Studie zeigt sprunghaften Anstieg der Arbeitskampf-Tage Deutsche streiken häufiger

Köln. Der Nachbar Frankreich erlebt gerade mal wieder eine Streikwelle der Extraklasse. Egal ob in Raffinerien, Atomkraftwerken, bei der Staatsbahn SNCF, im Pariser Nahverkehr oder der bei der Fluggesellschaft Air France: Wenige Tage vor Beginn der Fußball-EM lassen etliche Beschäftigte die Arbeit ruhen oder planen dies.
07.06.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Köln. Der Nachbar Frankreich erlebt gerade mal wieder eine Streikwelle der Extraklasse. Egal ob in Raffinerien, Atomkraftwerken, bei der Staatsbahn SNCF, im Pariser Nahverkehr oder der bei der Fluggesellschaft Air France: Wenige Tage vor Beginn der Fußball-EM lassen etliche Beschäftigte die Arbeit ruhen oder planen dies. Mitunter geht es tatsächlich um Tarifkonflikte – doch in den meisten Fällen demonstrieren die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften gegen die geplante Arbeitsmarktreform.

In Deutschland sind Auseinandersetzungen dieser Größenordnung kaum vorstellbar. Selbst die Lokführerstreiks bei der Deutschen Bahn, die das Land in den vergangenen zwei Jahren mehrfach in Aufregung versetzten, nahmen sich im Vergleich mit den Zuständen in Frankreich bescheiden aus. Anders als im Nachbarland sind politische Streiks hierzulande verboten. Deutschland gilt weltweit als Hort des sozialen Friedens. Nicht mehr ganz zu Recht, wie das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) meint.

Die Forscher haben sich angeschaut, wie viele Arbeitstage in westlichen Industriestaaten durch Arbeitskämpfe ausfallen. Ihr Befund: Im Hinblick auf den sozialen Frieden sei „Deutschland nur noch oberes Mittelfeld“, schreiben die beiden IW-Autoren Hannah Busshoff und Hagen Lesch. Die Bundesrepublik habe im internationalen Arbeitskampfvergleich ihre Spitzenposition verloren.

Der Erhebung zufolge fielen in Deutschland zwischen 2006 und 2015 durch Streiks im Jahresdurchschnitt sieben Arbeitstage je 1000 Beschäftigten aus. Die USA kommen auf die gleiche Anzahl. Die Liste der streikfreudigsten Nationen führen Dänemark und Frankreich mit 120 beziehungsweise 117 ausgefallenen Arbeitstagen an. Am Ende der Aufstellung finden sich Österreich (2), die Schweiz (1) sowie Japan und die Slowakei (jeweils 0).

Die Behauptung des IW, dass Deutschland beim sozialen Frieden nur noch Mittelmaß sei, ist natürlich arg zugespitzt. Denn der Unterschied zu den besonders streikfreudigen Nationen bleibt enorm, während der zu den Ländern am Ende der Rangliste gering ist. Hinzu kommt: In der Aufstellung macht sich bemerkbar, dass es in der Bundesrepublik im vergangenen Jahr außergewöhnlich viele Arbeitskämpfe gegeben hat. Es handelt sich also gewissermaßen um einen statistischen Einmal-Effekt. Das räumen die Autoren auch selbst ein: „Durch das hohe Streikaufkommen 2015 stieg die jahresdurchschnittliche Anzahl der Ausfalltage im Zehn-Jahres-Vergleich hierzulande von vier auf sieben“, schreiben sie.

So gab es in Deutschland 2015 gleich mehrere Großkonflikte, was die Zahl der Streiktage im Vergleich zu den Vorjahren sprunghaft ansteigen ließ. Das WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böcker-Stiftung hatte die Zahlen erst kürzlich in seiner jährlichen Arbeitskampfbilanz genau aufgearbeitet. Demnach gab es 2015 bundesweit rund zwei Millionen Streiktage, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus von mehr als 1,6 Millionen entsprach. Allein 1,5 Millionen entfielen auf die Ausstände in den kommunalen Kitas sowie beim Paketdienst der Deutschen Post.

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