Made in Bremen: Zwei Jura-Studenten haben eine Firma gegründet, die Anwälten den Alltag erleichtern soll Die Helfershelfer

Bremen. Als sie mit ihrem Jura-Studium angefangen haben, hatten sie sich alles anders vorgestellt. Marco Klocks Spezialgebiet ist Wirtschaftsrecht, Philipp Harsleben kennt sich besonders gut mit Arbeitsrecht aus.
05.04.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Helfershelfer
Von Kathrin Aldenhoff

Als sie mit ihrem Jura-Studium angefangen haben, hatten sie sich alles anders vorgestellt. Marco Klocks Spezialgebiet ist Wirtschaftsrecht, Philipp Harsleben kennt sich besonders gut mit Arbeitsrecht aus. Wenn alles normal gelaufen wäre, hätten sie ihr erstes Staatsexamen gemacht, dann als Referendare in Kanzleien gearbeitet, im Anschluss ihr zweites Staatsexamen absolviert und wären dann Rechtsanwälte geworden. So ist es aber nicht gekommen.

Seit zwei Jahren sind die beiden Unternehmer, vor einem Jahr haben sie die Online-Plattform Edicted gegründet. Der 25 Jahre alte Philipp Harsleben und der 27 Jahre alte Marco Klock versorgen inzwischen 1800 angehende und fertige Juristen aus ganz Deutschland mit Aufträgen. Das Prinzip: Anwälte aus ganz Deutschland geben Arbeit ab, wenn sie zu viel davon haben. Studenten in ganz Deutschland bearbeiten die Aufträge. Marco Klock und Philipp Harsleben stellen den Rahmen. Ohne eigenes Staatsexamen.

Marco Klock zuckt mit den Schultern. Er glaube nicht, dass jemand ihr Unternehmen als unseriös ansehe, nur weil die Gründer noch keine fertigen Juristen seien. Im Übrigen würden sie beide noch dieses Jahr zum ersten Examen antreten.

Beide Männer tragen große dunkle Brillengestelle, sie sitzen in tiefen, cremefarbenen Stühlen in ihrem kleinen Büro und sprechen über Rechercheaufträge, Schriftsätze und Blogeinträge. Das sind die unterschiedlichen Arbeitsaufträge, die Rechtsanwälte über die Plattform Edicted eingeben und damit outsourcen können. Dann wählen sie aus, wer den Auftrag bearbeiten soll: ein Student, ein Referendar oder ein Anwalt mit drei Jahren Berufserfahrung – jeweils natürlich mit einem anderen Stundensatz. Auftraggeber sind einfache Rechtsanwälte, Kanzleien, Rechtsabteilungen großer Unternehmen. Etwa 200 registrierte Nutzer geben über die Plattform inzwischen Arbeit ab.

Es funktioniert also. Aber warum? Sind Rechtsanwälte faul? Nein, sagt Philipp Harsleben. „Sie sind überlastet, kommen mit ihrer Arbeit kaum hinterher.“ Während des Studiums arbeiteten die beiden freiberuflich für Bremer Rechtsanwälte und Kanzleien, recherchierten aktuelle Urteile, suchten gute Argumente, unterstützten bei der Alltagsarbeit. Sie bekamen viele Aufträge. So viele, dass sie anfingen, anderen Studenten welche abzugeben. Mit der Provision druckten sie Flyer, und schließlich fragte ein Rechtsanwalt aus Frankfurt, der heute ihr Partner ist: „Wollt ihr das nicht systematisieren?“

Sie wollten, und so entstand Edicted. Weitere Partner sind ein ehemaliger Dozent und die IT-Agentur, mit der sie die Plattform gebaut haben. Gerade hat die Bremer Aufbau-Bank nach Angaben der beiden Unternehmer ihre Unterstützung zugesagt, mit einem sechsstelligen Betrag steigt sie als Investor ein. Marco Klock und Philipp Harsleben bearbeiten selbst keine Aufträge mehr. Sie vermitteln nur noch, stufen die Schwierigkeit eines Auftrags anhand des Umfangs, des Themas und der Abgabefrist ein. Das System teilt die Aufträge dann zu.

Aber was, wenn ein Mandant zu einem Rechtsanwalt geht, der einen Stundensatz von 200 Euro nimmt? Und der gibt das dann für 24,90 Euro über Edicted an einen Studenten ab? Den Einwand wollen die beiden nicht gelten lassen. Wenn der Anwalt jemanden für die Basisarbeit bezahle und die nicht selber machen müsse, sei das für den Mandanten sogar günstiger. Und die Studenten kämen oft auf Lösungsansätze, die der Rechtsanwalt vielleicht nicht in Betracht ziehen würde. Marco Klock: „Wenn ich Mandant wäre, dann würde ich wollen, dass mein Anwalt die Hilfe von Edicted in Anspruch nimmt. Davon bin ich fest überzeugt.“

Einige der Aufträge bekommt der 27-jährige Leander Dubbert: blaue Turnschuhe, grüne Hose, Lächeln im Gesicht. Normalerweise sitzt er nicht im Edicted-Büro an den Wallanlagen, er arbeitet wie die anderen Bearbeiter von zu Hause oder aus der Bibliothek. Die beiden Gründer kennen nur die wenigsten Bearbeiter persönlich. Aber geprüft haben sie alle. Auch der Bremer Jura-Student hat erfolgreich einen Probeauftrag der beiden erledigt und darf seitdem Aufträge annehmen. Dieser Probeauftrag, den die beiden Gründer bewerten, ist Teil der Qualitätssicherung. Qualität ist wichtig; für viele Anwälte, die darüber nachdenken, einen Teil ihrer Arbeit über Edicted abzugeben, ist das ein Thema. Marco Klock sagt: „Wir werden als seriös anerkannt.“ Auch weil die Qualität stimmt.

Dubberts Spezialgebiet ist Kapitalmarktrecht. Sein erstes Examen hat er in der Tasche, wenn er bald als Referendar arbeitet, bekommt er einen höheren Stundensatz. „Und nach dem zweiten Staatsexamen ist er dann hoffentlich Auftraggeber bei uns“, sagt Philipp Harsleben und lacht. Leander Dubbert lacht auch, nickt und sagt: „Klar, wenn es euch dann noch gibt.“

Philipp Harsleben kann schlüssig darlegen, warum Edicted ein Gewinn für Kanzleien ist. Und warum die Plattform die Branche nicht kaputt macht – sondern sogar einen Fortschritt bedeutet: Auch wenn Studenten einen Teil des Stundenlohns an Edicted abtreten, sei ihr Verdienst doch besser, als wenn sie als Hilfskraft in einer Bremer Kanzlei arbeiten würden. Und viele Studenten bekämen durch Edicted die Möglichkeit, nicht als absolute Anfänger ins Berufsleben zu starten. Anwälte könnten dank Edicted Spezialisten für jedes Themengebiet bekommen, Aufträge könnten 24 Stunden pro Tag eingegeben werden: Der Anwalt muss nicht warten, bis sein studentischer Mitarbeiter seinen Arbeitstag hat. Und ein Anwalt auf dem Land komme nur schwer an studentische Hilfskräfte von der Uni. „Wir schaffen Nebentätigkeit“, sagt Philipp Harsleben.

Auch wenn Outsourcing das Prinzip sei – Arbeitsplätze vernichte ihre Plattform nicht. Wenn eine Kanzlei immer wieder einen Anwalt anfrage, dann werde sie sicherlich irgendwann auch einen einstellen.

Der Anwalt, dem Leander Dubbert zuletzt zugearbeitet hat, hat kürzlich einen Prozess in erster Instanz gewonnen. Er hat ihm eine E-Mail geschrieben und ihm für die Hilfe gedankt. Die gegnerische Partei wurde von einer großen Wirtschaftskanzlei vertreten.

Wenn es hart auf hart kommt, könnten sich die beiden Gründer aber schon vorstellen, mal einen Auftrag zu bearbeiten. „Wir müssen als Kapitän vorangehen, wenn Not an Bord ist“, sagt Marco Klock. Finanziell wird sich das aber erst so richtig lohnen, wenn sie ihre Staatsexamen bestanden haben. Denn bisher dürften die beiden Unternehmer für sich selbst nur den Studenten-Tarif abrechnen.

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