Frosta-Chef im Interview

„Das ist die alte Leier der Lobbyverbände“

Frosta AG-Vorstandschef, Felix Ahlers, äußert sich zu angestiegenen Preisen für Fisch und Gemüse sowie einer höheren Erbschaftssteuer.
26.07.2019, 20:38
Lesedauer: 6 Min
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„Das ist die alte Leier der Lobbyverbände“
Von Lisa Boekhoff
„Das ist die alte Leier der Lobbyverbände“

Fischstäbchen werden bei Frosta in Bremerhaven kontrolliert: Weil der Alaska Seelachs deutlich teurer ist, ziehen die Preise für den panierten Klassiker an.

Ingo Wagner /dpa

Herr Ahlers, die Ergebnisse für das erste Halbjahr von Frosta liegen vor. Der Umsatz legte zwar um fast vier Prozent zu, dennoch ist der Überschuss deutlich gesunken – von zwölf auf knapp fünf Millionen Euro. Woran liegt das?

Felix Ahlers: Der wesentliche Grund sind extreme Preiserhöhungen bei den Hauptrohwaren – insbesondere beim Fisch. Das hat schon Ende des letzten Jahres angefangen, weshalb bereits 2018 nicht so gut verlief. Es ist nach wie vor sehr schwierig, die Steigerungen an unsere Kunden weiterzugeben. Das wirkt sich am Ende auf das Ergebnis aus, weil die Margen kleiner geworden sind.

Gibt es dennoch Produkte, die derzeit gut funktionieren?

Grundsätzlich sind wir mit der Entwicklung der Marke zufrieden. Wir haben gerade in Deutschland sehr schöne Umsatzsteigerungen. Das Problem sind die Margen. Der Alaska Seelachs ist 40 Prozent teurer geworden. Der Fisch übersteigt deshalb nun Preisschwellen von drei Euro – gerade beim Klassiker Fischstäbchen.

Wie erklärt sich das?

Der Fisch wird im Wesentlichen in Alaska und der Beringsee in Russland gefangen. Die Aussage der Fischereien dort ist, dass es einfach eine weltweit stärkere Nachfrage gibt – gerade auch aus Asien. Immer mehr Chinesen steigen auf tierische Nahrung um. Das hat eine enorme Auswirkung. Es gibt aber keine Möglichkeit, das Angebot zu erhöhen, weil Wildfisch nur so gefangen wird, dass die Bestände erhalten werden können. Das zeigt sich beim Preis. Alles, was wir essen, wird heute angebaut. Dadurch wird die Menge gesteuert. Nur der Wildfisch ist eine Ausnahme.

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Gibt es Gründe, warum man den Seelachs nur wild fängt?

Grundsätzlich ist die Zucht bei Wildfischen schwer, weil sie im Salzwasser aufwachsen. Die Bedingungen lassen sich nicht einfach nachbauen. Es ist natürlich möglich, in offener See zu züchten. Das hat aber keine guten Umweltauswirkungen, weil das Futter oft auf den Meeresboden fällt. Außerdem wäre es sehr teuer. Beim Lachs ist die Zucht nur deshalb möglich, weil der Fisch ein viel höheres Preisniveau hat.

Im Mai haben Sie die Prognose für das Geschäftsjahr bereits um fünf auf 15 Millionen Euro Gewinn gesenkt. Neben den Rohstoffen belasten die höheren Energie- und Transportkosten das Ergebnis. Was tun Sie, wenn Fisch und Gemüse teurer bleiben?

In der Vergangenheit hätten wir in so einer Situation gesagt: Wir müssen dafür sorgen, dass die Produkte billiger werden, indem wir irgendwelche Zusatzstoffe einsetzen oder echte Zutaten durch Imitate ersetzen, um den Preis zu halten. Genau das machen wir seit 2003 nicht mehr. Wir wollen die Qualität nicht mehr anpassen. Also muss es über den Preis gehen. Ganz klar muss man sich bei guten Lebensmitteln an höhere Preise gewöhnen.

Die von Ihnen damals neue Philosophie, auf Aromen, Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker zu verzichten, die unter dem Begriff Reinheitsgebot firmiert, hat Sie zunächst in Schieflage gebracht. Die Kunden waren damals nicht bereit, die teureren Preise zu bezahlen. Hat sich seither denn die Mentalität geändert? Schließlich gibt es einen Trend zu mehr Nachhaltigkeit und bewussterer Ernährung.

Die Produkte sind damals 20 bis 30 Cent teurer geworden. Eigentlich denkt man, dass das nicht so viel ist. Es hat trotzdem dazu geführt, dass wir massiv Umsatz verloren und Verluste gemacht haben. Doch es hat sich herumgesprochen, dass die Qualität ganz anders ist und sich die Erhöhung lohnt. Das hat funktioniert. Deshalb glaube ich, dass sich das jetzige Thema über die Zeit lösen wird. Die Kunden werden es verstehen, dass es nicht darum geht, die Gewinne zu erhöhen, sondern die Zutaten teurer geworden sind. Das braucht aber Zeit.

Haben Sie den Preis schon angefasst?

Die Preise für den Fisch sind größtenteils bereits erhöht, die für das Gemüse noch gar nicht. Es ist erst seit Kurzem bekannt, dass wir wieder schlechte Ernten haben. Bei der Erbse sind noch nicht mal 60 Prozent von dem, was wir geplant haben, erreicht. Da geht es auch nicht ohne Preissteigerungen.

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Ist denn was dran, an der deutschen Sparmentalität bei Lebensmitteln?

Es trifft immer noch zu. Der Anteil der Discounter ist hier im Vergleich sehr hoch, er nimmt jedoch ab, während er in anderen Ländern leicht zunimmt. Ich glaube, es gibt eine jüngere Generation, die einfach versteht, dass gute Produkte ein bisschen teurer sein dürfen. Inzwischen sparen viele Menschen bei Lebensmitteln nicht noch den letzten Cent.

Ihr Weg ist besonders, weil Sie nicht gleich ins Unternehmen eingestiegen sind, sondern in Paris im Hotel Le Bristol eine Ausbildung zum Koch absolvierten. Haben Sie erlebt, dass die Franzosen ein anderes Verhältnis zum Essen haben?

Auf jeden Fall. Das war interessant. Ich war mit Freunden in Frankreich unterwegs: Schon morgens wurde darüber diskutiert, was man abends isst. In Deutschland war das vor zwanzig Jahren kein Thema, über das man gesprochen hat – vor allem nicht als 20-Jähriger. Das hat mir gezeigt, dass die Kultur in anderen Ländern doch sehr anders ist, was das Essen und Bewusstsein für gute Lebensmittel angeht. Diese Lebensart fängt immer mehr an, nach Deutschland zu schwappen – zum Glück.

Frosta ist ein Familienunternehmen. Zusammen mit Ihrem Vater halten Sie etwas weniger als die Hälfte der Aktien an der AG. 56,5 Prozent befinden sich im Streubesitz. Damit ist es dann doch schwerer, Entscheidungen durchzusetzen.

Das spielt eigentlich keine Rolle. Wir sehen uns in dem Sinne auch nicht als Familienunternehmen, wir sind an der Börse. Wir finden es eigentlich ganz gut, dass es durch die Investoren eine externe Kontrolle gibt und damit einen Anspruch, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, erfolgreich zu sein.

Die Mitarbeiter können Aktien zum halben Kurswert kaufen – wie groß ist das Interesse?

Sehr hoch. Wir gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Mitarbeiter eigene Aktien hat. Wir fördern das, weil wir es begrüßen, wenn die Mitarbeiter an ihrem Unternehmen teilhaben.

Sie haben sich unlängst dafür ausgesprochen, dass die Erbschaftssteuer in Deutschland erhöht werden sollte. Erklären Sie bitte, warum das Ihrer Ansicht nach sinnvoll ist?

Ich denke, die Steuerlast insgesamt sollte eher niedriger werden. Die Einkommenssteuer sollte zulasten einer höheren Erbschaftssteuer gesenkt werden. Das führt dazu, dass die, die erfolgreich sind, schneller etwas verdienen. Wer nur einfach etwas erbt, der sollte mehr an die Gemeinschaft abgeben. Es macht doch nicht unbedingt Sinn, dass diejenigen, die nicht gut sind, so viel Geld zur Verfügung haben.

Sie sehen die Höhe der Steuer also kritisch, obwohl Sie selbst auch in das Unternehmen der Familie eingestiegen sind?

Ja, richtig. Es gibt eine sehr starke Lobby der sogenannten Familienunternehmen, die versucht, dieses Thema nicht anzutasten. Ich sehe das anders. Die Unternehmen gingen daran nicht kaputt, wenn die Erbschaftssteuer etwas höher wäre. In einer funktionierenden Wirtschaft könnten dann diejenigen, die gut sind, schneller belohnt werden und wieder investieren.

Gibt es für diesen Ansatz offen Schelte?

Natürlich. Das kenne ich aber. Das ist die alte Leier der Lobbyverbände. In anderen Ländern ist die Erbschaftssteuer deutlich höher. Ich habe noch nie ein Argument gehört, das mich überzeugt, das Gegenteil zu sagen.

Zurück zu Frosta. Außenhandelsunternehmen bereiten die globalen Unsicherheiten seit geraumer Zeit Sorgen. Wie trifft Frosta das?

Im Moment nicht konkret. Es gibt keine Veränderungen bei den Zöllen oder den Warenflüssen. Doch es kann jederzeit dazukommen. Darauf muss man sich vorbereiten.

In London und Brüssel gehen nun die Verhandlungen eines Brexits weiter. Ist Großbritannien für Sie ein wichtiger Markt?

Wir verkaufen ein bisschen in England, aber im Verhältnis sehr wenig. Wir glauben, dass der Brexit uns nicht direkt treffen würde. Wenn wir in England liefern, dann immer in Euro und ab Deutschland. Darauf würden wir weiter bestehen. Dadurch sind wir nicht sehr gefährdet. Das Geschäft war für uns nie wirklich groß. Tatsache ist, dass die Engländer ihren eigenen Bedarf an Fischstäbchen nicht allein decken können. Sie müssen importieren.

Wie groß ist das Auslandsgeschäft für Frosta heute?

Insgesamt liegt der Anteil bei 45 Prozent. Der größte Auslandsmarkt ist für uns mit Abstand Italien. Dort haben wir gerade eine Gemüsemarke von Nestlé gekauft. Polen und andere osteuropäische Länder sind für uns wichtig. Frankreich ist auch groß.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Felix Ahlers ist Vorstandschef der Frosta AG und lebt mit seiner Familie in Bremerhaven und Hamburg. In Äthiopien gründete er zudem ein Kaffeeunternehmen. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler arbeitete zuvor unter anderem in Italien für einen Lebensmittelhersteller.

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Zur Sache

Größter Standort in Bremerhaven

Insgesamt beschäftigt der Tiefkosthersteller Frosta mehr als 1700 Mitarbeiter. Der Unternehmenssitz in Bremerhaven ist zugleich der größte Standort mit rund 750 Mitarbeitern. In Deutschland gibt es drei Standorte, einen in Polen. Nach eigenen Angaben führt Frosta den Markt für Fertiggerichte an. Bei Fisch und Gemüse belegt Frosta den zweiten Platz hinter Iglo.

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