Frosta-Bilanz

Dicke Fische

Mit veganem Fisch und Verpackungen aus Papier will sich Tiefkühkosthersteller Frosta für die Zukunft wappnen. Die Investitionen hatten aber ihren Preis, wie aktuelle Zahlen zeigen.
28.02.2020, 09:13
Lesedauer: 4 Min
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Dicke Fische
Von Lisa Boekhoff
Dicke Fische

Daniel Albers hat den Gemüsefisch kreiert: mit Blumenkohl und Jackfruit.

Louis Kellner

In den Weltmeeren ist dieser Fisch nie unterwegs gewesen. Und eigentlich ist das, was wie Backfisch mit knuspriger Panade aussieht, auch gar kein Fisch. Daniel Albers ist die Kreation ins Netz gegangen. Der Produktentwickler von Frosta hat das Fischgericht aus Gemüse entwickelt. Der erste Biss in die Täuschung: Blumenkohl, Jackfruit und Bohne ergeben zusammen mit Hanfprotein und Leinöl eine weiche weiße Masse. Es gab auch Experimente mit Erbsenprotein. Doch grüner Fisch? Das ging nicht.

Schwarzwurzel steckt ebenfalls im Backfisch. „Sehr gesund. Die Schwarzwurzel gehört zu den nährstoffreichsten Gemüsen“, sagt Albers in der Laborküche von Frosta in Bremerhaven. „Fisch vom Feld“ heißt das Sortiment, zu dem auch Fischstäbchen und Fischburger gehören. Hinnerk Ehlers ist überzeugt, dass Frosta mit dieser Idee richtig liegt. Nach Alternativen für Fleisch wie Beyond Meat komme nun der Fisch groß raus. „Fish is the next big thing“, formuliert es der Marketingvorstand. „Und Gräten hat er auch nicht.“

Ein „Tickchen teurer“ sei die Alternative am Ende vermutlich. Das lasse sich erst sagen, wenn die Produktion richtig läuft. Doch mit Blick gerade auf die junge Generation sei der Schritt sicher sinnvoll. Frosta erwarte zudem nicht, dass die Fischbestände steigen. Die Nachfrage tue das aber. Wie auch sonst verzichtet das Unternehmen beim Gemüsefisch ebenfalls auf Aromen, Farbstoffe, Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe. Darum war es schwer, die Alternative zu entwickeln. Doch anders als die Konkurrenz, die viele Zusatzstoffe einsetze, wolle man es hier anders machen. „Das ist pure Chemie“, sagt Ehlers über die Wettbewerber. Im Frühjahr sollen Gastronomen mit dem Gemüsefisch beliefert werden. Im Anschluss soll er in den Einzelhandel kommen.

Der Tiefkühlkosthersteller hat darüber hinaus im vergangenen Jahr kräftig investiert: Nach und nach sollen die Plastikbeutel durch eine neue Papierverpackung ersetzt werden. Ende des Jahres soll die Umstellung geschafft sein. Die Entwicklung der Tüten war kompliziert. 5000 Stunden sind seit 2016 in sie geflossen. Papier ist nicht so flexibel wie Plastik. Und nicht jedes Gemüse dafür geeignet: Rote Beete wird es in den neuen Tüten etwa nicht geben können. Das Gemüse soll künftig in Faltschachteln verkauft werden. „Wenn es so einfach wäre“, sagt Ehlers, „würden es die anderen schon machen.“

Heute aber rattern 35 Kilometer Papier am Tag auf der Linie, um im großen Stil Gerichte einzutüten. Die Tests sind vorbei. Die nachhaltige Verpackung sei „nicht so glamourös“, gesteht Marketingvorstand Ehlers, doch das sei ein Kompromiss, den man eingehe. Ein bisschen teurer ist das Papier auch: 20 Cent dürfte die umweltfreundlichere Verpackung, die sich über das Altpapier entsorgen lässt, mehr kosten.

In der Bilanz hat es deutliche Spuren hinterlassen, dass Frosta für die Zukunft in die Tasche gegriffen hat. An diesem Donnerstag hat die Aktiengesellschaft ihre Zahlen für 2019 präsentiert. Der Gewinn hat sich beinahe halbiert auf 12,6 Millionen von 20 Millionen im Vorjahr. „Das ist für einen Finanzer alles andere als gut“, sagte Maik Busse. Dabei stieg der Umsatz weiter um 2,7 Prozent auf 523 Millionen Euro. Gleich zweifach musste Frosta seine Erwartung für das Geschäftsjahr dämpfen – jüngst Ende Januar. Die Aktionäre sollen dennoch wie im Vorjahr eine Dividende von 1,60 Euro pro Aktie bekommen. Diesen Vorschlag will der Vorstand jedenfalls bei der Hauptversammlung unterbreiten.

Neben den Investitionen drücken vor allem die gestiegenen Rohstoffpreise den Gewinn: Auf das Ergebnis hatten sie einen Effekt von minus 14 Millionen Euro. Erst im letzten Quartal sei es gelungen, die Preise an den Handel weiterzugeben. Die Verzögerung liegt auch daran, dass Verträge erfüllt werden müssen und erst dann neu verhandelt wird. Da habe man mit allen Handelspartnern gerungen. Frosta produziert dabei mit dem strengen Reinheitsgebot für die eigene Marke. Das Geschäft macht ein Drittel aus. Zudem beliefert das Unternehmen die Systemgastronomie wie Nordsee oder Burger King und verkauft Ware an den Handel für deren Produkte in den Supermärkten. Während die Marke Frosta im In- und Ausland zweistellig um 12,2 Prozent zulegte, gingen die Erlöse aus dem Geschäft mit dem Handel zurück.

Das könnte sich fortsetzen. „Wir werden in der Verhandlung nicht jeden Preis mitgehen können“, prognostizierte Busse. Das Geschäft funktioniert so: Wenn Händler ein Produkt verkaufen wollen, gibt es eine Ausschreibung für Produzenten wie Frosta, sie können Angebote abgeben. Eigentlich sei das Geschäft für sein Unternehmen eine Kernkompetenz, sagte Ehlers, hier sei man stark. Wenn der Fisch aber um 40 Prozent teurer sei, müsse man das weitergeben und dann auch nicht einknicken – selbst wenn die Konkurrenz einen Cent billiger sei und den Zuschlag bekomme. „Wir können dann nicht mehr nachgeben. Dann bricht uns die Profitabilität ganz weg.“ Der Vorstand erwartet, dass die Preise auf einem ähnlichen Niveau verharren, der Zenit sei erreicht. Doch um genaue Aussagen zu treffen, müsse die Fangsaison abgewartet werden und der Sommer, die Ernte. Um die Preise für Obst und Gemüse stärker selbst in der Hand zu haben, baut Frosta auch auf eigenen Flächen an.

Wenngleich der Gewinn absackte und die Rohstoffe teurer bleiben dürften, zeigten sich die beiden Vorstände optimistisch. Trotz der Herausforderungen habe man „Ideen zum Fliegen gebracht“, sagte Busse, die Erwartungen sind deshalb besser: Nun rechnet das Unternehmen mit mehr als 1800 Mitarbeitern für 2020 wieder mit einem Gewinn von 20 Millionen Euro.

In Bremerhaven hat Frosta rund 770 Mitarbeiter. Unweit des Firmensitzes produziert Konkurrent Iglo. Während Frosta bei den Pfannengerichten vorne liegt, schafft es der Wettbewerber mit dem Fisch. Vorreiter will Frosta jetzt mit dem Gemüsefisch und den Papiertüten sein. Es sind zwei dicke Fische. Der Kunde muss auf sie anspringen und breit sein, die jeweils höheren Kosten zu zahlen – ein Wagnis.

Doch Frost hat damit Erfahrung. Das Reinheitsgebot bescherte Frosta einst schwere Zeiten: Die Umsätze brachen ein, unterm Strich stand ein Verlust. Heute ist das Unternehmen jedoch überzeugt, die richtigen Weichen gestellt zu haben: Das Reinheitsgebot sei die Basis für den Erfolg von Frosta. „Wir waren vielleicht ein bisschen zu früh, aber heute ist das ein Thema“, sagt Ehlers. Frosta verzichte auf die „Tricks der Lebensmittelindustrie“: Farbstoffe, Zusatzstoffe, Aromen, Geschmacksverstärker. Wieder soll nun auf lange Sicht geplant werden – mit Gemüse statt Fisch und Papier statt Plastik.

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