Philosoph Julian Nida-Rümelin: Wenn zu viele junge Menschen studieren, gibt es bald keine Auszubildenden mehr „Das würde das ganze System sprengen“

Studieren heute zu viele junge Menschen? Werden Lehrlinge in unserer Gesellschaft nicht genügend wertgeschätzt? Wenn es nach Ex-Kulturstaatsminister und Philosoph Julian Nida-Rümelin geht, befindet sich Deutschland in einem regelrechten „Akademisierungswahn“. Der niedersächsische Groß- und Außenhandel klagt aktuell darüber, keine passenden Bewerber mehr zu finden, weil zu viele junge Menschen nach der Schule lieber an die Universität möchten.
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„Das würde das ganze System sprengen“
Von Kristin Hermann

Studieren heute zu viele junge Menschen? Werden Lehrlinge in unserer Gesellschaft nicht genügend wertgeschätzt? Wenn es nach Ex-Kulturstaatsminister und Philosoph Julian Nida-Rümelin geht, befindet sich Deutschland in einem regelrechten „Akademisierungswahn“. Der niedersächsische Groß- und Außenhandel klagt aktuell darüber, keine passenden Bewerber mehr zu finden, weil zu viele junge Menschen nach der Schule lieber an die Universität möchten. Kristin Hermann hat mit Nida-Rümelin über diese Problematik gesprochen.

Herr Nida-Rümelin. Für Sie ist Deutschland in einen „Akademisierungswahn“ verfallen. Soll das etwa heißen, dass wir zu viele Studenten haben?

Julian Nida-Rümelin: So komisch das jetzt klingt: Momentan haben wir in Deutschland noch zu wenig Akademiker. Wir sind gegenwärtig bei etwa 16 Prozent, ich glaube, da ist noch Luft nach oben. Das können gerne 25 Prozent werden, aber auf keinen Fall 60. Das würde das ganze System in die Luft sprengen. Wir sind aber derzeit auf genau diesem Weg. Schon jetzt haben 57 Prozent der jungen Frauen Hochschulzugangsberechtigungen, bei den Männern ist es etwas weniger aber mit steigender Tendenz. Wenn man diesen Trend künftig fortschreibt, dann würde nur noch ein Drittel den Weg der beruflichen Bildung gehen und das wäre ein Ruin.

Warum?

Die berufliche Bildung vereint mehr als 300 Berufe mit einem riesigen Spektrum an Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Das wäre mit nur einem Drittel eines Jahrgangs überhaupt nicht mehr zu bewältigen. Schon jetzt fehlt in den Betrieben der Nachwuchs. Zugleich würde man aber auch die akademische Bildung schädigen, denn wenn 60 oder 70 Prozent studieren, dann ist das kein wissenschaftliches Studium mehr.

Finden Sie es denn auch falsch, immer mehr Berufsausbildungsgänge zu Hochschulstudiengängen umzubilden?

In der Regel haben unsere Universitäten keinen Praxisbezug während des Studiums. Die Lehrenden qualifizieren sich fast ausschließlich durch Forschung – das ist die Eintrittskarte zu einer Professur. Wenn Ausbildungsberufe künftig als Bachelorstudiengänge angeboten werden, dann ist ein hoher Verlust an Praxis zu befürchten. Darf ich noch eine boshafte Bemerkung dazu machen?

Bitte.

Es wird von allen Seiten gefordert, dass insbesondere die erzieherischen Berufe akademisiert werden sollen. Diese Einrichtungen übernehmen die Rolle, die früher die Mütter hatten. Es spricht jedoch nichts dafür, dass die promovierte Psychologin eine bessere Mutter ist. Diese Mitarbeiter brauchen zwar ein gewisses Fachwissen, aber vor allem Empathie, Zuwendung, Gespür und Erfahrung im Umgang mit Kindern. Die müssen weder studiert haben noch brauchen sie einen Doktor. Ihre Ausbildung ist auch heute schon anspruchsvoll.

Viele Praktiker stimmen Ihnen zu, vonseiten der Bildungsbehörden bekommen Sie Gegenwind. Wie erklären Sie sich das?

Es hat sich hierzulande eine Art bildungsökonomischer Komplex ausgebildet, der in der Anpassung an vermeintliche internationale Standards die Zukunft sieht. Wohl auch deswegen, weil sie meinten, dass ein globaler Markt auch globale Qualifikationen verlangt, alle gleich, alle normiert. Aber: Großbritannien zum Beispiel hat eine doppelt so hohe Akademiker-Quote wie Deutschland und ist mit 64 Prozent Studienanfängerquote eines der Spitzenländer. Es gibt Kollegen, die Großbritannien deshalb eine Bildungsgroßmacht nennen. Auffällig ist nur, dass die Jugendarbeitslosigkeit dort doppelt so hoch ist wie bei uns und auch die Produktivitätsdynamik schwächer ist. Man sollte davon wegkommen, immer auf andere zu schielen.

In Ihrem neuen Buch stellen Sie die These auf, dass es falsch ist, Jugendlichen zu suggerieren, dass sie gescheitert sind, wenn sie sich gegen ein Studium entscheiden. Wer kreiert denn dieses Bild?

Wir haben seit Jahrzehnten eine Dauerpropaganda vonseiten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), von Bertelsmann, von McKinsey und vonseiten mancher Wirtschaftsverbände und Bildungsexperten. Nach deren Meinung würde Deutschland dramatisch zurückliegen, da die durchschnittliche Studienanfängerquote in der OECD weit über dem deutschen Niveau läge und nur so eine Quote uns zukunftsfähig mache. Fachkräftemangel wird dabei gleichgesetzt mit Akademiker-Mangel. Diese Diagnose geht aber an der Tatsache vorbei, dass Deutschland eine attraktive Alternative anbietet: Eben nicht über das Studium, sondern über die Ausbildung.

Verdienen die jungen Menschen mit einem Studienabschluss aber nicht viel besser?

Das wird bis heute zumindest behauptet und darüber streite ich mich regelmäßig mit den Verantwortlichen der OECD. Die OECD behauptet, dass Akademiker nach wie vor 70 Prozent mehr verdienen als Nicht-Akademiker. Meiner Meinung nach sollte man aber nicht Monatseinkommen miteinander vergleichen, sondern Lebenseinkommen – dann sieht die Sache schon ganz anders aus, weil Auszubildende schon viel früher ihr eigenes Geld verdienen. Zum Zweiten bekommen die Absolventen geistes-, kultur-, und sozialwissenschaftlicher Fächer im Schnitt weniger als Techniker und Handwerker mit abgeschlossener Berufsausbildung. Der Unterschied liegt bei etwa 200 Euro im Monat.

Wer ist denn nun aber nachher fachlich besser, der Master oder der Meister?

Weder noch, Vergleiche dieser Art führen in die Irre. Das sind beides Qualifikationen, die wir brauchen und zwar in ausreichender Zahl. Der Meister wurde vor Jahren entwertet durch die Abschaffung des Meisterprivilegs. Seitdem ist die fachliche Kompetenz in Handwerksbetrieben nicht mehr gesichert, die Zahl der Solo-Selbstständigen ist deutlich angestiegen, die Qualität oft zweifelhaft geworden und etablierte Handwerksbetriebe wurden zerstört. Für die OECD-Definition ist jemand ein Bildungsabsteiger, dessen Vater arbeitsloser promovierter Philosoph ist, wenn er sich entscheidet Optiker oder Mechatroniker zu werden, selbst wenn er den Meister schafft und ein Vielfaches seines Vaters verdient.

Zur Person: Julian Nida-Rümelin (59) lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München Philosophie. Er war Kulturstaatsminister im

Kabinett von Gerhard Schröder und bis 2013 Mitglied im Bundesvorstand der SPD.

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