Konjunktur Deutschland bleibt Europas Konjunkturlokomotive

Wiesbaden. Die deutsche Wirtschaft ist derzeit nicht zu stoppen. Nach dem Absturz im Vorjahr setzte sie ihren kraftvollen Erholungskurs im dritten Quartal fort und verhalf damit auch der gesamten Eurozone zu Wachstum.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste

Wiesbaden. Die deutsche Wirtschaft ist derzeit nicht zu stoppen. Nach dem Absturz im Vorjahr setzte sie ihren kraftvollen Erholungskurs im dritten Quartal fort und verhalf damit auch der gesamten Eurozone zu Wachstum.

Zwar kann der Aufschwung wie erwartet das Rekordtempo nicht halten: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im Vergleich zum Vorquartal um nur noch 0,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte.

Dafür tragen inzwischen viele Schultern die Konjunkturerholung. Neben den seit Monaten sehr starken Exporten stützen nun gleichermaßen auch der staatliche und der private Konsum sowie die Investitionen das Wachstum.

Im dritten Quartal 2010 sei mit 638 Milliarden Euro an Gütern und Dienstleistungen so viel erwirtschaftet worden, wie seit zwei Jahren nicht mehr, betonte der Außenhandelsverband bga. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sagte: "Nach dem außerordentlichen Wachstum im zweiten Vierteljahr setzte die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal ihren dynamischen Aufschwung fort."

Volkswirte bewerteten die Zahlen ähnlich: "Deutschland leuchtet weiter hell mit seinem soliden und alle Wirtschaftsbereiche umfassenden Aufschwung", erklärte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank in London.

Brüderle warnte jedoch, sich nun zufrieden zurückzulehnen: "Dauerhaftes Wachstum von Einkommen und Beschäftigung können wir nur mit einer konsequent marktwirtschaftlich ausgerichteten Politik erreichen", sagte er und lobte den Beitrag des flexibilisierten Arbeitsmarktes an der robusten Krisenbewältigung: "Dieses Rad dürfen wir nicht zurückdrehen." Der Staat müsse zudem seine "kostspieligen Krisen- und Stimulierungsmaßnahmen" zielstrebig zurückfahren, um finanzielle Spielräume für Steuersenkungen zu schaffen.

Obwohl das Tempo im dritten Quartal nachließ, bleibt Deutschland die Lokomotive der Konjunkturerholung im Euroraum. Daran werde sich so schnell auch nichts ändern, prognostizierte Stefan Mütze von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba): "Deutschland wird auf längere Zeit schneller wachsen als der Durchschnitt der Eurozone." Schon 2011 werde die Wirtschaftsleistung wieder auf Vorkrisenniveau steigen.

In den 16 Euroländern insgesamt verlor die Wirtschaft im dritten Vierteljahr an Fahrt. Das BIP stieg auf Quartalssicht nur noch um 0,4 Prozent nach 1,0 Prozent zuvor, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat am Freitag in Luxemburg in einer ersten Schätzung mitteilte.

Während Frankreichs Wirtschaft um 0,4 Prozent wuchs, verloren Sorgenkinder wie Italien (plus 0,2 Prozent zum Vorquartal) an Boden. Spaniens Wirtschaft stagnierte im dritten Quartal, Griechenlands Wirtschaft schrumpfte um 1,1 Prozent.

Auch nach Überzeugung von Commerzbank-Ökonom Christoph Weil wird die deutsche Wirtschaft den Rest des Euroraums noch auf Jahre schlagen: "Die Konsolidierung der Staatsfinanzen wird die Nachfrage nicht nur in den Euro-Peripherieländern merklich belasten. In Deutschland wird die Finanzpolitik die Konjunktur dagegen nur wenig dämpfen."

Die Statistiker in Wiesbaden korrigierten am Freitag auch ihre Daten für das Rekordwachstum im zweiten Quartal nochmals leicht von 2,2 auf 2,3 Prozent nach oben. Dies ist das stärkste Quartalswachstum seit der Wiedervereinigung. Auch das Plus zu Jahresbeginn gegenüber dem Schlussquartal 2009 fiel mit 0,6 Prozent etwas größer aus als bisher berechnet (0,5 Prozent). Im Vergleich zum dritten Quartal 2009 legte die Wirtschaftsleistung preisbereinigt um 3,9 Prozent zu. Im Krisenjahr 2009 war die Konjunktur um 4,7 Prozent abgestürzt.

Aus Sicht von Unicredit-Volkswirt Andreas Rees sind die Zahlen alles andere als enttäuschend, da neben dem Export endlich auch der Konsum ansprang: "Die bisher einmotorige deutsche Wirtschaft, die nur vom Export angetrieben wurde, wurde durch eine ausgewogene Maschine ersetzt. Dadurch wird der Aufschwung robust." Deutschland werde im Gesamtjahr um 3,7 Prozent wachsen und damit so schnell wie seit Anfang der 1990-er Jahre nicht mehr.

Die fünf "Wirtschaftsweisen" rechnen ebenfalls mit einem Wachstum von 3,7 Prozent, die Commerzbank hob ihre Prognose am Freitag von 3,3 Prozent auf 3,5 an. Etwas vorsichtiger ist die Bundesregierung, die für 2010 von 3,4 Prozent und für 2011 von 1,8 Prozent Wachstum ausgeht. Brüderle sah diese Prognose am Freitag bestätigt. (dpa)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+