Ein Jahr nach Wegfall der Praxisgebühr ist die Zahl der Behandlungen gestiegen Deutsche wieder öfter beim Arzt

Die Patienten strömen wieder in die Arztpraxen. Seit der Abschaffung der Praxisgebühr vor einem Jahr sind die Wartezimmer bei Zahnärzten und anderen niedergelassenen Medizinern wieder voller. Auch in Bremen und Niedersachsen macht sich dieser Effekt zum Teil sogar sehr deutlich bemerkbar.
15.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Silke Looden und Sabine Doll

Die Patienten strömen wieder in die Arztpraxen. Seit der Abschaffung der Praxisgebühr vor einem Jahr sind die Wartezimmer bei Zahnärzten und anderen niedergelassenen Medizinern wieder voller. Auch in Bremen und Niedersachsen macht sich dieser Effekt zum Teil sogar sehr deutlich bemerkbar.

Sie sollte die Zahl unnötiger Arztbesuche eindämmen und dadurch die Kosten im Gesundheitssystem senken. Weil sich dieser beabsichtigte Effekt nicht eingestellt hat, schaffte die schwarz-gelbe Bundesregierung die ungeliebte Praxisgebühr Ende 2012 zur Freude von Ärzten und Patienten schließlich wieder ab. Jetzt könnte alles doch ganz anders aussehen, denn: Erste Zahlen nach dem Wegfall der Zehn-Euro-Zuzahlung zeigen, dass die Arztbesuche zum Teil sogar wieder deutlich angestiegen sind.

Besonders bemerkbar macht sich diese Entwicklung in den Zahnarztpraxen: „Im Land Bremen ist die Zahl der Behandlungsfälle 2013 direkt nach Abschaffung der Praxisgebühr im Vergleich zum Vorjahr auf insgesamt 798753 angestiegen – das ist ein Plus von 4,8 Prozent“, sagt Dirk Mittermeier, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KVZ) in Bremen. Mit Einführung der Kassengebühr im Jahr 2004 habe es einen Einbruch um fast zehn Prozent gegeben. Kassenpatienten mussten danach bei jedem ersten Arzt-, Zahnarzt- und Psychotherapeutenbesuch zehn Euro pro Quartal zahlen.

„Die Praxisgebühr hat die sozial schwachen Menschen getroffen. Viele konnten sich die Zuzahlung nicht leisten, weshalb sie Zahnarztbesuche so lange wie möglich herausgeschoben und vor allem auf Vorsorgetermine verzichtet haben. In diesem Bereich haben wir einen deutlichen Rückgang registriert. Deshalb war die Abschaffung der Praxisgebühr absolut richtig“, sagt Mittermeier.

Auch bei anderen niedergelassenen Ärzten gab es in den ersten Monaten nach Abschaffung der Gebühr wieder mehr Zulauf in den Praxen als im Vorjahreszeitraum. Allerdings führt der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB), Jörg Hermann, diesen nicht direkt auf den Wegfall zurück. Das Plus von 2,9 Prozent auf 2,3 Millionen Behandlungsfälle bei Haus- und Fachärzten im ersten Halbjahr 2013 bewege sich im Rahmen der normalen Steigerung. Bundesweit sind die Zahlen ähnlich. „Sie belegen, dass die Praxisgebühr keinerlei steuernden Effekt hatte und die Abschaffung richtig war. Die freie Arztwahl ist offensichtlich ein so hohes Gut, dass sich die Menschen in Zeiten der Praxisgebühr nicht von diesem Zusatzbeitrag haben abschrecken lassen“, so Hermann.

Allerdings schlug sich das Aus der Gebühr auf andere Weise nieder: Bei den Überweisungen vom Haus- zum Facharzt habe es im gleichen Zeitraum einen Rückgang um 55 Prozent gegeben. Ohne Überweisung mussten Patienten bis Ende 2012 bei jedem neuen Arzt die Praxisgebühr für das laufende Jahr bezahlen.

In Niedersachsen gab es im ersten Halbjahr nach Abschaffung der Praxisgebühr eine deutliche Zunahme bei den Hausarztbesuchen – plus 5,2 Prozent. Das bestätigte die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) in Hannover. Deren Sprecher Detlef Haffke erklärt dazu: „Wir glauben allerdings nicht, dass dieser Trend mit der Abschaffung der Praxisgebühr zusammenhängt. Vielmehr gehen wir davon aus, dass die damalige Grippewelle zu vermehrten Hausarztbesuchen geführt hat.“

Bei den Fachärzten verzeichnet die KV Niedersachsen einen Zuwachs der Patientenbesuche von 2,6 Prozent. „Die zunächst befürchtete Zunahme der Facharztbesuche durch den Wegfall der Praxisgebühr ist nicht eingetreten“, sagt Haffke. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen bedauert, dass die Überschüsse, die die Krankenkassen durch die Praxisgebühr erwirtschaftet haben, bis heute nicht an die Patienten weitergegeben wurden. „Die Kassen sitzen immer noch auf einem hohen Einnahmesockel“, kritisiert Haffke. Die KV appelliert an die Versicherer, die Überschüsse in eine bessere Versorgung der Patienten zu investieren.

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