Wirtschaftskriminalität in Deutschland

Der talentierte Mr. Martin

Mit einer falschen Identität haben Verbrecher Mittelständler in ganz Deutschland betrogen. Auch Bremer Firmen wurden Opfer. Sie haben viel Geld und Vertrauen in ihre Geschäftspartner verloren.
03.05.2017, 00:00
Lesedauer: 8 Min
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Der talentierte Mr. Martin
Von Stefan Lakeband
Der talentierte Mr. Martin
Lauris Sirmais 123rf

Mit einer falschen Identität haben Verbrecher Mittelständler in ganz Deutschland betrogen. Auch Bremer Firmen wurden Opfer. Sie haben nicht nur viel Geld verloren, sondern auch das Vertrauen in ihre Geschäftspartner.

Noch heute schüttelt Marc Saier den Kopf, wenn er an das vergangene Jahr denkt. Wie konnte ihm das nur passieren? Fast 40.000 Euro einfach weg. Unwiderruflich. Dabei schien bei dem Geschäft alles so wie immer. So sicher, so gut.

Saier ist Teil einer Geschichte, die in Bremen und Brakel, in Trochtelfingen und Salzgitter spielt. Eigentlich spielt sie in ganz Europa. Die Opfer aber sitzen in der Bundesrepublik, zwischen Nordsee und Bodensee, im Herzen der deutschen Wirtschaft. Hier ist der Mittelstand zu Hause und hier ziehen Betrüger eine Masche ab, die bereits schwere Schäden hinterlassen hat. Viele Unternehmen haben nicht nur Geld verloren, sondern auch das Vertrauen in Geschäftspartner. Eine Währung, ohne die das Wirtschaftssystem kaum funktioniert – und mit der dieser europaweite Wirtschaftskrimi beginnt.

„Sehr geehrte Damen und Herren,
[…] wir würden die unten genannten Produkte gerne dringend für ein laufendes Projekt kaufen. Gleichzeitig suchen wir nach einem neuen Partner, der uns monatlich mit den genannten Produkten versorgt.“

Diese Worte stammen aus einer schriftlichen Anfrage, die am 13. Juni 2016 bei Marc Saier eingeht. Der gesamte E-Mail-Verkehr liegt dem WESER-KURIER exklusiv vor. Saier arbeitet für das Unternehmen Vöhringer auf der schwäbischen Alb, ein sogenannter Hidden Champion, ein Spezialist, wenn es darum geht, Caravans oder Jachten mit leichten Holzmöbeln auszustatten. In Trochtelfingen gegründet, mittlerweile mit Standorten in China und Osteuropa, machte der Mittelständler 2015 einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Die Kunden sind in der ganzen Welt verteilt. Daher wundert sich Saier auch nicht über die Anfrage, die ihm ein Mann, der sich als Peter Martin vorstellt, an jenem Montagmittag schickt. Kurz zuvor hatten sie schon telefoniert. Martins Firma, die Sanctuary Group aus Worcester, brauche dringend Holz, hatte er gesagt.

Ähnliche Anfrage an Bremer Holzhändler

Nur zwei Monate zuvor erhält ein Bremer Holzhändler, der nicht möchte, dass sein Name veröffentlicht wird, eine ähnliche Anfrage. Auch bei diesem Unternehmen meldet sich ein gewisser Peter Martin von der Sanctuary Group. „Wir haben als erstes die Firma gegoogelt“, sagt ein Mitarbeiter, der in dieser Geschichte Johann Döhring heißen soll. „Was wir gefunden haben, hat hundertprozentig gepasst.“ Auch die E-Mail, die Döhring bekommen hat, sieht offiziell aus. Alles vielversprechend also – wie bei Saier in Trochtelfingen.

Die Sanctuary Group ist eine britische Wohnungsbaugesellschaft, die mehr als 100.000 Wohneinheiten verwaltet, unter anderem für Rentner, Studenten, Pflegebedürftige. In den nächsten zehn Jahren sollen 24.000 neue Wohnungen hinzukommen. Auch Peter Martin finden Döhring und Saier im Internet. Bei der Sanctuary Group ist er Director Developement and Construction, heißt es auf der Firmenwebsite; seit 25 Jahren in der Baubranche. Bilder zeigen einen Mann mit kurzen braunen Haare, ein freundliches, leicht untersetztes Gesicht. Er sieht vertrauenswürdig aus.

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Kurz nach der Anfrage sind sich Saier und sein Gesprächspartner einig. Das britische Unternehmen soll so schnell wie möglich die gewünschten Sperrholzplatten bekommen: 16 Millimeter dick, 12,45 Euro pro Quadratmeter. Für 1040 dieser Platten soll Martin mehr als 38 000 Euro bezahlen.

Noch an dem Tag, an dem der Auftrag eingegangen ist, leitet Saier den Routineprozess ein. Einer Kollegin schreibt er:

„Könntest Du bitte bei Hermes folgenden Neukunden anfragen, will zum ersten Mal bei uns bestellen, habe Vorkasse verlangt, aber vielleicht für die Zukunft, können wir auf Zahlungsziel umstellen.“

Wer zum ersten Mal etwas bei Vöhringer bestellt, muss erst bezahlen, dann kommt die Ware. Läuft die erste Bestellung ohne Probleme ab, können die Kunden künftig auch nach Erhalt der Lieferung das Geld überweisen. Um aber ganz sicher zu sein, prüft der schwäbische Mittelständler alle Geschäftspartner mit Hilfe der Firma Euler Hermes. Sie ermittelt, wie zahlungskräftig ein Unternehmen ist, und verwandelt Kredit- in Vertrauenswürdigkeit. Da Vöhringer sich ein längerfristiges Geschäft mit der Sanctuary Group verspricht, wird das Unternehmen geprüft, während die Mitarbeiter schon daran arbeiten, die erste Bestellung abzuwickeln. Es soll schließlich schnell gehen.

Auch der Bremer Holzhändler geht auf Nummer sicher. „Wir checken bei jedem Neukunden die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer“, sagt Döhring. Alles scheint gut. Dem Bremer Unternehmen sagt der potenzielle Vertragspartner in etwa das, was er auch Vöhringer per E-Mail schickt. Das Geld sei unterwegs:

„Ich kann Ihnen zu 100 Prozent bestätigten, dass die Zahlung tatsächlich gestern um 17.31 Uhr unser Bankkonto verlassen hat. Da wir häufig Zulieferer in Deutschland bezahlen, können wir aus Erfahrung sagen, dass Überweisungen zwischen dem Vereinten Königreich und Deutschland zwischen 24 und 48 Stunden brauchen. […] Wir hoffen, dass dies der Beginn einer langanhaltenden Partnerschaft mit Gewinn für beide Seiten sein wird.“

Als in Trochtelfingen zwei Lastwagen mit 1040 Sperrholzplatten vom Hof rollen, schreibt Saier einer Kollegin:

„Also ich bin mir bei dieser Firma sehr sicher, dass alles passt und das Geld bei uns ankommt.“

Er wird sich täuschen.

Vier Tage nach dem ersten Gespräch zwischen Saier und dem angeblichen Peter Martin, am 17. Juni, einem Freitagmorgen, erreichen die zwei Lastwagen einen einfachen Parkplatz neben einer Lagerhalle in einem Industriegebiet von Rainham, knapp 30 Kilometer östlich von London. Ein Gebäude der Sanctuary Group steht hier zwar nicht – trotzdem wird das Holz auf dem Parkplatz abgeladen. Die Fahrer der Spedition wundern sich nicht über den ungewöhnlichen Ort. Wer es entgegennimmt, ist unklar. Auch über den Verbleib kann der Spediteur, der für Vöhringer das Holz nach England gebracht hat, nur spekulieren. Er schreibt Saier später:

„Ich sage dir, hier stimmt von hinten und vorne nix. […] Wir nehmen jetzt an, dass die Lkws da einfach auf den Hof seitlich entladen wurden und anschließend ein anderer Lkw kam und die Ware da wieder aufgeladen wurde.“

Saier wählt die Nummer, die ihm der angebliche Peter Martin geschickt hatte. Es klingelt. Vier Mal, fünf Mal. Keiner hebt ab. Also lässt er sich über die Telefonzentrale der Sanctuary Group zu Martin durchstellen – und landet bei dessen Sekretärin. Was sie ihm erzählt, macht Saier fassungslos: Peter Martin und die Sanctuary Group haben nie Holz bei Vöhringer bestellt. Saier ahnt: Die Lieferung ist verloren und er auf einen Betrüger reingefallen. Identitätsdiebstahl. Sein Peter Martin, der Mann mit dem er telefoniert und E-Mails geschrieben hatte, war nicht der echte Peter Martin. Seine Sanctuary Group, das Unternehmen, dessen Kreditwürdigkeit er hat überprüfen lassen, nur eine Fassade. Der Betrüger hat den guten Namen des britischen Unternehmens missbraucht, um die Routinekontrollen zu bestehen und Saiers Vertrauen zu gewinnen.

Noch am selben Tag, genau eine Woche nach der ersten Kontaktaufnahme, bekommt Saier eine E-Mail, dieses Mal von der echten Sanctuary Group.

„Hi Marc,
die Person, mit der Sie es zu tun hatten, hat auch mit den unten aufgelisteten Firmen Kontakt aufgenommen.“

Die anderen Opfer

Was folgt ist eine Liste: Sulzbach-Rosenberg, Essen, Brakel, Hamburg. Mittelständler aus ganz Deutschland, sechs Namen. Sie alle sind auf den falschen Peter Martin und den guten Ruf der echten Sanctuary Group reingefallen. Alle wurden nach dem gleichen Muster betrogen.

„Der Betrüger Peter Martin wusste, wovon er sprach“, sagt Döhring aus Bremen, dessen Arbeitgeber auch auf der Liste steht. Sein Vokabular passte zu jemandem, der regelmäßig Holz bestellt. Döhring vertraut darauf. „Ein Fehler“, sagt er heute. Ungefähr 40.000 Euro hat das Bremer Unternehmen so verloren. „Wir werden daran nicht zugrunde gehen. Aber so etwas tut weh.“

Nicht jedes Betrugsopfer hat, wie der Bremer und Vöhringer, Waren an die Betrüger verkauft. Manche waren nur Dienstleister.

So wie die Spedition IRF aus Stuhr. Sie wurde vom vermeintlichen Peter Martin beauftragt, das Holz der Bremer Firma nach Großbritannien zu bringen, und auch sie wurde dabei geprellt. Die Lastwagen-Fahrer sahen noch, wie das Holz in England auf kleine Lkw geladen wurde. Nichts Ungewöhnliches in der Branche. Misstrauen hat keiner geschöpft. Die 8000 Euro für den Auftrag kamen nie an.

Die Bremer Spedition Avto Sped hat 20.000 Euro durch die gleiche Masche verloren. So wie fast alle Unternehmen in dieser Geschichte, ist das Transportunternehmen nicht gegen den Betrug versichert. „Wir haben keine Hoffnung, dass wir das Geld wiederbekommen“, sagt Gordon Maas, Geschäftsführer von Avto Sped. Der Verlust trifft die Firma doppelt. Eigentlich ist das Logistikunternehmen auf Russland und Osteuropa spezialisiert, einem Markt, der durch die Sanktionen gegen Russland geschrumpft ist. Deswegen hing auch Hoffnung am britischen Neukunden. Maas bleibt optimistisch. „Wir sind immer noch ein gesundes Unternehmen.“

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Was geschah mit dem Holz?

Was geschah mit dem Holz? Wurde es weiterverkauft? Manche Betrugsopfer gehen davon aus. Andere vermuten, dass es auf irgendwelchen Baustellen in Großbritannien gelandet ist. Unklar ist auch, wie viele Unternehmen genau betroffen sind. Der WESER-KURIER weiß von elf Firmen aus ganz Deutschland, die der falschen Sanctuary Group vertraut haben und hereingefallen sind, die meisten Mittelständler, aber auch eine Tochterfirma von einem der größten deutschen Industrieunternehmen. Ebenso Firmen aus Österreich und Dänemark sind nach Informationen dieser Zeitung betroffen.

Weil ihr Name und ihre Reputation genutzt wurden, hat sich die echte Sanctuary Group an die britische Polizei gewandt. Man sei darüber informiert worden, dass sich eine Person als Sanctuary-Mitarbeiter ausgegeben habe, teilt ein Sprecher des Unternehmens mit. Die britische Polizei ermittle noch, daher könne man keine weiteren Auskünfte zu dem Fall geben.

Die Ermittler

Was alle Unternehmen eint: Das Geld ist verloren und mit ihm die Hoffnung, die Verbrecher zu finden. Nach dem Betrug haben sich viele Firmen per E-Mail ausgetauscht. Viele haben Strafanzeige gestellt, aber selbst die Ermittler gehen nicht davon aus, dass die Täter gefasst und die Opfer entschädigt werden. „Es wird wohl schwierig, die Täter zu ermitteln“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Bremen. Die Behörde weiß von vier Geschädigten in der Hansestadt, die Anzeige erstattet haben. Derzeit bereite man ein Rechtshilfeersuchen an die englischen Behörden vor, an die polnischen Ermittler sei schon eines gestellt. Denn in mindestens zwei Fällen wurden auch dorthin Waren geliefert, die ein angeblicher Peter Martin bestellt hat.

Trotzdem sind viele Opfer enttäuscht von den Ermittlungen. Der Bremer Holzhändler beispielsweise hat ein halbes Jahr nach seiner Anzeige noch immer nichts von den Behörden gehört. Die Staatsanwaltschaft Verden hat der Stuhrer Spedition IRF Ende August mitgeteilt, dass die Ermittlungen eingestellt wurden. Sie konnte den Täter nicht finden.

Dabei hätten die Ermittler den Betrügern ganz einfach eine Falle stellen können – das meint zumindest die Mitarbeiterin eines Holzhändlers aus dem Raum Brakel. Hier stand noch eine zweite Ladung auf dem Hof, als der Betrug schon bekannt war. Die Mitarbeiterin hat angeboten, zusammen mit Polizisten die Betrüger bei der Umverladung in Großbritannien zu stellen. Die Polizei habe ihr das aber verboten. Deutsche Polizisten dürften nicht einfach so in einem anderen Land ermitteln. Dazu fehle die Rechtsgrundlage. 70.000 Euro sind bei der Firma weg. Die Wut bei der Mitarbeiterin bleibt.

Die Folgen

Viele Mitarbeiter der betrogenen Unternehmen sind misstrauischer. „Wem kann man noch glauben?“, fragt sich die Frau. Bei jeder Anfrage eines potenziellen neuen Kunden ist sie sich unsicher: Stimmt hier alles? Sie vergleicht die Domain der E-Mailadresse mit den Daten aus dem Internet. Stimmt sie überein oder ist sie nur ähnlich? Auch die Telefonnummer aus der E-Mailsignatur checkt sie jedes Mal gegen. Doch selbst wenn alles passt, hundertprozentig sicher ist sie sich nie.

Auch beim Bremer Holzhändler ist Misstrauen nun ein ständiger Begleiter. „Wir warten jetzt immer ab, bis das Geld wirklich da ist“, sagt Döhring. Das dauert länger, ist aber sicherer. „Zu 100 Prozent wird man so etwas aber nie ausschließen können.“ Ausgetauscht mit anderen Opfern hat sich das Bremer Unternehmen aber nicht. „Warum?“, fragt Döhring. „Das Geld ist weg. Wir müssen nun sehen, dass wir den Schaden ersetzen.“

Und Saier? Der, der sich zwischenzeitlich so sicher war, „dass alles passt und das Geld bei uns ankommt.“ Auch er ist längst wieder im Tagesgeschäft angekommen. Nur dann und wann fragt er mal bei der Polizei nach. Dass die Betrüger gefasst werden, erwartet er aber nicht mehr.

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