Arbeitslosigkeit in der Hansestadt steigt

Jeder dritte Arbeitnehmer in Bremen in Kurzarbeit

Die Zahl der Betriebe und Mitarbeiter in Kurzarbeit ist so hoch wie noch nie. Fast alle Branchen sind betroffen. Die Arbeitsagentur wendet sich angesichts der Krise mit einem Appell an die Unternehmen der Region.
03.06.2020, 15:20
Lesedauer: 4 Min
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Jeder dritte Arbeitnehmer in Bremen in Kurzarbeit
Von Florian Schwiegershausen
Jeder dritte Arbeitnehmer in Bremen in Kurzarbeit

Im Land Bremen stieg die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vormonat um 0,4 Punkte auf 11,4 Prozent.

Sebastian Gollnow

Im Bezirk der Arbeitsagentur Bremen-Bremerhaven sind noch nie so viele Erwerbstätige in Kurzarbeit gewesen. Der Leiter der Arbeitsagentur, Joachim Ossmann, sieht die Zahl auf „einem historischen Hoch". So sagte er es am Mittwoch bei der Präsentation der aktuellen Arbeitslosenstatistik. Demnach haben im Bezirk der Arbeitsagentur, zu dem Bremen, Bremerhaven und der Landkreis Osterholz gehören, bis Ende Mai 7665 Betriebe Kurzarbeit angezeigt. Davon betroffen sind 157.288 Arbeitnehmer. Auf die Gesamtzahl umgerechnet entspricht das laut Arbeitsagentur jedem dritten Arbeitnehmer.

Dabei hat die Kurzarbeit nahezu alle Branchen erfasst – besonders aber die Automobil- und die Stahlindustrie, den Groß- und Einzelhandel, die Logistik sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe. Ob von den Betrieben tatsächlich alle in Kurzarbeit gegangen sind, weiß die Arbeitsagentur allerdings erst mit Verzögerung: nämlich dann, wenn die Betriebe ihre Listen einreichen, um die Kurzarbeit abzurechnen.

Arbeitslosenquote in Bremerhaven wie 2016

Auch die Zahl der Arbeitslosen hat weiter zugenommen. Im Land Bremen stieg die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vormonat um 0,4 Punkte auf 11,4 Prozent. Verglichen mit Mai 2019 ist das ein Plus von 1,4 Prozent. Auf die Stadt Bremen heruntergebrochen stieg die Quote im Mai ebenfalls um 0,4 Punkte gegenüber dem April auf 10,8 Prozent. In Bremerhaven liegt die Arbeitslosenquote nun bei 14,5 Prozent. So hoch und noch höher war in der Seestadt die Arbeitslosenquote laut Statistischem Landesamt zuletzt 2016. Auch im Landkreis Osterholz ist die Quote auf 4,1 Prozent geklettert, während sie sich Ende des vergangenen Jahres noch eher in Richtung Vollbeschäftigung bewegte. Insgesamt stieg in Niedersachsen die Arbeitslosenquote von April auf Mai um 0,3 Punkte auf 6 Prozent. Im Mai 2019 lag die Quote noch bei fünf Prozent.

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Was die Arbeitsagentur dabei beobachtet: Im Mai wurden fast 1000 Personen weniger entlassen als noch im April. Gleichzeitig konnten im Mai mit 1400 Personen genauso viel wieder eine Arbeit aufnehmen wie auch im April. Die Arbeitsagentur stellt dabei vor allem eine deutliche erhöhte Jugendarbeitslosigkeit fest. In der Altersgruppe der 15- bis unter 25-Jährigen stieg die die Zahl der Menschen ohne Job gegenüber April um 7,1 Prozent – laut Ossmann hier im Speziellen nochmals in der Gruppe der 20- bis 25-Jährigen. Er erklärte diese Entwicklung so: „Darunter befinden sich eine Reihe von jungen Menschen, die in der Gastronomie gearbeitet haben, bei der die Betriebe ja geschlossen hatten.“ Was nicht zuletzt die Arbeitslosenzahlen nach oben treibt: Als Folge der Corona-Pandemie gab es weniger Möglichkeiten, dass die Menschen an einer Qualifizierung teilnehmen konnten. Sie wurden ebenso zur Arbeitslosenquote hinzugerechnet.

Weniger Ausbildungsplätze

Trotz der schwierigen Umstände appelliert die Arbeitsagentur zusammen mit der Handelskammer und der Handwerkskammer an die Betriebe, an den bisherigen Ausbildungszahlen festzuhalten. Dazu haben sie einen gemeinsamen Brief verfasst, der an die Unternehmen gegangen ist. Die Zahlen zeigen, dass es da noch Luft nach oben gibt: Der Arbeitsagentur wurden in der Stadt Bremen bisher 3096 freie Ausbildungsplätze gemeldet. Das sind mehr als 20 Prozent weniger als noch vor einem Jahr.

Von den Plätzen war Ende Mai noch etwas mehr als die Hälfte unbesetzt. Dem standen zu diesem Zeitpunkt 2285 Bewerber gegenüber, was einem Minus von fünf Prozent verglichen mit dem Vorjahr entspricht. Auch wenn es in Bremen mehr gemeldete Plätze als Bewerber gibt, könne es dennoch eng werden. Denn Joachim Ossmann rechnet mit weiter steigenden Bewerberzahlen: „Geplante Auslandsaufenthalte zwischen den Ausbildungsabschnitten – zum Beispiel als Au-pair – lassen sich wegen der Reisebeschränkungen häufig nicht realisieren.“

Betriebe konnten keine Bewerbungsgespräche führen

Viele Betriebe hätten in den vergangenen Monaten mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu tun gehabt. So bestätigt es der Hauptgeschäftsführer der Bremer Handwerkskammer, Andreas Meyer: „Insbesondere bei den Gewerken, die längere Zeit schließen mussten, war vor allem im März und April eine Zurückhaltung beim Abschluss neuer Ausbildungsverträge festzustellen.“ Michael Zeimet, Geschäftsführer für Ausbildung bei der Handelskammer, sieht es ähnlich: „Eine ganze Reihe von Betrieben hatte geschlossen. Wegen der Kontaktbeschränkungen war es auch schwierig, Bewerbungsgespräche zu führen. Das wird jetzt alles nachgeholt.“ Ein weiteres Problem seien die geschlossenen Schulen. „Unsere Berufsberater sind erst seit Mitte Mai wieder unterwegs und gehen ja auch an die Schulen, um dort den Kontakt zu den Jugendlichen zu suchen. Das konnte alles nicht stattfinden.“ Ebenso sind alle Ausbildungsmessen ausgefallen, auf denen die Betriebe sonst auch im persönlichen Gespräch diverse Kandidaten für ihre Plätze finden.

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Der Arbeitsagentur geht es genauso mit ihren Berufsberatern, die nicht wie sonst vor Ort an den Schulen sein konnten. Jugendliche, die noch eine Ausbildungsstelle suchen, können sich nun telefonisch bei der Arbeitsagentur melden. Unter der Nummer 0421-178-1245 sind die Berufsberater von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 13 Uhr erreichbar und am Donnerstag zusätzlich von 14 bis 16.30 Uhr. Unternehmen, die noch freie Ausbildungsplätze melden möchten, wenden sich an ihren persönlichen Ansprechpartner im gemeinsamen Arbeitgeberservice unter der kostenfreien Nummer 0800-4555520. Die Arbeitsagentur bietet außerdem auf ihrer Internetseite www.arbeitsagentur.de das Hilfsprogramm Check-U an. Dort können Jugendliche selbst herausfinden, welcher Job zu ihnen passen könnte. Die Lehrstellenbörse der Handelskammer ist im Internet zu finden unter Lehrstellenbörse Handelskammer Bremen und die Lehrstellenbörse der Bremer Handwerkskammer finden Bewerber unter Lehrstellenbörse Handwerk mit Stellen für Bremen.

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