rechtzeitig zu den Abnehmern in der EU. Neben den Fischern sind auch Fleischhändler betroffen, die auch Gesundheitszertifikate präsentieren müssen.

Kreativ-Szene: Es stehen hochkarätige Namen unter dem kürzlich veröffentlichten Wutschreiben: Popikone Sir Elton John und Sting haben den Brief genauso unterzeichnet wie Sänger Ed Sheeran, Stardirigent Sir Simon Rattle, Radiohead oder die Sex Pistols. Sie verschaffen in der Zeitung „The Times“ ihrem Ärger über den Brexit-Deal Ausdruck. Die britischen Künstler seien „von der Regierung auf beschämende Weise im Stich gelassen worden“. Das Problem: Wollen sie in den EU-Mitgliedstaaten auf Tournee gehen oder Engagements wahrnehmen, brauchen Musiker wie Crew-Mitglieder ein Visum. Das ist zeitaufwendig und teuer. Hinzu kommen Kosten für Genehmigungen, etwa wenn Orchestermusiker Instrumente transportieren wollen.

Verbraucher: In den sozialen Medien vergeht kein Tag, an dem sich frustrierte Bürger nicht zu Wort melden und von ihren Online-Shopping-Erfahrungen berichten. Eine Britin etwa bestellte Bettwäsche bei einem in Berlin ansässigen Unternehmen und erhielt mit ihrer Rechnung von 292 Pfund für die Ware auch eine zusätzliche Forderung von 93 Pfund für Zölle, Steuern und Gebühren. Und auch Kunden in der EU, die bei Unternehmen im Königreich bestellen, erleben zurzeit oft eine böse Überraschung. Ihnen drohen Zollgebühren. Viele britische Textilhändler nehmen aufgrund der deutlich erhöhten Versandkosten zudem Retouren aus der EU nicht mehr an, da Unternehmen auf der Insel beim Rückversand ins Königreich Zollformulare ausfüllen und Einfuhrzölle begleichen müssen.

Import- und Exportbranche: Für Aufsehen sorgte die Episode, als ein niederländischer Zöllner einem Lkw-Fahrer, der aus Großbritannien kam, dessen Schinken-Sandwich beschlagnahmte. Bestimmte Lebensmittel unterliegen seit dem 1. Januar neuen Bestimmungen für die Einreise in die EU, dazu gehören auch Fleischprodukte. Spediteure auf der Insel klagen über den Bürokratieaufwand. Denn Exporteure müssen Zoll- oder Transiterklärungen ausfüllen.

Bei Lebensmitteltransporten von Waren tierischer Herkunft sind an den EU-Grenzen Gesundheitszertifikate erforderlich. Zahlreiche Betriebe haben ihre Verkäufe wegen der komplizierten Zollregeln erst einmal komplett eingestellt. Derweil häufen sich die Berichte über leere Supermarktregale in Nordirland, weil es Schwierigkeiten bei den Zollformalitäten gibt. Die Provinz gehört laut Austrittsvertrag zum britischen Zollgebiet, muss aber faktisch weiter die Regeln des EU-Binnenmarkts und der Zollunion befolgen. So sollte eine sichtbare Grenze zur Republik Irland verhindert werden. Doch es bedeutet auch, dass nun Kontrollen von Warentransporten vorgenommen werden, die aus Großbritannien nach Nordirland kommen.

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