Bremen „Der Ruf des Retters ist eine starke Belastung“

Ihre Kanzlei hat ihren Sitz in Heidelberg. Wie kam eigentlich dieser erste Kontakt mit der Vulkan-Werft zustande?Jobst Wellensiek: Ich war vorher schon tätig bei Klöckner, bei den Stahlwerken Bremen 1992. Und das Verfahren ist ja sehr erfolgreich gelaufen.
21.05.2016, 00:00
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Ihre Kanzlei hat ihren Sitz in Heidelberg. Wie kam eigentlich dieser erste Kontakt mit der Vulkan-Werft zustande?

Jobst Wellensiek: Ich war vorher schon tätig bei Klöckner, bei den Stahlwerken Bremen 1992. Und das Verfahren ist ja sehr erfolgreich gelaufen. Die Bremer Stahlwerke wurden damals gerettet. Deshalb habe ich sicherlich in Bremen einen guten Eindruck hinterlassen. Im Fall Vulkan wurde ich angerufen. Ich habe mir das natürlich notiert: Am 12. Januar 1996 wurde ich angerufen, als ich gerade mit der Familie beim Skifahren in Wolkenstein war. Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in einem Verfahren an der Küste, das man mir noch nicht nennen könnte, als Vergleichs- oder Konkursverwalter zu kandidieren. Aufgrund der Sendungen im Fernsehen damals war klar, dass es dabei um den Vulkan ging. Ich bin kein Neinsager und habe das grundsätzlich bejaht.

Wie ging es weiter?

Am 15. Januar gab es schon ein erstes Treffen mit einem Vertreter einer Bank. Da wurde ich näher über die Sachlage informiert. Ich fragte, ob man mich überhaupt in Bremen haben wolle. Man wird ja von einem Gericht bestellt. Und es ging um die Frage, wie steht der Senat, die Gläubiger, die Banken und die Vertreter der Arbeitnehmer und der IG Metall dazu. Darum wollte man sich kümmern. Dann war lange lange Ruhe. Ich wurde am 21. Februar 1996, Aschermittwoch angerufen, ob ich umgehend zum Amtsgericht Bremen zur Vorstellung kommen könnte. Da waren die Vergleichsanträge eingegangen von verschiedenen Firmen, insbesondere der Bremer Vulkan Verbund AG und der Bremer Vulkan Werft GmbH. Da standen nach der Anhörung dann die diversen Fernsehteams vor der Tür und der berühmte Satz kam zustande. Erst die Frage: Sind Sie es? Und ich sagte dann: Ich bin's.

Und dann? Sie gucken sich den Betrieb an, treffen auf Menschen und ihre Erwartungen.

Ich hatte den Ruf aus dem Stahlwerke-Verfahren und etlichen anderen Verfahren wie dem des Stahlwerks Maxhütte in Bayern, dass ich ein Retter bin. Aber das ist eine starke Belastung. Ich betone immer: Man ist ein schwaches Menschlein und kann keine Wunder vollbringen. Nur war ich jemand, der eine Insolvenz immer angesehen hat als letzte Chance, doch noch einmal zu einer Sanierung zu kommen, wenn es denn wirtschaftlich sinnvoll ist. Den Satz muss man da immer hinterher sagen. Deshalb war die Erwartungshaltung mir gegenüber sehr groß, weil man sehr optimistisch war.

Dann sichten Sie Orderbücher, klären die Kassenlage, wälzen Akten. Welches Bild ergab sich?

Es war aus meiner Sicht sehr schnell klar, dass der Verbund nicht gerettet werden konnte - diese Vision von Herrn Hennemann vom größten Werftenverbund in Europa. Und darüber hinaus war auch die Vulkan-Werft sehr stark gefährdet, diese Traditionswerft.

Friedrich Hennemann, der frühere Vulkan-Chef, hat kürzlich im Interview mit dem WESER-KURIER gesagt, er hätte nur mit Atlas Elektronik an die Börse gehen müssen und damit 1,5 Milliarden Mark erlöst. Es habe nur kurzzeitige Liquiditätsengpässe gegeben. Haben die Manager nach ihm und auch Sie diese Möglichkeiten übersehen?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Bremen war über die ganze Zeit äußerst engagiert, möglichst viel zu erhalten. Der damalige Bürgermeister Henning Scherf und der sogenannte Lenkungsausschuss mit Senatoren und Ulrich Keller und Professor Haller - zwei Männern, die wirklich etwas von Wirtschaft verstanden. Man hätte viel dafür gegeben, um hier diese Unternehmen, den Verbund und die Werft zu erhalten. Die Unternehmungen, Verbund wie die Werften, waren zahlungsunfähig und erheblich überschuldet. Und da war es ein Wunder, dass ein sofortiger Totalzusammenbruch überhaupt vermieden werden konnte. Ich war nicht viel mit Dr. Hennemann zusammen. Ich glaube, er folgte einer Illusion und sah die Sachlage nicht mehr: Alles hing an einem seidenen Faden, dass der Werftbetrieb und auch die anderen Unternehmungen sofort hätten gestoppt werden müssen. Dann hätten alle Arbeitnehmer sofort auf der Straße gestanden. Zumindest das konnte vermieden werden.

Sie kamen nach Bremen-Nord und standen als Heidelberger vor diesem Riesenschiff, der „Costa Victoria“. Wie war dieser Moment?

Ein gewaltiger Anblick. Die Costa zwei war noch im Rohbau, noch gar nicht schwimmfähig. Aber dieses Schiff war weitgehend fertiggestellt, aber eben auch der Auslöser der Insolvenz. Denn hier hatte man einen gewaltigen Verlust eingefahren, weil man offensichtlich noch gar nicht erfahren war mit dem Bau von Kreuzfahrtschiffen. Es hätte einen Skandal gegeben, wenn dieses Schiff nicht fertiggestellt hätte werden können. Wir haben im Team - was die Werft anbelangte - die Costa I fertiggestellt und immerhin die Schwimmfähigkeit von Costa II hinbekommen. Was Schwimmfähigkeit ist, musste ich damals auch noch lernen. Dann konnte Costa II wenigstens in dieser Form veräußert werden. Der Werftbetrieb konnte stabilisiert werden. Es wurden noch zwei Containerschiffe gebaut. Für über 1000 Mitarbeiter konnte so die Beschäftigung noch über etliche Monate aufrechterhalten werden. Und man konnte in Ruhe eine Transfergesellschaft und Qualifizierungsgesellschaft gründen.

Der letzte Betriebsratsvorsitzende Hasso Kulla sagt heute noch, es hätte nicht viel gefehlt und man hätte damals noch weitere Containerschiffe bauen können und sich vielleicht gerettet.

Zu Hasso Kulla und etlichen der Betriebsräte hatte ich damals ein ausgezeichnetes Verhältnis. Und es war bedeutsam in dieser schwierigen Lage, dass wirklich kein Tag gestreikt wurde. Das hätte Riesenverluste gebracht und die Fortführung gefährdet. Und die Arbeitnehmer waren bereit, einen Beitrag zu leisten: Lohnverzicht, damit der Werftbetrieb fortgesetzt werden konnte. Aber man muss es so klar sagen, dass Brüssel hier eine erhebliche Rolle gespielt hat. Die Europäische Union hat die Beihilfen vom Land nur unter dem Titel genehmigt, dass das Schließungsbeihilfen waren. Die sagten: Alles andere ist unzulässig, weil es den Wettbewerb verzerren würde. Und dann der zuständige Kommissar in Brüssel, ein Ire: Wenn der Herrn van Betteray als Konkursverwalter für Bremerhaven und mich gesehen hat, dann ist der schon rot angelaufen vor Ärger. Die waren den Bremern aus früheren Zeiten dort nicht wohlgesinnt. Man fühlte sich wohl getäuscht bei irgendwelchen Anträgen.

Nun mussten Sie sich mit ihrer Mannschaft durch ein Dickicht von über 100 Beteiligungen arbeiten und sie sortieren. Wie bekommt man dabei den Durchblick?

Es ist ein Wunder, dass das gelungen ist. Das ging schon im Vergleichsantragsverfahren los. Da wurden sofort die Ostwerften ausgegliedert, damit die hier nicht in den Insolvenzsog gezogen wurden. Das ist gelungen. Auch, wenn die natürlich auch ihre Schwierigkeiten hatten. Wenn sie zahlungsunfähig sind und überschuldet, kommt kein Arbeitnehmer mehr zur Arbeit, der Kunde zieht Aufträge zurück und der Lieferant will seine Ware wieder abholen. Wir mussten binnen kürzester Zeit das Vertrauen wiederherstellen, dass wir zahlen können. Das war eine Sprintstrecke. Der Insolvenzverwalter hat dafür ein eigenes Instrumentarium, zu dem die Vorfinanzierung des Konkursausfallgeldes gehört. Das wird von der Agentur für Arbeit gezahlt. Und darüber hinaus erhält man von Banken ein Massedarlehen - wir hatten 25 Banken, die halfen. Und es gab Geld von der Kommune, sprich Bremen. Das war eine konzertierte Aktion und nur möglich durch den guten Willen aller gegenüber dem Konkursverwalter. So gesehen betrachte ich das Verfahren als erfolgreich - und viele andere tun das auch. Aber eins ist klar: Für jeden, der seinen Arbeitsplatz verloren hat, kann das kein Trost sein. Aber noch eins: Viel wurde nur über den Vulkan geschrieben. STN Atlas Elektronik mit über 7000 Arbeitsplätzen - und damit den meisten im Verbund - konnten wir an Rheinmetall und andere verkaufen, was ein Riesenerfolg war. Und Teile des Vulkans wurden von Lürssen übernommen, und auf dem Gelände hat sich wieder Industrie angesiedelt. Das muss man auch sehen.

Die Fragen stellte Volker Kölling.

Zur Person

Jobst Wellensiek wurde am 19. November 1931 in Mannheim geboren und ist seit 1960 Rechtsanwalt. Seit 1964 spezialisierte sich Wellensiek auf Konkursverfahren, mit seiner Kanzlei in Heidelberg begleitete er über 900 Verfahren. 1996 wurde er als Insolvenzverwalter des Bremer Vulkan eingesetzt.
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