Schwierige Fusion von zwei Börsen Chauvinismus auf dem Parkett

London. Deutschland und England – nicht nur beim Fußball gibt es da große Rivalitäten. In der Finanzwelt ist das nicht anders.
05.03.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von ERIK NEBELUND TERESA DAPP

Deutschland und England – nicht nur beim Fußball gibt es da große Rivalitäten. In der Finanzwelt ist das nicht anders. Und nun versuchen ausgerechnet die Börsen von Frankfurt und London die Gräben zu überwinden und sich zu einem auch global führenden Mega-Marktplatz zusammenzuschließen. Ob das funktioniert? Die Zweifel sind auf beiden Seiten des Ärmelkanals groß. Es geht auch um nationale Gefühle und internationale Bedeutung.

Nicht nur die eigenen Aktionäre müssen die beiden Unternehmen zu einer Fusion überzeugen. Auch die Öffentlichkeit müssen sie mitnehmen. Denn die Politik hat mehr als bei anderen Firmenzusammenschlüssen ein Mitspracherecht.

Börsenbetreiber arbeiten im öffentlichen Auftrag. Das weiß Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter und greift im Ringen um Zustimmung zu großen Worten. Letztlich gehe es auch um die wirtschaftliche Zukunft Europas, sagt Kengeter. Der Kontinent brauche einen starken Anbieter von Finanzinfrastruktur. Dieser dürfe nicht in die Hand von amerikanischen Investoren gelangen. Auch sein Londoner Amtskollege Xavier Rolet meint, dass es im globalen Wettstreit künftig nur einige wenige wirklich internationalen Marktanbieter geben werde. Deshalb sei der Zusammenschluss eine große Chance.

Offiziell nennen sie es einen Zusammenschluss unter Gleichen. Doch genau daran haben viele in London und Frankfurt ihre Zweifel. So sollen die Aktionäre der Deutschen Börse an einem fusionierten Unternehmen mit gut 54 Prozent die Mehrheit halten. Auf der anderen Seite soll aber der eigentliche Firmensitz in London sein. „Wir sollten die Deutsche Börse nicht schwachreden“, sagt der Herausgeber der „Börsen-Zeitung“, Ernst Padberg. „Britische Obergesellschaft und Sitz in London – das kann nicht sein.“ Dafür erhält er von der versammelten Frankfurter Finanzgemeinde großen Applaus. „Eine Marke, eine Institution ist in jedem Fall größer als handelnde Akteure“, sagt Padberg noch. Das zielt direkt auf Kengeter. Denn der soll künftig an der Spitze des fusionierten Konzerns stehen.

Eigennützige Motive?

Macht er die Fusion etwa vor allem aus Eigennutz, weil dann internationale Aufwertung, höhere Bezüge und ein Dienstort wieder am Wohnsitz in der britischen Hauptstadt winken? Denn dort ist der gebürtige Heilbronner seit Jahren zu Hause. „Wer so etwas unterstellt, kennt mich nicht“, entgegnet Kengeter. Es gehe nicht um einen Ausverkauf Frankfurts. Seine Aufgabe sei es, für den Finanzplatz etwas zu schaffen, das Nutzen bringe. Daran wolle er sich messen lassen.

In Großbritannien wiederum haben europäische Projekte gerade einen schweren Stand. Ende Juni werden die Briten über einen Austritt aus der Europäischen Union entscheiden. In London jedenfalls wundern sich viele, warum ihre traditionsreiche Börse gerade jetzt ihre Eigenständigkeit aufgeben soll, zumal die Geschäfte gerade sehr gut laufen. Viele sehen in der Fusion eine Übernahme durch die Deutschen. Die LSE sei seit mehr als drei Jahrhunderten „das Herz der City“, meint etwa die konservative Zeitung „Times“. Die Börse habe zwei Weltkriege und Bomben der IRA überstanden. „Also wird bei Weitem nicht jeder in der City gern in deutsche Hände fallen.“

Es gibt aber auch pragmatische Stimmen, die darauf verweisen, dass die Londoner Börse im Wettstreit mit der amerikanischen und asiatischen Konkurrenz seit Beginn dieses Jahrhunderts an Bedeutung verloren hat. „Das ist nicht die Zeit für Gefühle – macht den Deal klar“, fordert die „Financial Times“. Doch das war noch, bevor der US-Börsenbetreiber ICE öffentlich über ein Gegenangebot nachdachte. Am Ende könnte es in London also auf eine Entscheidung zwischen den USA und Europa hinauslaufen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+