Ökonomin über Klimaschutz

„Wir alle müssen uns einbringen“

Klimaschutz und Industrie schließen sich nicht aus, sagt Ökonomin Claudia Kemfert. Im Interview erklärt sie, wie das möglich sein kann.
04.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir alle müssen uns einbringen“
Von Stefan Lakeband
„Wir alle müssen uns einbringen“

Freitags demonstrieren, montags mit der Arbeit beginnen – das fordert Ökonomin Claudia Kemfert.

Kay Nietfeld/dpa

Frau Kemfert, Ihr neues Buch heißt „Mondays for Future“. Warum ist dieser Tag so wichtig?

Claudia Kemfert: Der Montag ist ja ein eher unbeliebter Tag. Ich will mit dem Buch zeigen, dass wir ihn nutzen sollten, um etwas für das Klima zu tun. Bei Fridays for Future wird am Freitag demonstriert, am Samstag diskutieren wir darüber, und einen Tag später werden Sonntagsreden geschwungen.

Es ist also die logische Konsequenz aus den Protesten von Fridays for Future?

Ja. Es geht mir darum, zu zeigen, was in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Klima- und Nachhaltigkeitspolitik passiert ist – und was nun nötig ist.

Das wäre?

Wir dürfen uns nicht im Klimakarussell verfangen und uns gegenseitig die Schuld zuweisen. Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft müssen gemeinsam aktiv werden. Ich werbe für eine Stärkung der Demokratie. Jeder kann sich einbringen.

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Viele Leute haben aber das Gefühl, einbringen nützt nichts.

Aus dieser Lethargie müssen die Menschen herauskommen. Mittlerweile gibt es schon viele Bürgerbewegungen, die klare Ziele ­haben. Wenn wir in der Gemeinschaft nach vorne gehen, können wir etwas bewirken.

Das Problem Klimawandel ist seit Jahrzehnten bekannt, und eigentlich sind sich alle einig, dass es nicht so weitergehen kann. Warum ist es trotzdem so schwer, etwas dagegen zu tun?

In den vergangenen 40 Jahren wurden durchaus etwas erreicht, seien es etwa die Millenniumsziele oder das Pariser Klimaabkommen. In Anbetracht der riesigen Herausforderung erscheint das aber wenig. Klimawandel ist sehr komplex, betrifft unterschiedliche Regionen der Welt und zeigt sich über lange Zeiträume. Davon dürfen wir uns aber nicht aufhalten lassen. Industrieländer wie Deutschland haben ihr gesamtes Wirtschaftssystem auf der Schädigung von Umwelt und Klima aufgebaut. Wir sind daher auch verantwortlich, diese Beschädigung abzustellen. Alles, was wir jetzt tun, hat Auswirkungen auf künftige Generationen.

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Sie schreiben, dass in Ländern wie China der Klimaschutz viel schneller umgesetzt wird, sehen das aber nicht als Vorteil. Warum?

Länder mit einer starken Demokratie – anders als China – können einer schwierigen Situation besser begegnen. Egal ob Klima- oder Corona-Krise: Die getroffenen Maßnahmen müssen von der Bevölkerung mitgetragen werden. Dafür braucht es Akzeptanz, und die bekommt man, indem man gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht und nicht mit Zwang etwas von oben verordnet. Häufig wird behauptet, wir bräuchten eine sogenannte Öko-Diktatur, um den Klimawandel zu stoppen. Das Gegenteil ist der Fall.

Sie sind Ökonomin und schreiben über Klimaschutz: Passt das zusammen?

Ökonomie und Ökologie sind keine Gegensätze. Mehr noch: Sie gehören zusammen. Der Klimawandel ist auch für die Wirtschaft eine Bedrohung. Er verursacht horrende ökonomische Schäden. Der Klimawandel bietet aber auch Chancen für eine Volkswirtschaft – nämlich dann, wenn sie sich in Richtung umweltschonendes Wirtschaften bewegt. Ungezügeltes Wachstum zulasten des Klimas ist nicht zukunftsfähig und muss abgeschafft werden.

Wer hat auf dem Weg dahin Ihrer Meinung nach die größte Verantwortung?

Da sind alle gefragt: Die Politik muss den Rahmen setzen, damit die Marktwirtschaft auf den Klimaschutz ausgerichtet wird. Dann sind es die Unternehmen, die sich in diesem Rahmen bewegen und Investitionen tätigen müssen. Der letzte Punkt ist die Gesellschaft: Wir alle müssen uns einbringen.

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Viele Menschen achten auf ihr Verhalten, kaufen regionale Lebensmittel, fahren mehr Bahn als Auto und verzichten auf Flugreisen. Bekommt man den Klimawandel so in den Griff?

Es ist nicht falsch, sich zu überlegen, welche Auswirkungen das Konsumverhalten hat. Dadurch lassen sich aber nicht alle Probleme lösen. Auch die Wirtschaft muss umsteuern. Denn es gibt immer einen Grundsockel an CO2-Emissionen, etwa durch den Verkehr und durch die Industrie.

Wenn dieser Grundsockel abgeschafft werden soll, ist dann überhaupt noch Platz für industrielle Produktion in unserer Gesellschaft?

Absolut! Aber sie muss eben klimaschonend sein. Nehmen wir die Stahlbranche: Unternehmen wie Arcelor-Mittal forschen aktuell daran, mit grünem Wasserstoff die Stahlproduktion klimafreundlicher zu machen. Dafür müssen sie viel investieren und brauchen Hilfe von der Politik. Denn die muss dafür sorgen, dass importierter Stahl teurer wird, wenn er unter ökologisch schlechteren Bedingungen hergestellt wurde.

Sie liefern auf mehr als 120 Fragen Antworten zum Klimawandel. Gab es auch Fragen, die Sie gerne beantwortet hätten, auf die Sie aber keine Antwort gefunden haben?

Im Buch erkläre ich, warum und wie wir die Welt verändern müssen. Auf die Frage aber, wer das tun kann, hat Vaclav Havel schon 1986 die beste Antwort gegeben: „Jeder von uns hat, kurz gesagt, die Möglichkeit zu begreifen, dass auch er – und sei er noch so bedeutungslos und machtlos – die Welt verändern kann. Jeder aber muss bei sich anfangen: Würde einer auf den anderen warten, warteten alle vergeblich.“

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Haben Sie Sorge, dass wegen der Corona-Krise der Klimawandel in Vergessenheit gerät?

Es ist verständlich, dass andere Herausforderungen als drängender eingeschätzt werden. Wenn wir jetzt über Wirtschaftshilfe im Zuge der Corona-Krise sprechen, müssen wir dabei zwingend die Themen Klima- und Umweltschutz beachten. Ein Beispiel: Aktuell wird eine Abwrackprämie diskutiert, die den Autoverkauf ankurbeln soll. Die hat sich schon 2009 als ökologisch und ökonomisch unsinnig herausgestellt. So ein Fehler darf sich nicht wiederholen.

Die Corona-Krise hat gezeigt, welche Opfer eine Gesellschaft bringen kann, wenn es denn notwendig ist. Färbt davon auch etwas auf den Kampf gegen den Klimawandel ab?

Ich denke, dass wir daraus etwas lernen können. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass wir nicht mit dem Flieger zum nächsten Meeting hetzen müssen. Stattdessen machen wir Videokonferenzen. Oder wir fahren Fahrrad, da temporäre Fahrradwege endlich mehr Platz geben; zudem ist die Luft sauberer. Das werden viele nicht mehr missen wollen.

Info

Zur Person

Claudia Kemfert leitet seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die 51-Jährige stammt aus Delmenhorst und hat kürzlich ihr Buch „Mondays for Future“ veröffentlicht, in dem sie wichtige Fragen zum Klimawandel beantwortet. Erschienen ist es im Murmann-Verlag.

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