Materialien der Zukunft, Teil 5 Coca-Cola: Bis 2020 alle Flaschen aus Zucker

Eine große Ankündigung von Coca-Cola: Bis 2020 sollen alle PET-Flaschen komplett pflanzlich hergestellt werden. Bereits heute gibt es eine Plantbottle-Flasche, die zu 14 Prozent aus Bio-Kunststoff besteht.
08.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Meyer

Eine große Ankündigung von Coca-Cola: Bis 2020 sollen alle PET-Flaschen komplett pflanzlich hergestellt werden. Bereits heute gibt es eine Plantbottle-Flasche, die zu 14 Prozent aus Bio-Kunststoff besteht.

Expo 2015, Mailand. 145 Länder präsentieren sich, Weltausstellung, ein Riesending. Wer Innovationen in der Schublade hat, der holt sie spätestens jetzt heraus, um sie zu zeigen, den 20 Millionen Besuchern und vor allem den Medien. Thema ist Ernährung, doch es geht nicht um kulinarische Genüsse, sondern um Größeres: Hunger, Produktion, Nachhaltigkeit.

Und dann, Anfang Juni, kommt Coca-Cola, der nach eigenen Angaben größte Getränkehersteller der Welt mit mehr als 46 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2014. Nancy Quan, im Konzern für Forschung und Entwicklung zuständig, spricht von „bahnbrechender Technologie“ und „nachhaltiger Innovation“. Und präsentiert: eine Plastikflasche. Sie sieht aus wie jede andere, mit durchsichtigem Körper und knallrotem Etikett. Nur ein kleines grünes Blättchen im Recycling-Logo deutet darauf hin, dass Coca-Colas sogenannte Plantbottle etwas Besonderes ist: Sie ist nach Angaben des Konzerns die erste komplett aus Pflanzen hergestellte PET-Flasche der Welt.

Seit 2011: Vio-Flaschen zum Teil aus Kunststoff

Der große Auftritt in Mailand – er zeigt, dass Coca-Cola es ernst meint mit seiner Ankündigung: Bis 2020 will das Unternehmen alle PET-Flaschen, die auf Basis der Rohstoffe Öl und Erdgas hergestellt werden, durch die pflanzliche Variante ersetzen. Bereits 2009 begann die Einführung der Plantbottle – zunächst in der Schweiz bei der Mineralwassermarke Valser Silence. Seit 2011 wird die Flasche auch in Deutschland verwendet, für die Abfüllung des Vio-Wassers in der Lüneburger Heide. In mehr als 40 Ländern sollen seit der Einführung über 35 Milliarden Plantbottle-Flaschen verkauft und so dem Konzern zufolge 315 000 Tonnen Kohlendioxid in der Produktion eingespart worden sein.

Allerdings ist die bisherige Variante der Plantbottle nicht vollständig aus Pflanzen hergestellt. Technisch ist es laut Coca-Cola in der Massenfertigung bislang nur möglich, 14 Prozent der Flasche aus Bio- und 35 Prozent aus recyceltem Kunststoff zu fertigen. Traditionell besteht eine PET-Flasche zu einem Drittel aus Monoethylenglykol (MEG), einer industriell produzierten Chemikalie, die unter anderem auch in der Herstellung von Polyesterfasern, Kühlerschutz- und Schmiermitteln verwendet wird; und zu 70 Prozent aus der aus Öl gewonnenen Terephthalsäure. Sie macht bei der Plantbottle 51 Prozent aus.

Knapp 40 Prozent der Verpackungen aus Plastik

Das MEG in der Plantbottle wird auf der Basis von Pflanzen hergestellt. Coca-Cola verarbeitet dafür Bio-Ethanol. „Zuckerrohr-basiertes Ethanol aus Brasilien ist das Einzige, welches von Meinungsführern weltweit für seine ökologische und soziale Nachhaltigkeit anerkannt ist“, wirbt der Getränkekonzern, und weiter: „Es reduziert Treibgas-Emissionen, hat kaum Einfluss auf die Artenvielfalt, wird in effizienten Verfahren angebaut und steht nicht im Wettbewerb zum Lebensmittelanbau.“ Durch die Verwendung von Bio-Kunststoffen sollen fossile Ressourcen und die Umwelt geschont werden.

Bio-Kunststoffe werden immer wichtiger für die Industrie, das hat nicht nur Coca-Cola erkannt. Immerhin bestehen knapp 40 Prozent der 14 Millionen jährlich in Deutschland produzierten Verpackungen aus Plastik. Der Rohstoff Erdöl aber dürfte langfristig deutlich teurer werden, weswegen sich die Wirtschaft schon jetzt nach Alternativen umsehen muss – und sich dabei auf Altbewährtes besinnt. Schließlich begannen die ersten Firmen bereits Ende des 19. Jahrhunderts damit, thermoplastischen Kunststoff aus Zellulose zu entwickeln. Doch nach der Entdeckung der viel günstigeren Herstellung von Kunststoffen auf Erdölbasis musste die einst vorherrschende pflanzliche Alternative Anfang des 20. Jahrhunderts weichen. Jetzt erleben Biopolymere ein Comeback – weil die Verbraucher wieder verstärkt auf Umweltschutz achten.

Doch die steigende Nachfrage nach pflanzlichen Rohstoffen sorgt auch für Probleme. So gibt es aus Brasilien immer wieder Berichte darüber, wie die zunehmende Zahl von Zuckerrüben-Anbauflächen kleine Bauern vertreibt. Mareile Timm, beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) für Klima- und Umweltschutz zuständig, weist auf die Produktionsbedingungen hin: „Oft werden für den Anbau gesundheitsschädliche Düngemittel und Unmengen an Wasser eingesetzt.“ Auch die Bremer Umweltberatung kritisiert, dass die Ökobilanz von Bio-Kunststoff nicht besser sei als die von anderem Plastik, weil der Energieaufwand zur Herstellung hoch ist.

Coca-Cola: Anbau keine Gefahr für das Ökosystem

Coca-Cola betont, dass auf den Plantagen Naturdünger eingesetzt und niemand ausgebeutet werde. Die Lebensmittelproduktion sei nicht zurückgegangen. „Der zusätzliche Zuckerrohranbau findet mehrheitlich auf ungenutzten Agrarflächen statt und führt daher nicht zur Verdrängung“, heißt es aus dem Konzern. Auch könne die Zuckerrohrproduktion „Schätzungen zufolge 30-mal höher sein“, ohne eine Gefahr für das Ökosystem darzustellen.

Trotzdem forsche man an Alternativen zum Zuckerrohr, nämlich an Pflanzen, die weltweit verfügbar sind und sich im besten Fall auch in Deutschland anbauen lassen. Mareile Timm vom BUND hält eine ressourcenschonendere Produktion von PET-Flaschen zwar für einen Schritt in die richtige Richtung. „Aber am Ende sind Mehrwegflaschen noch immer deutlich umweltfreundlicher als Einweg-PET-Flaschen.“

Dazu Coca-Cola-Sprecherin Ulrike Meier: „Auch die Einwegflaschen werden recycelt und zu sogenanntem rPET verarbeitet.“ Die 2015 eingeführte Coca-Cola Life bestehe komplett aus diesem Material. „Das ist die erste Flasche bei Coca-Cola, die den Materialkreislauf schließt“, sagt Meier. Der Weg zu 100 Prozent Bio-Kunststoffflaschen ist aber noch weit: Heute liegt der Anteil der Plantbottle an den Verpackungen von Coca-Cola bei sechs Prozent.

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