Negative Handelsbilanz Weniger Exporte als im April

Erstes Defizit in der deutschen Handelsbilanz seit langer Zeit – warum dennoch kein Grund zur Sorge besteht.
04.07.2022, 21:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Hannes Koch

Steht jetzt das deutsche Wirtschaftsmodell auf der Kippe? Am Montag meldete das Statistische Bundesamt, im Mai seien die Exporte im Vergleich zum April zurückgegangen, die Importe dagegen gestiegen. Ergebnis: Es wurden Waren und Dienstleistungen für eine Milliarde Euro mehr eingeführt als ausgeführt. Das gab es seit 14 Jahren nicht mehr. Die Entwicklung ist neu, man kann sie für besorgniserregend halten. Andererseits muss das jetzt aber keine Krise einläuten.

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Zunächst handelt es sich um ein punktuelles Phänomen. So haben die hiesigen Unternehmen zwischen Januar und April 2022 wie gewohnt mehr exportiert als importiert. Und selbst im Mai lagen die Ausfuhren deutlich über dem Vorjahreswert. Allerdings: Im vergangenen Monat hat sich der traditionelle Exportüberschuss in einen Importüberschuss verwandelt. Für Waren und Dienstleistungen haben wir mehr Geld ins Ausland gezahlt, als wir von dort erhielten. Dies korrespondiert mit der aktuellen Erfahrung vieler Privathaushalte und Firmen, dass ihnen die Einkaufspreise davonlaufen.

Die Ursachen liegen unter anderem in den wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine stark gestiegenen Energiekosten. Damit stieg die Einfuhrrechnung über den Wert der Ausfuhren. Hinzu kommen Handelsprobleme im Zuge der Pandemie: Viele Fabriken und Häfen in China arbeiteten monatelang nicht richtig, die Preise der knappen Vorprodukte wuchsen, gleichzeitig konnten deutsche Firmen infolge des Materialmangels weniger über die Grenzen verkaufen. Auch der vergleichsweise niedrige Wechselkurs des Euro verteuert die Importe.

Kein strukturelles Problem

Vornehmlich handelt es sich damit um Importprobleme, wobei die schwächere Konjunktur in Europa ebenfalls eine Rolle spielt. Ein strukturelles Exportproblem gibt es aber nicht. Die Qualität der hierzulande hergestellten Produkte ist gut, sie sind international gefragt, an Aufträgen herrscht kein Mangel. Grundsätzlich besteht kein Zweifel, dass die hiesige Wirtschaft weiterhin ein Drittel ihrer Produktion ins Ausland verkaufen kann.

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Die Politik greift dennoch ein. Importierte, fossile Energierohstoffe wie Kohle, Öl und Gas müssen mittelfristig verringert und durch regenerative Energien ersetzt werden, die zu einem höheren Anteil aus Deutschland und Europa kommen. Dieser Prozess dürfte sich beschleunigen, wie unter anderem das Ausbauprogramm der Bundesregierung zeigt. Wichtige Vorprodukte wie bestimmte Medizinchemikalien, Computerchips oder Elektrobatterien sollen nicht nur in Asien, sondern auch in Europa und anderen westlichen Staaten gefertigt werden. Damit werden hiesige Unternehmen später unabhängiger und weniger anfällig für Preisschocks auf dem Weltmarkt.

Momentaufnahme, kein Trend

Grundsätzlich verkauft Deutschland eher zu viel ins Ausland als zu wenig. Im vergangenen Jahrzehnt gab es zahlreiche Beschwerden, dass die Exportmaschine andere Länder an die Wand drücke. Nicht nur Ex-US-Präsident Donald Trump wies darauf hin, sondern auch die französische Regierung und selbst der Internationale Währungsfonds. Große Sorgen über eine vermeintliche Exportschwäche sind also unbegründet. Die Mai-Zahl ist eine Momentaufnahme, kein Trend.

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