Weniger Leiharbeiter im Bremer Werk

Daimler streicht Tausende Stellen bis Ende 2022

Daimler will einen Milliardenbetrag beim Personal einsparen. Hat das Auswirkungen für das Werk in Bremen? Wegen einer veränderten Produktion sind bereits hunderte Leiharbeiter nicht mehr im Einsatz.
29.11.2019, 11:59
Lesedauer: 4 Min
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Daimler streicht Tausende Stellen bis Ende 2022
Von Lisa Boekhoff
Daimler streicht Tausende Stellen bis Ende 2022

Für das Bremer Werk sehen der Betriebsrat und die Standortleitung kein Beschäftigungsproblem.

Carmen Jaspersen/dpa

Das Sparprogramm beim Autobauer Daimler wird in den kommenden drei Jahren weltweit mehr als 10.000 Arbeitsplätze kosten. Um wie geplant 1,4 Milliarden Euro beim Personal einzusparen, will der Stuttgarter Konzern in der Verwaltung vor allem freiwerdende Stellen nicht nachbesetzen, die Altersteilzeit ausweiten und Mitarbeitern Abfindungen anbieten. Am Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2029 wird nicht gerüttelt.

Vorstandschef Ola Källenius hatte die Sparpläne Mitte November schon einmal grob skizziert, als er Investoren in London seine Strategie für die kommenden Jahre erläuterte. Am Freitag war es dann Personalvorstand Wilfried Porth, der verkünden musste, was das 1,4-Milliarden-Ziel konkret für die Arbeitsplätze bedeutet. „Mit den jetzt gemeinsam mit dem Betriebsrat beschlossenen Eckpunkten zur Verschlankung des Unternehmens können wir dieses Ziel bis Ende 2022 erreichen“, sagte Porth und versprach, so sozialverträglich wie möglich vorzugehen. Die Vereinbarung soll für die Produktion nicht gelten.

Bremer Werk hat kein Beschäftigungsproblem

Für Bremen haben der Betriebsrat und die Standortleitung gerade in der vergangenen Woche eine Vereinbarung fürs nächste Jahr getroffen. Der Betriebsratsvorsitzende des Werks, Michael Peters, sagt deshalb: "Wir haben zurzeit keinen Personalüberhang am Standort Bremen. Es ist immer noch ein hohes Programm geplant." Die genaue Stückzahl könne er nicht nennen, aber sie sei so groß, dass es kein Beschäftigungsproblem gebe.

Das Werk arbeitet laut Peters immer noch über dem Niveau, für das es ausgelegt sei, weiter seien Sonderschichten geplant: "Im nächsten Jahr wollen wir mit dem EQC richtig durchstarten." Der Betriebsratschef sieht es als Vorteil, dass hier die neuen E-Autos und damit alle Antriebsarten produziert werden. "Das sind gute Aussichten." Zwölf Modelle gehen nach Angaben von Mercedes derzeit in Bremen vom Band. Der Bremer IG-Metall-Chef Volker Stahmann teilt die Ansicht. Vor dem Hintergrund der Produktionszahlen sehe er keine Möglichkeit für einen Personalabbau. In Bremen seien in diesem Jahr zwar weniger Autos hergestellt worden, aber nicht dramatisch: "Das ist kein Einbruch."

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Schon jetzt sind laut Stahmann allerdings sukzessive Leiharbeiter entlassen worden. Anfang des Jahres hätte es noch rund 1000 Leiharbeiter am Standort gegeben. Nun seien es noch um die 130 – teils etwa in der Logistik beschäftigt, aber nicht mehr in der Produktion. Der Rückgang habe im Wesentlichen mit einem Modellwechsel auf die neue C-Klasse zu tun: In der Halle 93, in der C-Klasse-Coupé und -Cabrio gebaut werden, gebe es keine Nachtschicht mehr. Im Spitzenjahr 2017 wurden in Bremen 420.000 Autos gebaut. Derweil hat sich die Situation für die Branche gedreht.

Aus Sicht des Konzerns ist das Personal, gut 178.000 Leute allein in Deutschland, ganz grundsätzlich zu teuer, was die Wettbewerbsfähigkeit schmälert. Zugleich muss Daimler das nötige Geld zusammenbekommen für Investitionen in Zukunftsthemen wie die Elektromobilität oder das autonome Fahren – und das zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn die weltweite Autokonjunktur lahmt, es gab Produktions- und Absatzprobleme, zudem musste der Konzern zuletzt Milliardensummen vor allem für seine Diesel-Altlasten zurücklegen. Auch die Einhaltung der strenger werdenden Vorgaben der EU für den Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) der Neufahrzeuge kostet viel Geld. Gleich zweimal musste Källenius, der erst im Mai den Vorstandsvorsitz von Dieter Zetsche übernommen hatte, die Jahresprognose für 2019 nach unten korrigieren. Im zweiten Quartal rutschte Daimler gar in die roten Zahlen. Um das alles aufzufangen, will Källenius nicht nur beim Personal sparen. Auch die Materialkosten sollen runter, die Investitionen gekappt, die Modellpalette gestrafft und der ganze Laden effizienter aufgestellt werden.

Einsparungen von 1,4 Milliarden

Was das Personal angeht, müsse man vor allem auf das schauen, was sich kurzfristig realisieren lasse, sagte Porth. „Wir wollen diese 1,4 Milliarden ja in den nächsten drei Jahren einsparen.“ Er selbst sprach von einer niedrigen fünfstelligen Zahl an Arbeitsplätzen, um die es gehe – und zwar ausschließlich in den sogenannten indirekten Bereichen, also alles abseits der Produktion.

Wie viele Jobs in Deutschland betroffen sein werden, blieb offen. Weltweit hat Daimler rund 300.000 Beschäftigte. Jede zehnte Management-Stelle im Konzern soll gestrichen werden. Auslaufende Verträge von Zeitarbeitern in der Verwaltung will der Konzern nun nur noch sehr restriktiv verlängern. Zudem sollen Mitarbeiter in der Regel nicht mehr die Möglichkeit bekommen, ihre Arbeitszeit von den üblichen 35 auf 40 Stunden zu erhöhen und entsprechend mehr Geld zu bekommen. Im Gegenteil: Eher sollen Mitarbeiter dazu gebracht werden, ihre Arbeitszeit noch weiter zu reduzieren. Und schließlich werde man sich auch von einigen „liebgewordenen Dingen aus der Vergangenheit“ trennen müssen, sagte Porth, wie den Anwesenheitsbonus für Mitarbeiter ohne Fehltage. Mögliche Tarifsteigerungen in der Metall- und Elektroindustrie 2020 nicht zu übernehmen, was Källenius zwischenzeitlich angedacht haben soll, ist dagegen laut Betriebsrat vom Tisch.

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Die Reaktionen der Arbeitnehmervertreter fielen am Freitag eher sorgenvoll aus. Der Abbau der Kapazitäten dürfe keinesfalls zu einer Leistungsverdichtung führen, hieß es. „Die Transformation zieht neue und zusätzliche Aufgaben für die Beschäftigten nach sich. Gleichzeitig verlangt die Unternehmensleitung nun, dass die Transformation mit weniger Personal gemeistert wird“, sagte Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht. Das Management müsse nun zeigen, was in Zukunft nicht mehr gemacht werden solle und wie die Komplexität reduziert werden solle. „Die Belegschaft braucht eine klare und nachvollziehbare Vorwärtsstrategie. Ein Abbau von Kapazitäten darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden“, sagte Brecht. Die Sprecherin des Gesamtbetriebsrats, Lisa Schiffgens, betonte am Freitag: "Wir haben uns mit dem Unternehmen auf freiwillige Maßnahmen geeinigt, aber nicht auf einen Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen. Wir lassen uns auf keinen Fall auf Zielzahlen ein."

+++ Dieser Artikel wurde um 19.49 Uhr aktualisiert +++

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