Mehr Geld für die Schiene

Deutsche Bahn hinkt im internationalen Vergleich weiter hinterher

Die Regierung hat versprochen, die Bahn zu stärken. Nun habe Deutschland so viel Geld für die Schiene ausgegeben wie nie zuvor, setze aber immer noch „völlig falsche Prioritäten“, sagt die Allianz pro Schiene.
04.08.2021, 14:48
Lesedauer: 3 Min
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Von Hanna Gersmann
Deutsche Bahn hinkt im internationalen Vergleich weiter hinterher

Die Deutsche Bahn hat im vergangenen Jahr deutlich mehr Geld in die Schiene gesteckt, hinkt im internationalen Vergleich aber weiter hinterher.

Fabian Strauch/dpa

88 Euro pro Einwohner ließ sich Deutschland im Jahr 2020 die Erneuerung des Schienennetzes kosten. Das sind 16 Prozent mehr als 2019 – so viel wie nie zuvor. Das zeigen Berechnungen, die die Allianz pro Schiene am Mittwoch zusammen mit der Unternehmensberatung SCI Verkehr vorgelegt hat. Nur: Machen die Rekordinvestitionen die klimafreundliche Bahn wirklich attraktiver?

Dirk Flege ist der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, einem Dachverband, der sich für mehr Eisenbahnverkehr einsetzt und in dem sich Bahnunternehmen, Umweltschützer, Fahrgastverbände und Gewerkschaften zusammengeschlossen haben. Flege ordnet die Zahlen ein: Zwar habe die Bundesregierung mit der deutlichen Aufstockung der Investitionen für einen „deutschen Höchststand“ gesorgt, sagt er – der sei aber aus drei Gründen relativ.

Deutsche Bahn: Mehrinvestitionen aus drei Gründen wenig aussagekräftig

Grund 1: Die Baupreise steigen extrem. Im Straßenbau lagen sie 2020 knapp 30 Prozent höher als 2011. Das gab das Statistische Bundesamt erst vor wenigen Tagen bekannt. Für den Schienenverkehr gibt es solche übergreifenden Daten nicht. Doch Flege meint: „Im Schienenverkehr sind die Preissteigerungen noch größer.“ Heißt: Wer mehr Geld hat, kann derzeit nicht gleich mehr bauen.

Grund 2: Deutschland landet im Ranking von zwölf ausgewählten Volkswirtschaften in Europa auf dem drittletzten Platz. Andere Länder investierten „seit Jahr und Tag“ ein Vielfaches in die Schiene,  kritisiert Flege, „daran hat sich auch nichts geändert“. Spitzenreiter ist Luxemburg mit 567 Euro pro Einwohner. Es folgen die Schweiz mit 440 Euro und Österreich mit 249 Euro. Nur Spanien (40 Euro) und Frankreich (49 Euro) investieren weniger als Deutschland in ihr Schienennetz.

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Dritter und letzter Grund: Die Bahn ist immer noch abgehängt. Flege: „Nach wie vor gehört die Bundesrepublik zu den Ländern, die mehr Geld für Fernstraßen ausgeben als für Gleise und damit die völlig falschen Prioritäten setzen.“ Vor allem mangele es an Neu- und Ausbau von Bahnstrecken – „ausgerechnet dort hat die Bundesregierung für 2020 die Mittel sogar gekürzt.“ Flege will keine einzelne Strecke nennen. Er fordert aber, dass zum Beispiel mehr Strecken elektrifiziert und dass der digitale Ausbau des Schienennetzes beschleunigt wird. Mit der modernen Technik sollen der Bahnverkehr reibungsloser, Zugausfälle und Verspätungen verhindert werden.

Bundesregierung will Bahnverkehr stärken, investiert aber wenig

2020 sei nicht einmal ein einziger Kilometer Schiene gebaut worden, erläutert die Chefin der SCI Verkehr, Maria Leenen. Ohne zusätzliche Gleise werde Deutschland es aber keinesfalls schaffen, mehr Menschen und Güter von der Straße auf die Schiene zu holen. Dabei sei das doch politisch gewollt. Die schwarz-rote Koalition hat sich vorgenommen, die Bahn deutlich zu stärken. Bis 2030 sollen die Fahrgastzahlen verdoppelt und 25 Prozent aller Güter auf der Schiene transportiert werden. 2019 waren es 19 Prozent aller Güter. In der Corona-Krise sank der Anteil auf 17,5 Prozent in 2020. Doch in der Zukunft werde die Bahn immer bedeutender, sagt Leenen, „die Nachfrage ist da.“

Schon jetzt würden nach einem starken Rückgang in der Pandemie die Züge wieder voller, buchten mehr Menschen ein Ticket. Und viele Unternehmen machten sich Gedanken, wie der Transport ihrer Waren klimafreundlicher werden könne. Der Druck nimmt zu, seit auch die EU-Kommission mit ihrem Fit for-55 Klimapaket eine Reihe von Auflagen vorgeschlagen hat, um klimaschädliche Gase einzusparen.

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„Darauf muss sich die Bundesrepublik vorbereiten“, fordert Leenen. Da gehe es um Geld, aber nicht nur. Planung und Bau müssten schneller, zum Beispiel Gleise entlang bestehender Strecken gebaut werden, sodass der schnellere ICE den langsameren Güterzug überholen könne. Zudem müsse sich auch bei der Ausbildung mehr tun, damit sich junge Menschen weniger für die Autoindustrie, mehr für den Bahnsektor interessieren, der zukunftsfähige Jobs schafft. So zahle sich am Ende doppelt aus, wenn mehr Geld in eine attraktive Bahn investiert werde: Es rechne sich für Arbeitsmarkt und Klimaschutz.

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