Wirecard-Skandal

Von Geisterkonten und Scheinmilliarden

Wegen des Bilanzskandals beim Wirecard-Konzern werden sich viele in der deutschen Finanzwelt noch unangenehme Fragen gefallen lassen müssen - nicht nur die staatlichen Aufseher, meint Philipp Jaklin.
25.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Geisterkonten und Scheinmilliarden
Von Philipp Jaklin
Von Geisterkonten und Scheinmilliarden

Wo sind die Milliarden? Die Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München.

Tobias Hase

Der böse Verdacht lässt nicht lange auf sich warten. Es ist Ende Januar 2019, als der neue Börsenstar Wirecard erstmals ins Zwielicht gerät. Da ist der Zahlungsdienstleister gerade erst in den Dax aufgestiegen – der Ritterschlag in der deutschen Unternehmenslandschaft. Und ein Debüt, das für Furore gesorgt hat, Anleger schwärmen lässt vom rasanten Wachstum dieses Neulings. Hier, so scheint es, entsteht endlich wieder ein deutscher Technologiekonzern von Weltrang.

Dann kommt die "Financial Times" in Spiel. Die hochangesehene Wirtschaftszeitung, eine Antithese zum Revolverblatt-Journalismus, veröffentlicht detaillierte Vorwürfe gegen einen hochrangigen Mitarbeiter des Unternehmens: Die Rede ist von Bilanzfälschung und Geldwäsche im Asien-Pazifik-Geschäft. Doch die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young sehen offenbar keinen Anlass, bei Wirecard genauer hinzuschauen. Wenig später bestätigen sie die Bilanz. Und auch die deutsche Finanzaufsicht glaubt lieber einem heimischen Konzern als britischen Journalisten. Die Behörde stellt sogar Strafanzeige gegen zwei Reporter.

Lesen Sie auch

Seit dieser Woche ist klar: Größer könnte die Blamage für staatliche Aufseher und private Wirtschaftsprüfer kaum sein. Fassungslos blickt die internationale Finanzwelt auf einen Konzern aus der obersten deutschen Börsenliga, dessen vermeintliche Erfolgsgeschichte sich nun vollends zum abenteuerlichen Kriminalfall entwickelt hat – mit Milliarden, die verschwinden und dann plötzlich nie existiert haben, einem verhafteten Chef, Geisterkonten und dubiosen Treuhänder-Modellen. Inzwischen darf das Desaster als amtlich gelten: eine „Schande“ sei es für den Standort Deutschland, sagte der Präsident der Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld, vor einigen Tagen.

Dabei ist vor allem seine Behörde wegen des Bilanzskandals in Erklärungsnot geraten. Angestachelt von Misstrauen gegen angelsächsische Aktienhändler zog sie gegen den Überbringer der schlechten Nachricht zu Felde, anstatt Konzerngebaren penibel unter die Lupe zu nehmen. Am Ende rächte sich die lange und zweifelhafte Tradition im deutschen Finanzwesen, Institutionen und Vorstandshierarchien eher zu trauen als Aktionären. Indem die Aufseher die investigative Leistung von Wirtschaftsjournalisten als Angriff auf den Finanzplatz Deutschland werteten, trübte sich offenbar ihr Blick für das wahre Drama.

Lesen Sie auch

Es darf bezweifelt werden, dass die BaFin „sehr hart gearbeitet“ und „ihren Job gemacht“ hat, wie Finanzminister Olaf Scholz noch am Montag behauptete – ein Urteil, von dem er schon einen Tag später wieder abrücken musste. Noch ist wenig bekannt über das gesamte Ausmaß des Falls Wirecard. Doch bereits jetzt sind die Parallelen zur Enron-Affäre unübersehbar. Gigantische Scheinumsätze und versteckte Schulden ließen den US-Energiekonzern 2001 kollabieren. Weltbeherrschungs-Phantasien und Bilanzfälschung von „biblischem Ausmaß“, wie ein Kongressausschuss feststellte, kosteten am Ende Zehntausende den Arbeitsplatz. Anleger verloren Dutzende Milliarden.

Eine Folge des Enron-Debakels war, dass die Vereinigten Staaten ihre Bilanzregeln verschärften. Und auch in Deutschland hat die Diskussion über mögliche und nötige Konsequenzen aus dem Fall Wirecard längst begonnen. Reichen die Vorschriften zur Kontrolle komplizierter Firmengeflechte? Gehen die Zuständigkeiten der Finanzaufsicht weit genug? Hat die Behörde ausreichend Personal und Durchgriffsrechte, um ihre Aufgaben zu erledigen? Schon seit Langem bemängeln Kritiker, die staatlichen Aufseher agierten viel zu zahm.

Aber auch die Deutsche Börse muss sich die Frage gefallen lassen, ob ihr Regelwerk Investoren ausreichenden Schutz bietet vor Bilanzbetrügern. Und nicht zuletzt die Rolle mancher Banken könnte noch tiefergehende Fragen aufwerfen. Schließlich versorgte ein Geldinstitut wie die Deutsche Bank Wirecard nicht nur mit Krediten, sondern half auch bei Anleihe-Emissionen und investierten über ihre Fondstochter kräftig in die neue Aktie. Die befand sich am Mittwoch, einmal mehr, im freien Fall.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+